Griechen sollen über EU-Rettungspaket abstimmen

1. November 2011, 15:01

Premier Papandreou will Bürger über EU-Deal samt rigiden Sparkurs abstimmen lassen - Zustimmung fraglich - Märkte reagieren schockiert

Athen - Die griechische Schuldenkrise sorgt auch nach dem vergangene Woche ausgehandelten Hilfspaket der EU für Schlagzeilen. Die Ankündigung des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou, sein Volk über die Annahme der mit einem rigiden Sparkurs zuhause verbundenen EU-Hilfe abstimmen zu lassen, hat auf den internationalen Märkten für massive Kursstürze gesorgt.

"Die Ankündigung der Volksabstimmung über die Griechenland-Hilfe trifft die Märkte wie ein Bombeneinschlag", sagte ein Börsianer. Bis zu einem Votum der Griechen könnten Monate vergehen, da Gesetzesänderungen erst die Voraussetzungen schaffen müssten. Monate der Unsicherheit für die Märkte und des drohenden Stillstands, hieß es.

Die deutsche Regierung, die maßgeblich hinter dem Pakt steht, wurde von der neuesten Volte offenbar völlig überrascht und wollte keine offizielle Stellungnahme abgeben. Bei einem negativen Ausgang des Referendums, das übrigens erst das Zweite seit Ende der Militärdiktatur 1974 ist, droht Griechenland der Austritt aus der Eurozone.

"Wir vertrauen den Bürgern, wir glauben an ihre Urteilsfähigkeit, wir glauben ihrer Entscheidung", sagte Papandreou vor Parlamentariern seiner regierenden sozialistischen PASOK in Athen.

Beobachter geben dem Vorhaben nur geringe Erfolgschancen, sieht der Schuldendeal doch weitere harte Sparmaßnahmen vor. Einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage zufolge sind 60 Prozent der Griechen gegen die Vereinbarung, die Griechenland durch einen massiven Schuldenschnitt Luft verschaffen soll. Scheitert der Plan, ist eine Insolvenz des Euro-Staates wohl unvermeidlich.

Vertrauensfrage

Papandreou kündigte zudem an, im Zusammenhang mit dem Schuldendeal die Vertrauensfrage im griechischen Parlament stellen zu wollen. Seine Panhellenische Sozialistische Bewegung (PASOK) hat in der Volksvertretung eine knappe absolute Mehrheit, doch war schon bei vergangenen Abstimmungen über die unpopulären Sparvorhaben immer wieder darüber spekuliert worden, dass einige sozialistische Abgeordnete dem Premier die Gefolgschaft verweigern könnten. Beobachter werteten auch die Referendumsankündigung Papandreous als mögliches Anzeichen dafür, dass er sich einer parlamentarischen Mehrheit für die jüngsten Sparpläne nicht mehr sicher ist.

Mehrheit schmilzt

Die Mehrheit Papandreous schmilzt indes weiter. Am Dienstag trat eine Abgeordnete der regierenden Sozialisten aus der Fraktion aus. Damit schrumpft Papandreous Mehrheit auf nur mehr 152 von 300 Sitzen. Sechs führende Mitglieder seiner sozialistischen Pasok-Partei forderten Papandreou der Nachrichtenagentur ANA zufolge zudem am Dienstag zum Rücktritt auf. "Das Land braucht dringend eine politisch legitimierte Regierung", zitierte die Agentur aus einem Brief der sechs Politiker. Bei ihnen handelt es sich um Vertraute des früheren Ministerpräsidenten Kostas Simitis. 

EU hat "Vertrauen" in Athen

"Wir haben vollstes Vertrauen, dass Griechenland seinen Verpflichtungen nachkommt, die es mit der Eurozone und der internationalen Gemeinschaft vereinbart hat", erklärten EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso am Dienstag in Brüssel. Sie nahmen damit Bezug auf von Griechenland zugesagte Einsparungen im Gegenzug für weitere Hilfen.

Die Pläne für eine Volksabstimmung habe die EU "zur Kenntnis genommen", hieß es in der Erklärung weiter. Bei dem Brüsseler Gipfel hatten die Euroländer vergangene Woche weiteren Hilfen für Griechenland zugestimmt und mit der internationalen Bankenvereinigung IIF einen 50-prozentigen Schuldenschnitt für das Land ausgehandelt. Sie seien "überzeugt", dass die für Griechenland ausgehandelten Beschlüsse "das Beste" für das Land seien, erklärten Van Rompuy und Barroso.

