Das Museum ist kein Museum

  • Der Spaßvogel ohne Humor war nur selten ohne sein Markenzeichen, die 
Melone, zu sehen: René Magritte als eigenes Modell in "Le Pèlerin / Der 
Pilger" (1966, Sammlung Ross) ...
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    fotos: rené magritte museum, charly herscovici / vbk wien, 2011

    Der Spaßvogel ohne Humor war nur selten ohne sein Markenzeichen, die Melone, zu sehen: René Magritte als eigenes Modell in "Le Pèlerin / Der Pilger" (1966, Sammlung Ross) ...

  • ... und bei einem Klamauk in seinem kleinen 
Hof.
    foto: rené magritte museum, charly herscovici / vbk wien, 2011

    ... und bei einem Klamauk in seinem kleinen Hof.

Für die kommende Woche in der Albertina startende Magritte-Retrospektive gelang es, einige der Hauptwerke des Belgiers zu gewinnen - Auch in seiner Heimatstadt Brüssel ist das Erbe des Surrealisten hart umkämpft

Er war Fan und Feind. Liebe und Hass bezüglich René Magritte lagen bei Marcel Mariën, der am wenigsten fassbaren Figur der belgischen Surrealisten, nah beieinander. Über André Bretons surrealistisches Manifest stieß er 1937 auf Magritte, suchte den persönlichen Kontakt mit dem mehr als zwei Jahrzehnte Älteren und wurde schließlich Teil der beschaulichen Brüsseler Gruppe.

Zwar konnte Mariën nicht malen, machte dies jedoch mit experimentellen Einsatz seiner Medien wett. Er schrieb zahlreiche Essays und mauserte sich zum Chronisten der belgischen Surrealisten. Und obwohl diese stets zu Späßen aufgelegt waren (so druckte man etwa 100-Francs-Noten mit Magrittes Konterfei und soll diese sogar in Umlauf gebracht haben) trieb Marien 1962 mit La Grande Baisse (Die große Reduktion) seine Possen zu weit. Er veröffentlichte im Namen Magrittes ein Flugblatt.

Auf dem mokiert sich der zu dieser Zeit erfolgreich aus dem Schatten von Salvador Dalí und Max Ernst herausgetretene Magritte angeblich darüber, dass die Preise für seine Werke inzwischen viel zu hoch seien. Darunter eine Liste, die etwa die Meerblick-Version des Gemäldes La Condition humaine für 100 Dollar oder 500 belgische Francs anbot; Zeichnungen sollten nur einen läppischen Dollar kosten. Selbst die Größe des Bildes konnte man aussuchen. Ein Ausverkauf, zu dem Magritte sogar Breton, seit 1929 mit dem Belgier zerstritten, beglückwünschte.

Magritte was not amused. Der Meister des verbildlichten Wortwitzes, der mit seinen Freunden oft karnevaleske Nachmittage im eigenen Garten verbrachte, verstand, wenn es um ihn selbst ging, keinen Spaß. Und was Magrittes Erbe anbelangt, hört sich in Brüssel auch heute noch der Spaß auf.

Für das 2009 eröffnete, staatlich finanzierte Musée Magritte ist etwa das private René-Magritte-Museum schlichtweg inexistent. 1999 eröffnete der Kunstsammler André Garitte, seit Teenager-Tagen mit dem Surrealisten-Virus infiziert, in Magrittes ehemaligem Wohnhaus in der Rue Esseghem ein kleines Museum. 80 Prozent des Originalmobiliars trieb er wieder auf, der Rest ist liebevoll nach Fotografien rekonstruiert.

Nostalgie und Erotik

Die Stadt ließ auch eine der nostalgischen Straßenlaternen wieder aufstellen, die so wie andere Details aus Magrittes Wohnung in den Gemälden auftauchen. Garettes Kollektion umfasst Dokumente, Fotografien, Briefe (etwa das Kondolenz-Telegramm von König Baudouin an Magrittes Witwe Georgette) und kleinere Arbeiten, wie ein erotisches Blatt von 1930, das im Buch seines besten Freundes Louis Scutenaires auftauchte.

24 Jahre, von 1930 bis 1954, lebte der oft als braver Biedermann verschrieene Künstler mit Frau und weißem Spitz in dem schmalen Haus im Brüsseler Vorort Jette. Mehr als die Hälfte seiner Bilder malte er im winzigen Esszimmer mit Blick auf die Vogelvolière im Miniaturhof im Miniaturgarten. Im Anzug. Vormittags. Am Nachmittag spielte er Schach.

"Das Haus ist kein Museum", ätzt Charles Herscovici, Präsident der Magritte Foundation und wichtiger Leihgeber und Vorstand des großen Magritte-Museums. Das Haus habe rein gar nichts mit dem Werk Magrittes zu tun, zu einem Museum gehöre mehr als ein paar Poster und Möbel. Reine Geschäftemacherei.

Ausbeutung, heißt es auf der anderen Seite mit Blick auf die Vermarktung der Magritte'schen Bildrechte, die Charles Herscovici von der Witwe geerbt hat. Den Grund für den Zwist bringt Garette, auch er kein Humorist, auf den Punkt: Zur Eröffnung des öffentlichen Hauses bot man eine Fusion an. Man wollte den Namen. Garette, der sich diesen vor 15 Jahren schützen ließ, lehnte dankend ab.

Die Bildrechte haben es Herscovici ermöglicht, eine beachtliche Sammlung anzuhäufen. 59 Objekte leiht er dem Musée Magritte. Und das stünde ohne permanente Leihgaben und Schenkungen, etwa von der Scutenaire-Witwe Irène Hamoir, ziemlich nackt da.

Die Kollektion aufzustocken, dazu gibt es aktuell in New York rare Gelegenheit. In der Nacht auf Mittwoch gelangten bei Christie's gleich vier Magrittes unter den Hammer, tags darauf folgt Sotheby's mit Le droit chemin, das der Künstler einst persönlich dem Israel-Museum in Jerusalem vermachte. Kein Hauptwerk. Herscovici, der zu den Auktionen in die USA reiste, würde sich dennoch über diesen Neuzugang freuen. Große Hoffnungen macht er sich allerdings nicht. Es gibt reiche Sammler aus Russland und China, die unbedingt einen Magritte wollen. "Der Preis ist ihnen egal." (Anne Katrin Feßler aus Brüssel, DER STANDARD/Printausgabe 2. November 2011)

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