Sensibler, grauer Klumpen

2. November 2011, 17:00
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Unser Gehirn ist ein äußerst komplexes, hochempfindliches Organ, das wir durch zunehmenden Zeit- und Leistungsdruck immer häufiger überstrapazieren

Schon wieder läutet das Telefon. Der bis an den Rand gefüllte Terminkalender lässt einen schon beim Anblick erschöpft zurück und quasi nebenbei sollten noch Unmengen an E-Mails gelesen, gelöscht oder beantwortet werden. - Täglich müssen wir eine Flut von Informationen sortieren, verstehen, bewerten speichern, aber auch wieder "loswerden" und uns dabei noch möglichst flexibel zeigen. 

Gesundheitlicher Tribut

Eine Entwicklung, die auch ihren gesundheitlichen Tribut fordert, denn laut der Österreichischen Vereinigung für Supervision (ÖVS) ist das Burn-Out-Syndrom mittlerweile die "Volkskrankheit Nummer Eins", von der im vorigen Jahr 500.000 Österreicher betroffen und weitere 1,5 Millionen akut gefährdet waren. Den daraus entstandenen volkswirtschaftlichen Schaden schätzen Experten auf rund sieben Milliarden Euro. Die Gründe für das "Ausbrennen" sind vielschichtig und haben sowohl berufliche als auch private Ursachen, der kleinste gemeinsame Nenner dürfte aber im wachsenden (ökonomischen) Druck liegen, den jeder Einzelne in allen Lebensbereichen verstärkt zu spüren bekommt. "Die bislang vorausschauende Sorge von 'Vater Staat' kehrt sich nun um in das neoliberale 'Härtungsprojekt', das nur noch 'Tüchtigen' Wege und Tore zu eröffnen trachtet" und "allmählich alle Sphären des Lebens wie des Arbeitens, des Denkens wie des Fühlens, der Psyche wie des Körpers erfasst", ist etwa die Politologin Eva Kreisky von der Uni Wien überzeugt. Auf der anderen Seite können wir unsere körperliche und geistige "Konfiguration" nicht beliebig an die neuen Rahmenbedingungen anpassen, sondern sind auf jenes "Werkzeug" angewiesen, das uns naturgemäß zur Verfügung steht.

Wege aus dem Dilemma

Allerdings besitzen wir die Möglichkeit zur Selbstreflexion. Indem wir unseren "Geist" und damit auch unser Gehirn verstehen, haben wir die Chance aktiv Strategien gegen Überforderung, Konkurrenzdruck oder Existenzängste zu entwickeln. Unsere geistige "Kommandozentrale" besitzt ein Gewicht von etwas mehr als einem Kilogramm und ist dem Aussehen nach ein gräulich- cremefarbener runzeliger Klumpen, der aus Eiweiß, Fett und Proteinen besteht. Dabei handelt es sich um ein hochkomplexes Organ, aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die durch rund 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. Zudem ist das Gehirn eines Menschen nicht "statisch", sondern verändert mit jedem neuen Gedächtnisinhalt seine "Form". Überspitzt formuliert bedeutet das: Nach dem Lesen dieses Artikels, wird Ihr Gehirn etwas anders sein als zuvor.

Begrenzte Energieressourcen berücksichtigen

Das Treffen von Entscheidungen sowie das Lösen von Problemen werden primär von einem Gehirnareal - dem präfrontalen Kortex - übernommen. Diese Region entwickelte sich im Rahmen der menschlichen Evolution zuletzt und umfasst lediglich vier bis fünf Prozent des gesamten Hirnvolumens. Ohne diesen präfrontalen Kortex wären wir nicht in der Lage uns Ziele zu setzen oder uns bisher unbekannte Situationen vorzustellen. Er ist also so etwas wie der biologische Sitz für die bewusste Interaktion mit der Welt, die es uns möglich macht über Dinge nachzudenken. Die fünf Funktionen Verstehen, Entscheiden, Erinnern, Abspeichern und Hemmen machen einen Großteil unserer bewussten Gedanken aus, wobei unzählige "Daten" immer wieder neu miteinander kombiniert werden müssen, damit wir planen, Probleme lösen, Strategien entwickeln oder kommunizieren können. "Hierbei wird der präfrontale Kortex intensiv genutzt, was wichtige Ressourcen erfordert", erklärt der US-amerikanische Unternehmensberater David Rock, der die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaft in seinem Buch "Brain at Work" zusammengefasst hat.