Märkte geschockt

Die Ankündigung am gestrigen Abend hat die Märkte geschockt. Besonders deutlich belastete sie - an Börsen, die in Europa nicht feiertagsbedingt geschlossen waren - die Finanztitel, die zuletzt von der Hoffnung auf einen Ausweg aus der Schuldenkrise getragen worden waren. So rutschten Papiere der Commerzbank nach Sitzungsbeginne um 8,08 Prozent an das Dax-Ende, Anteile der Deutschen Bank knickten um 7,13 Prozent ein. Die Aktien der Aareal Bank brachen im MDax gar um um 12,80 Prozent ein. Der Dax rutschte inzwischen wieder unter die Marke von 6.000 und zeitweise gar 5.900 Punkten ab. Zuletzt verlor er 3,83 Prozent auf 5.906,15 Punkte.

Noch härter als die deutschen Banken traf es Kredithäuser aus Frankreich: Der Kurs der Großbank Societe Generale fiel in der Früh an der Pariser Börse um 11,78 Prozent. Konkurrent BNP Paribas verlor um 9,71 Prozent, Credit Agricole um 9,62 Prozent. Am Handelsplatz in London geriet die Royal Bank of Scotland um 8,42 Prozent ins Minus. Barclays Capital verlor um 8,35 Prozent.

Die italienische UniCredit-Bank, zu der auch die österreichische Bank Austria gehört, geriet inzwischen um 7,37 Prozent ins Minus.

Deutschland überrascht

Auch die Bundesregierung reagierte offensichtlich überrascht. Es handle sich um eine "innenpolitische Entwicklung in Griechenland, über die der Bundesregierung bisher keine offiziellen Informationen habe und die sie deswegen auch nicht kommentiere", teilte das deutsche Finanzministerium mit. Weiter hieß es, der Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Eurozone habe in der vergangenen Woche "klare Erwartungen" formuliert. "Demnach soll das zweite Hilfspaket für Griechenland bis Ende diesen Jahres stehen. Daran arbeiten wir alle zur Zeit mit hoher Intensität."

Experte: Hochriskantes Vorhaben

Der Präsident der European School of Management and Technology in Berlin, Jörg Rocholl, sprach am Dienstag im ZDF von einer "sehr überraschenden und auch sehr mutigen Entscheidung" von Ministerpräsident Giorgos Papandreou. "Denn wenn sie nicht gutgeht, und dafür spricht im Moment ja einiges, weil es Widerstände in der griechischen Bevölkerung gibt, könnte es sein, dass sich die anderen Staaten nicht mehr an ihre Versprechungen gehalten fühlen müssen". Sie könnten sich dann aus der Griechenland-Rettung zurückziehen. Das aber könnte dann bedeuten, "dass Griechenland nicht mehr im Euro bleiben könnte".

Mit deutlichen Worten kommentierte auch Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, die aktuelle Lage. Zwar sei die überwiegend negative Haltung der Griechen gegenüber dem verschärften Reformprogramm verständlich. "Sollten die Griechen Anfang 2012 aber immer noch diese Meinung vertreten, ist das Votum als Selbstmord aus Angst vor dem Tod zu klassifizieren", so der Experte. Eine Ablehnung würde zu "Chaos" führen, Hilfszahlungen wären nicht mehr möglich. Das zuletzt aufgeblühte "Pflänzchen der begründeten Hoffnung" sei jedenfalls neuen Gefahren ausgesetzt

Finanzminister im Krankenhaus

Griechenlands Finanzminister Evangelos Venizelos ist am Dienstag mit Magenproblemen in ein Athener Krankenhaus eingeliefert worden. Es werde erwartet, dass er im Tagesverlauf wieder entlassen werde, teilte das Büro von Venizelos mit. Der frühere Verteidigungsminister hatte den Posten als Chef des Finanzressorts erst im Juni inmitten der Schuldenkrise von Giorgos Papakonstantinou übernommen. Wie die europäischen Kollegen arbeitete Venizelos zuletzt nahezu rund um die Uhr, um die Insolvenz seines Landes zu verhindern. (red/APA/Reuters)

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Posting 1 bis 25 von 1694
aufgeklärtbisheiter
00
3.11.2011, 02:29

Spannend. "Alle" regen sich über die bösen Griechen auf. Dabei sollten sie sich eigentlich über unsere Politiker aufregen. Würden diese nicht krampfhaft versuchen unsere Banken zu retten, könnt uns Griechenland völlig wurscht sein.
Würden die Politiker für das Volk handeln, würden sie die Spareinlagen sichern und die Banken krachen gehen lassen. Aber nein, lieber den Staat belasten (und damit auch die Spareinlagensicherung riskieren, denn ein Staat der Pleite ist, kann auch nix mehr besichern) und die Kohle in die Banken pumpen.

