Voyage d‘Amour

31. Oktober 2011, 15:56
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Was man bei herbstlichen Städtereisen zwecks neu zu entdeckender Intimität alles NICHT tun sollte - Kolumne von Heidi List

Der November klopft an. Die Energien fahren schon runter, immerhin hat man schon einen ganzen Oktober bewältigt. Man weiß nicht, wie genau man es bis April ohne Lichttherapie oder Schokoladenberge schaffen soll, halbwegs bei Laune zu bleiben. Jetzt würde sich ein kleiner Städtetrip anbieten, nicht zuletzt aus dem Grund, weil man sich noch halbwegs bei Kasse wähnt, da man eh‘ noch keinen Dunst hat, welche Ausgaben man zu Weihnachten haben wird.

Also Reisen. Last Minute Voyage D‘Amour Tickets buchen und dann ab nach irgendwohin, wo man noch nicht war. Paris. Barcelona. Krakau. Lissabon. Krumau. Rom. Damit der Trip gelingt im Sinne von Erholung, Inspiration und wieder neu entdeckter Intimität gibt es ein paar sehr ernst gemeinte Dinge zu beachten. Sehr ernst.

Nicht den 5 Uhr Frühflug buchen, der, der einen um 3 Uhr aufstehen lässt, damit man ja viel Zeit hat in der neuen Stadt. Das kreiert entweder einen Jetlag, der einen müde und leicht aggressiv durch die Stunden schlurfen lässt. Oder man legt sich im Hotel erst einmal hin und verschlunzt erst recht den halben Tag.

Nicht mit einem Kunsthistoriker reisen. Oder jemanden, der das als echtes Hobby hat. Man betritt als erstes ein Museum und steckt dort fest, bis zugesperrt wird. In der Zwischenzeit ist man leider unbemerkt dehydriert und hirngeschwampft unter irgendeiner Sitzgelegenheit verreckt. Die Programmpunkte Sex, Schlaf, belangloses Gespräch und warme Mahlzeiten abseits vom musealen Wurstbrotbuffet kommen hier eindeutig zu kurz.

Nicht mit einem ausgesprochenen Gourmet reisen. Man findet sich frierend in Weinkellern wieder und verkostet Flüssigkeiten, die durch die Bank älter sind als man selber und die man gerne lauthals unter "staubig," "hölzern," "schmierig" oder "total WÄH!" einreihen würde, wäre man nicht zu scheu, um zuzugeben, dass man die „immer noch erstaunliche Wuchtigkeit der Frucht" beim besten Willen nicht orten kann. Den Rest der Zeit sitzt man während 10gängiger Menüs ab, auf die man alleine zugunsten der unzähligen Grüße aus der Küche dazwischen verzichten könnte. Danach platzt man und ist daher tot. Auch schade.

Ja, damals war das aber ... äh ... schon cool

Nicht in eine Stadt reisen, in der man schon einmal war und in die man seither verliebt ist, weil es damals so schön und so gelungen war. Die Wege, die man zurücklegt, sind auf jeden Fall länger, man ist jetzt ja alt! Die schönen Plätze sind verändert, vorwiegend weil man damals nicht im November als biorhythmische Notmaßnahme, sondern kinderlos und noch recht jobverantwortungsfrei zu warmen Jahreszeiten gereist ist. Weiters riskiert man Reaktionen der Begleitung wie: "Nicht im Ernst, das ist die Bar, wegen der du mir seit Jahren in den Ohren liegst? Da ist es ja bei uns ums Eck im Puff stilvoller." Ja, damals war das aber ... äh... schon cool.

Umgekehrt sollte man sich willig und interessiert solche Plätze zeigen lassen und auf keinen Fall Dinge wie: "Hier stinkt‘s" oder gar: "Wie scheußlich ist denn der Koloss?!" grölen, was sich dann als der beeindruckendste authentische Fischmarkt oder die All-time-favourite lebensverändernde Lieblingsskulptur der Begleitung herausstellt. Man kann damit Herzen brechen.

Nicht mit den Shoppingplänen rausplatzen, bevor die Begleitung nicht eine warme Mahlzeit und ein wenig Liebe abbekommen hat. Klingt nach einem 50er Jahre Tipp, er ist aber aktuell, ich weiß das. Man läuft Gefahr, mit mehreren unabgehakten Listen von Must-See Geschäften wieder nach Hause zu reisen, weil man zu früh mit der erholsamen Oberflächlichkeit hausieren gegangen ist. Weil eigentlich hat man für sowas keine Zeit und eh‘ kein Geld. Ja.

Die allererfahrenste Städtereiserin in meinem Umfeld, mehrfache Mutter und Firmenchefin, also jemand, die Instanterholung als Promotionsthema haben würde, wenn sie für das auch noch Zeit hätte, also diese Dame meinte, der perfekteste Kurzurlaub ihres Lebens gestaltete sich so: ins Hotel einchecken, Zimmer mit schöner Aussicht verlangen, sofort ins Bett legen, man lässt sich Ausstellungskataloge, Stadtbildbände. Michelinsterne-Essen und Masseure ins Zimmer bringen und steht nach drei Tagen und zwei Nächten erst dann wieder auf, wenn das Taxi zurück zum Flughafen hupt.

Gute Idee, guter Plan. Gute Reise!

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    Nicht mit den Shoppingplänen rausplatzen, bevor die Begleitung nicht eine warme Mahlzeit und ein wenig Liebe abbekommen hat.

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