Österreichs Politiker bleiben weit hinter Erwartungen zurück

1. November 2011, 17:37
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Ehrlich und unbestechlich, kompetent und gerecht - so wünschen sich die Österreicher den idealen Politiker - Aber die Parteichefs entsprechen diesen Vorstellungen kaum - sie punkten allenfalls mit Sekundärtugenden

Linz - Christlich wäre er ja, der Michael Spindelegger. Es ist die am deutlichsten hervortretende Eigenschaft, die dem ÖVP-Chef zugetraut wird, vor allem von seinen eigenen Wählern. Aber: Nicht einmal jedem zweiten ÖVP-Wähler ist es wichtig oder sehr wichtig, dass ein Politiker christlich ist - in der Gesamtheit der österreichischen Wahlberechtigten wird dieser Aspekt überhaupt mehrheitlich als unwichtig eingestuft.

Die Grafik oben zeigt: Nur den harten, unnahbaren "starken Mann" wollen die Österreicherinnen und Österreicher noch weniger als den frommen Politiker. Dieser Typus kommt nur bei einer Minderheit von politisch Unentschlossenen und bei einer noch kleineren Minderheit der FPÖ-Wähler an. Selbst der FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der sich manchmal in der harten Rolle gefällt, bekäme in dieser Kategorie nur die Schulnote 2,66.

Für Kanzler Werner Faymann gibt es für "hart, unnahbar" die Note 3,76, für Spindelegger 3,70. In diesem Punkt entsprechen Österreichs Politiker noch am ehesten dem Wunschbild.

Geht es dagegen um die wirklich breit gewünschten Eigenschaften, dann kommen diese in der vom Linzer Market-Institut im Auftrag des STANDARD gestellten Umfrage nur unter "ferner liefen". Market fragte zu jedem einzelnen Parteichef: "Denken Sie nun bitte an X. Bitte sagen Sie mir zu jeder Eigenschaft, ob diese Ihrer Meinung nach auf X zutrifft oder nicht zutrifft. Bewerten Sie bitte nach dem Schulnotensystem. Eins bedeutet 'trifft sehr zu' und fünf bedeutet 'trifft gar nicht zu'. Dazwischen können Sie abstufen."

Die von den Österreichern am höchsten geschätzte Politikertugend, die Ehrlichkeit, schafft es nur bei Grünen-Chefin Eva Glawischnig unter die fünf meistgenannten Eigenschaften (Durchschnittsnote 2,78). Für Spindelegger gibt es bei der Ehrlichkeit die Durchschnittsnote 2,96 - ähnlich BZÖ-Chef Josef Bucher (2,97). Für Strache ergibt sich der Mittelwert 3,14 und für Kanzler Werner Faymann, dem besonders auf die Finger geschaut wird, nur 3,18.

Wenig Wunsch nach Toleranz

Die Grafik verdeutlicht jedoch, dass die Koalitionsspitzen Faymann und Spindelegger (abgesehen von Spindeleggers religiösem Bekenntnis) recht ähnlich wahrgenommen werden: Beide gelten als vorsichtig und bedächtig, eine staatsmännische Tugend, die nicht einmal in der höchsten Bildungsschicht geschätzt wird.

Ähnlich ist es mit der Einschätzung der Toleranz, die Grünwähler mit 1, 55 und SPÖ-Wähler mit 1,79 Prozent als Wunsch bewerten, Maturanten und Akademiker aber nur mit 1,98. Als am ehesten tolerant wird Faymann (2, 83) erlebt, als intolerant Strache (3,59).

Führungskraft (Wunschnote 1,55) wird beim Kanzler nur mit 3,43 bewertet, ähnlich bei Spindelegger (3,47) - in der Schule wäre das gerade ein "Befriedigend". Strache schlägt die beiden um Längen, Note 2,04.

Fairness und Gerechtigkeit stehen hoch oben auf der Wunschliste - und vor allem die SPÖ nimmt sich des Themas an. Aber alle Politiker (außer Strache) werden da mit einer Note von knapp drei ähnlich bemüht gesehen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2011)

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