Sky7
00
2.11.2011, 16:34
Schade um jeden Cent

Ich hoffe, dass unsere verbl...ten Politiker jede Zahlung an Griechenland einstellen, zumindestens bis zum Ende der Volksabstimmung.

Super Saubär
00
2.11.2011, 13:13
Hallo Papandreou, so funktionierts:

1) Sofort - heute, 15:00 Uhr alle Guthaben auf griechischen Banken, die Griechen gehören und höher als 1.000.000 € sind, einfrieren. Den Konten/Depot-Inhabern geht ein nettes Formular zu, in dem sie die Herkunft der Guthaben deklarieren müssen.

Und bitte die Yachten im Hafen von Piräus nicht vergessen!

Das nennt man Beweislastumkehr und wirkt Wunder!

Alles, was bis Jahresende nicht belegt ist, verfällt dem Staat. Hinterher kümmert man sich um die Immobilien - die können nämlich nicht davonlaufen ...

2.) Beamtengehälter ab sofort nur mehr 14 x auszahlen und auf einen europ. Schnitt kürzen. Aufnahmestopp! Sofort! Verwaltung ISO-zertifizieren lassen! Die Dokumentation nicht existenter Arbeitsabläufe öffnet dann ganz schnell die Augen!

aufgeklärtbisheiter
00
3.11.2011, 02:32

Wassn das für eine Idee?

Mit welchem Recht frieren Sie pauschal alles Geld ein? Auch Geld, das u.U. völlig legal auf den Konten liegt?

Super Saubär
00
3.11.2011, 12:02
Auch Geld, das u.U. völlig legal auf den Konten liegt?

Das könnte man ja dann beweisen! Die Kohle muss deshalb eingefroren werden, damit die Mistwagln ihre schwarzen Schäfchen nicht ins Trockene bringen können!

Wenn sie auf der Rapid-Westtribüne einen besoffenen Gewalttäter suchen, müssen sie auch zuerst alle Besoffenen einkassieren - sonst taucht der Gesuchte unter.

DieBo
10
2.11.2011, 09:53
tatsache ist, der grieche selbst hat noch genug geld. Nur ihre, aber auch unsere Banken nicht. Deswegen die helle Aufregung, denn wem gehören die Banken?

Fritz Wunderlich
11
1.11.2011, 19:23

theoretisch betrachtet ist das eine abstimmung von steuerbürgerinnen über die finanzmärkte, abstahiert von griechenland, durchaus interessant

die erste ihrer art

Poldi Fesch
00
1.11.2011, 19:37
die Schweizer machen

das regelmaeszig

Fritz Wunderlich
00
1.11.2011, 20:41



du meinst etwas qualitativ anderes

die schweizerinnen haben noch nie über ihre banken und die damit verbundene kapitalflucht abgestimmt

http://www.youtube.com/watch?v=-... re=related

Poldi Fesch
00
2.11.2011, 13:56
da reicht jetzt

mein Spanisch nicht, aber ch taet meinen, die Ch IST eine Abstimmung ueber die Banken

Fritz Wunderlich
00
2.11.2011, 20:03

an sich

:-))

Poldi Fesch
00
2.11.2011, 21:16
:)

ja, eh

Super Saubär
23
1.11.2011, 19:16
Die Drachme naht ....

Aber, wieso eigentlich Drachme?

Ich wär da für etas Kreativeres!

1 Schuldenbeutl = 100 Negeranten

aufgeklärtbisheiter
00
3.11.2011, 02:33

Habens die 56.000 Euro die Österreich in ihrem Namen an Schulden hat eh schon brav zurückgezahlt?

miles a head
00
1.11.2011, 18:59
frage an das forum

wie schafft es eigentlich japan, seine staatschulden zu begleichen? dass sie von den (u.s.) ratingagenturen nicht geprügelt werden können, wissen wir. aber wie geht das mit dem zinsendienst bzw. der rückzahlung des kapitals ohne die investitionen drastisch zurückzufahren? extra lange laufzeiten?

http://www.indexmundi.com/g/r.aspx?... v=143&l=de daten sind nicht ganz aktuell

Girgl Galgenstein
00
1.11.2011, 19:33
Es geht nicht darum ob man die Staatsschulden begleichen kann

sondern darum, ob man seinen laufenden Verpflichtungen aus den Schulden nachkommt. Dies passiert in Japan, aber nicht in Griechenland und hier liegt der Unterschied.

