Die NBA-Fans haben Spieler und Klubbesitzer in Amerika zu großen und kleinen Millionären gemacht - Auch im Tarifstreit sind sie zum Zuschauen verdammt
Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert - Während sich die NBA in einer Sackgasse befindet und die Liga mit den Spielern weiter um Klubeinnahmen, Vertragslaufzeiten und Transferrechte streitet, kommen in den Medien immer wieder dieselben Leute zu Wort: NBA-Bosse, Gewerkschaftsvertreter, Anwälte, Berater. Und beten ihre Positionen herunter. Die einzigen, die keine Stimme haben, sind die Fans. Sie bleiben stumm. Und sorgen bisweilen weiter für den Großteil der Einnahmen von fast vier Milliarden Dollar pro Jahr. Dabei wird es endlich Zeit, dass die Liga bezahlt für die Verachtung ihrer Anhänger.
Als NBA-Fan erinnere ich mich in diesen Tagen gerne an die Detroit Pistons aus der Saison 2003/2004. Ein Team, zusammengesetzt aus "Outcasts" und Spielern, die bei anderen Vereinen nicht mehr erwünscht waren (Chauncey Billups, Ben Wallace, Rasheed Wallace) und an die niemand glaubte, außer sie selbst. Die Pistons holten in der Saison den Titel durch einen Sieg in den Finals über die hochfavorisierten Los Angeles Lakers und zeigten, dass auch weniger Geld Körbe wirft. Gekostet hat das Team knapp 52 Millionen Dollar, das bedeutete damals "nur" Platz 20 in der Rangliste der teuersten Klubs. Zum Vergleich: Spitzenreiter New York gab 103 Mio. Dollar für Spielergehälter aus, Dallas immerhin noch 90 Mio. Natürlich ging es auch in der NBA der Nullerjahre um die Kohle, aber so lang sich dies bei so manch sportlichen Erfolgsgeschichten dezent im Hintergrund abspielte, konnte mir das als Fan einigermaßen egal sein.
Das Ignorieren einer neuen Protestkultur
Herbst 2011: Während NBA-Spieler und Team-Besitzer in Downtown New York erfolglos über ein neues milliardenschweres Gehaltssystem verhandeln, haben sie die Realität bereits aus den Augen verloren. Dabei spielt sich diese nur ein paar Blocks weiter ab, in Lower Manhattan, wo tausende Demonstranten ihrem Frust über die soziale Ungerechtigkeit in den USA Luft machen. Die Protestbewegung "Occupy Wall Street" hat es bereits zu weltweiter Popularität gebracht. "Wir sind die 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht länger die Gier und Korruption von einem Prozent der Bevölkerung hinnehmen wird", schreien die Wutbürger. Und haben viel gemeinsam mit NBA-Fans. "Wie kann man den Menschen erklären", heißt es auf nba-blog.de, dass "sich milliardenschwere Besitzer und millionenschwere Spieler nicht über das letzte kleine Stück vom großen Kuchen NBA einig werden können, obwohl die gut genährten Bäuche sowieso nichts mehr zu fassen vermögen? Diese unsägliche Gier spiegelt in erschreckender Weise viele Probleme unserer Zeit wieder. Eine der Realität völlig entrückte Oberschicht, die den Kontakt zum normal arbeitenden und verdienenden Bürger komplett verloren hat und nur nach der totalen Gewinnmaximierung strebt."
Natürlich geht es ums Geld, aber die Arroganz mit der die Liga annimmt, dass die Zuschauer nach dem Ende des Lockouts und den abgesagten Spielen zurückkommen, schreit zum Himmel. Eine Annahme, die auf historischem Boden gewachsen ist: In den US-Profiligen gab es in der Vergangenheit zahlreiche Arbeitsstreiks, in der NHL fiel 2004 sogar eine komplette Saison aus. Die Fans haben aber immer wieder vergessen und verziehen und sogar teurere Ticketpreise geschluckt. Um den Ligen finanziell aus der Patsche zu helfen und die Geldbörsen der Spieler zu füttern.
Die Krise als (un)günstiger Zeitpunkt
Vielleicht wollen die Fans auch gar nicht so genau wissen, warum nicht gespielt wird. Zahlenspiele im Vertragswerk hin oder her, vielleicht geht es einfach nur um Respekt. Die Liga in Zeiten der großen Wirtschaftskrise ganz den Bach runter gehen zu lassen, würde genau das Gegenteil beweisen. Die Streitparteien haben wenig Argumentationsspielraum, die Arbeitslosenrate ist in den USA auf knapp zehn Prozent hinaufgeschnellt, zehntausende Jobs sind unmittelbar von den NBA-Teams abhängig. Und stehen an der Kippe, weil sich 30 Klubbesitzer und 400 Spieler nicht einigen können, wie der vier Milliarden Dollar teure Kuchen aufgeteilt werden soll.
Während die Erinnerungen an die heuer großartigen NBA-Finals zwischen Lebron James und Dirk Nowitzki verschwimmen, muss sich der NBA-Fan mit Langzeitgedächtnis auch darüber ärgern, dass die Liga aus ihrer Gier nichts gelernt hat . Nach dem letzten Lockout im Jahr 1999 sanken die Zuschauer-Einnahmen auf einen Schlag um vier Prozent und die TV-Quoten der NBA fielen in drei aufeinander folgenden Jahren. Das Produkt NBA hatte einen massiven Imageverlust erlitten. Paradoxerweise hatte das für den österreichischen Basketball-Fan sogar etwas Gutes. Ich erinnere mich an die legendäre verkürzte Lockout-Saison, in der die New York Knicks die NBA-Finals erreichten. Damals waren die Übertragungsrechte so billig zu haben, dass sogar im ORF zu nächtlicher Stunde Michael Knöppel live zu den Spielen begrüßen durfte. Nun stellt sich die Frage, ob die NBA und die Spieler den Aufschwung der letzten Jahre aufs Spiel setzen wollen. Denn erst die letzten Jahre haben die NBA wirtschaftlich in die Höhen getrieben, die sie vor dem Lockout vor 13 Jahren erreicht hatten.
Nichts gelernt haben auch die Spieler. Sie rücken von ihren hoch dotierten Verträgen nicht ab, verlangen die ultimativen finanziellen Sicherheiten in ultimativ unsicheren Zeiten. Sparmeister werden sie in der Krise keine mehr. Es fehlt nur, dass die Aktiven wie beim letzten Lockout zynische Werbespots drehen (siehe Youtube-Video), in denen sie Hilfstätigkeiten wie Rasenmähen und Hundepflege anbieten, als Anspielung auf ihre Arbeitslosigkeit. "Jobs für große Männer" - das war der gängige Werbeslogan. Der blanke Hohn gegenüber der Masse von Sportfans, die täglich um kleine Einkommen kämpfen muss.
Sowohl die Demonstranten von "Occupy Wall Street" als auch die Spielergewerkschaft sind unzufrieden mit den herrschenden Verhältnissen. Das ist aber auch schon deren einzige Gemeinsamkeit. Die NBA hat eine harte Lektion verdient, vielleicht bleiben die Hallen leer, wenn wieder angepfiffen wird. Vielleicht stopft der Fan aber auch weiter wie bisher der Liga die Taschen voll, wenn er sich nicht endlich beginnt zu wehren. (Florian Vetter, derStandard.at, 31.10.2011)