Das ist auch der Grund warum Aufgaben wie das Planen von Meetings bereits nach einer Stunde zur Erschöpfung führen, während etwa das Lenken eines Autos - sofern man kein Fahranfänger ist - keinen vermehrten Einsatz des präfronalen Kortex erfordert. Für Routinehandlungen ist nämlich ein anderes Hirnareal zuständig - die Basalganglien. David Rock empfiehlt daher einen ausgewogenen Mix an energieintensiven und routinemäßigen Tätigkeiten, um so die nötigen Erholungspausen für das Gehirn zu schaffen. Damit ist wohl auch zu erklären, warum wir geistig anspruchsvolle Arbeiten häufig durch unbewusste "Übersprungshandlungen" unterbrechen. An erster Stelle jedes Arbeitstages sollte daher das Erstellen einer Prioritätenliste und nicht das Beantworten unzähliger E-Mails stehen.

Stress ist notwendig

Laut einer Studie des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) steht fast jeder dritte heimische Arbeitnehmer unter Stress. Grundsätzlich ist das nicht per se negativ, solange dieser zeitlich begrenzt ist. Damit wir morgens aus dem Bett und auf Touren kommen, brauchen wir zumindest ein gewisses Maß an Stress. Denn dabei werden Dopamin und Noradrenalin ausgeschüttet, die der präfrontale Kortext benötigt, um ideal zu funktionieren.

Bei zu starkem Druck werden allerdings große Mengen dieser Neurotransmitter produziert, was zur Folge hat, dass die Nervenzellen nur mehr eingeschränkt miteinander "kommunizieren". Deshalb haben Menschen in Stresssituationen wie Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen regelrechte geistige Blockaden, in denen ihnen die "richtigen" Worte und Argumente partout nicht einfallen wollen. Zudem neigen wir dazu, unser Gehirn damit zu überfordern, indem wir unzählige Dinge gleichzeitig im Kopf behalten möchten. Das ist aber nur sehr begrenzt möglich, denn bewusste Tätigkeiten werden nur seriell erledigt. "Es ist wie bei einem Taschenrechner: Sie können zwei Zahlen nicht gleichzeitig miteinander multiplizieren und dividieren", erklärt David Rock. 

In Kombination mit Routinetätigkeiten ist das sogenannte "Multitasking" allerdings machbar. Befinden wir uns beispielsweise auf einer bekannten Route, so fällt es uns leicht gleichzeitig das Auto zu steuern und mit dem Beifahrer zu sprechen. Kommt jedoch ein neuer, unbekannter Straßenabschnitt, gerät das Gespräch ins Stocken. David Rock rät deshalb, im Arbeitsalltag so viele Routinen wie möglich zu entwickeln. Das ist üblicherweise aber nur im begrenzten Ausmaß möglich, weshalb geistig anspruchsvolle Tätigkeiten immer nacheinander erledigt werden sollten. Das mehrfache "Switchen" zwischen unterschiedlichen Aufgaben macht hingegen fehleranfällig und ist zudem energieraubend.

Der Mensch wird primär von Angst gesteuert

Wir teilen die Umwelt grob in zwei Kategorien ein: In Dinge, die den Menschen entweder verletzen oder sein Überleben sichern. "Sämtliche menschliche Handlungen basieren auf der Entschlossenheit des Gehirns, Gefahr zu minimieren und Belohnung zu maximieren" ist Evian Gordon, Gründer der Brain Ressource Company, die Entwicklerfirma der weltweit größten Datenbank zum Thema Gehirn, überzeugt. Bei positiven oder negativen Gefühlen wird unser limbisches System automatisch erregt. "Die Erregung durch Gefahr entsteht allerdings schneller, dauert länger und lässt sich schwerer vertreiben" schreibt David Rock in seinem Buch "Brain at Work". Das ist auch der Grund warum das limbische System viel häufiger ängstlich als glücklich ist. In solchen Situationen werden die Ressourcen für den präfrontalen Kortex minimiert und für unser "Gefühlszentrum" zur Verfügung gestellt.

In der Arbeitswelt stellt der Statusverlust die größte existenzielle Gefahr dar. Bereits ein Gespräch mit dem Vorgesetzten oder mit einem Kollegen, der sich in der Unternehmenshierarchie weiter oben als man selbst befindet, nehmen wir als Statusbedrohung wahr, bei der das limbische System aktiviert wird und im schlimmsten Fall sogar die Oberhand gewinnt. David Rock nimmt hier die oberste Managementebene in die Pflicht, in dem er dafür plädiert, dass diese eigene Fehler zugeben und keine Probleme damit haben sollten, so ihren eigenen Status herabzusetzen. Außerdem führen Wertschätzung und positives Feedback zur Aktivierung des Belohnungszentrums. Eigentlich ziemlich logisch und banal, doch anscheinend zählen die einfachsten Dinge oft auch zu den schwersten. (Günther Brandstetter, derStandard.at, 3.11.2011)

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    Laut Erkenntnissen der Neurowissenschaft nehmen wir ein Gespräch mit dem Vorgesetzten als Statusbedrohung wahr, bei der das limbische System aktiviert wird.

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