Super Saubär
00
1.11.2011, 20:24
EIn weiterer Grund ist, dass ...

...die meisten Schulden Japans "innerjapanische" Schulden sind. Daher ist ihnen die Fukushima-Krise auch nicht gar so auf den Kopf gefallen ....

FaithlessVoid
01
1.11.2011, 18:36
Und was wäre die Konsequenz?

Dass ein negatives Votum zu Chaos führen würde, ist mir zu wenig konkret.

Was passiert denn wirklich? Griechenland führt wieder Drachmen ein und beginnt bei 0?
Wäre ja ein echter Gewinn!

Ein Cut, alle Schulden weg, Notenpresse presst frisches Gled mit anderen Bildern drauf, und schon gehts munter weiter?

Oder wird ein chaotischer Jahrhundertsturm über das LAnd hinwegfegen, und das Meer wird nicht mehr blau sein?

Der Punkt ist doch der: Die "Experten" wissen nicht was passieren kann. Genau wie so scheinbar nicht wussten, dass man ein komplett überschuldetes Land nicht sanieren kann, indem man noch mehr Schulden zu absurden Zinsen absegnet. Das war dem kleinen Mann aber schon vor über einem Jahr klar. Jetzt will er sich wehren - absehbar

aufgeklärtbisheiter
00
3.11.2011, 02:39

Is das beste das GR machen kann. Sie sind auf einen Schlag alle Schulden los und können von vorne anfangen.
Investitionen kosten einen Spott, versprechen aber dank nicht vorhandener Schuldenlast gute Gewinne, weshalb auch genug Ausländer investieren werden. Vielleicht nicht die, die vorher Kohle versenkt haben, aber ganz sicher andere.
Wo Gewinne in Aussicht sind, ist auch Kapital nicht weit. War noch nie anders.

Girgl Galgenstein
00
1.11.2011, 19:37
So einfach ist die Sache nicht.

Die griechischen Anleihen werden zu einem Großteil von griechischen Banken gehalten. Wenn diese ihre Anleihen alle auf Null abschreiben können ist deren Bereitschaft den Staat mit neuen Krediten zu versorgen ebenfalls gleich Null. Gleiches gilt auch für die übrigen Kreditoren. Der Staat könnte sich dann nur noch aus den laufenden Einnahmen finanzieren. Angesichts der geringen Steuermoral reicht dies natürlich hinten und vorne nicht, zumal diese Einnahmen erst nach einiger Zeit, sprich nach Zahlung der Steuern und Abgaben einstellen. Im Endeffekt wäre dieser Prozess nicht weniger schmerzhaft als die Lösung, die derzeit auf dem Tisch liegt.

aleph null
00
2.11.2011, 03:18
Aber geh!

Bankdirektoren sind auch in GR politisch besetzte Posten. Dass die dem Staat kein Geld mehr geben, halte ich für ein Gerücht.

Und was die Einnahmen betrifft, die sich angeblich erst nach einiger Zeit einzustellen: dafür gibt es eine Einkommenssteuervorauszahlung.

Tja, und dass sich Griechenland darum kümmert, dass alle Bürger Steuern zahlen, wäre sicher auch nichts Schlechtes.

so oder so (oder so ähnlich)
 
03
1.11.2011, 18:02
„Griechenland ist wie ein blinder Passagier an Bord der Eurozone gekommen. Die christliche Nächstenliebe verbietet aber, sie von Bord zu werfen.“

hat Theo Waigl noch vor Kurzem im "Focus" gesagt.

Jetzt wollens plötzlich selbst ins Wasser springen und wir ersparen uns das unsolidarische Von-Bord-Werfen.

W. Müller
 
00
1.11.2011, 18:34
Wir sollten sie anständigerweise ...

... in den nächsten Hafen mitnehmen und dort von Bord geleiten.

Funk1
00
1.11.2011, 18:32
sehr gute feststellung von waigl

nur die schlussfolgerung muss es noch überdenken

Robert Cvrkal
 
04
1.11.2011, 17:42

Nicht Griechenland reißt Europa in die Krise sondern es sind die Verantwortlichen (EU-Ebene, unsere Politiker usw.) die seit Jahren nicht Willens oder fähig sind notwendige Reformen zu schaffen und umzusetzen und die Bevölkerung mitzunehmen. Auf Dauer kann man nicht gegen die Interessen der Bevölkerung regieren. Deshalb Bürgerbeteiligung jetzt damit Europa nicht im Chaos versinkt, welchen die Politik durch ihre Fehlentscheidungen mitverursacht hat.

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