Operation "Ko-Mü"

31. Oktober 2011, 16:49
1 Posting

Über den Dokumentarfilm Der Lachende Mann von Heynowksi & Scheumann, dem Arte eine Hintergrundrecherche widmet - Von Simon Rothöhler

Unter dem Namen «Ko-Mü» oder «Kongo-Müller» sei er in ganz Afrika bekannt, gibt der ehemalige Wehrmachts­soldat Siegfried Müller seinen akribisch vorbereiteten Interviewern zu bedenken, die er für westdeutsche Journalisten und im weitesten Sinn: für Gleichgesinnte hält. Warum auch nicht? Sie haben sich in der Vorbereitung zuvorkommend gezeigt und begegnen ihm während des Gesprächs mit ausgewählter Höflichkeit, signalisieren in kleinen Gesten und Formulierungen, dass sie seine preußische Distinguiertheit zu lesen und schätzen wissen. Gute Gastgeber sind sie zudem – es wird ein Pernod nach dem anderen serviert. Müller greift auch dann noch zu, als es ihm schon erkennbar schwer fällt, das Glas auch nur einigermaßen gerade zu halten.

DER LACHENDE MANN. BEKENNTNISSE EINES MÖRDERS (1966) heißt dieser Dokumentarfilm über einen ­lallenden Söldner, der stolz das Eiserne Kreuz an der für einen kräftigen Honoraraufschlag extra angelegten Kampfuniform trägt und die vermeintlichen Journalisten augenzwinkernd darum bittet, die Zurschaustellung des «EK1» mit aufgeprägtem Hakenkreuz in einem weiteren ideologischen Kontext zu begreifen: Hitler sei ja schließlich tot, man verteidige heute nicht mehr den historisch erledigten NS, sondern die «anti-bolschewistischen» Ideale des Westens – zum Beispiel im kongolesischen Bürgerkrieg 1964/65, der unter den Vorzeichen der bipolaren Weltordnung schnell zu einem Stellvertreterkrieg eskalierte (woran Ministerpräsident Moise Tshombé und sein skrupelloser Generalstabschef Mobutu Sese-Seko ihren Anteil hatten). 

Dass die Gesprächspartner keineswegs Brüder im Geiste waren, sondern investigative Filmemacher aus der DDR - Gerhard Scheumann und Walter Heynowski -, die in ihm nicht nur einen überdurchschnittlich brutalen Söldner, sondern einen prototypischen Repräsentanten der BRD erkannten, dürfte dem «lachenden Mann» (ein Gesicht, ein Grinsen, ein kaputtes Mit-sich-selbst-im-Reinen-Sein, das man nicht vergisst) ­spätestens durch den internationalen Erfolg des Films aufgegangen sein.

Auf Arte läuft am Mittwoch den 2.11. (21.05h) eine interessante Dokumentation von Siegfried Ressel, die die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Films beleuchtet. Auf Youtube findet sich der Lachende Mann komplett, hier der erste Teil:

Gerhard Scheumann und Walter Heynowski waren durch einen Artikel des Stern-Reporters Gerd Heidemann auf das aus «Kongo-Freiwilligen» bestehende, von Mobutu zusammengestellte «Kommando 52» aufmerksam geworden. Die «Operation Müller» nötigte den beiden Filmemachern, die mit diesem Coup über die DDR hinaus bekannt wurden, einiges an konspirativer Wallraff-Kreativität ab – auch wenn Müller, ein selbsternannter «Krieger des freien Westens», der dankbar erinnert, «an Hitlers Geburtstag» Oberstleutnant geworden zu sein und seine Kongo-Aktion für eine «NATO-Operation» hält, sich dann leicht auf den Gesprächspfad der Selbstdesavouierung lenken ließ.

Die «Negerjagd» bezeichnet Major Müller als «dolle Sache», die Massaker in der kongolesischen Provinz Equatorial («Operation Tshuapa») werden zur befreiungsrevolutionären Erfolgs­story umgedeutet; auf die Frage, ob denn seine in Städten wie «Léopoldville» und Boende unter Beweis gestellten paramilitärischen Fähigkeiten auch zur «Befreiung» von Leipzig und Dresden beitragen könnten, äußert der derangierte «Landsknecht» staatsmännisch: «Ich bin für die Befreiung aller Menschen, ob es die Preußen sind oder die Kongolesen.»

In der DDR wurde die legendäre «Schnapsbeichte» (Der Spiegel) 1966 zum Ausgangspunkt einer multimedialen Propaganda­aktion gegen die westdeutschen «Handlanger des US-Imperialismus» hochgepitcht. Im Verlag der Nation erschien beispielsweise begleitend zur TV-Ausstrahlung ein (antiquarisch immer noch erhältliches) Buch, das den Film nochmal nachdrücklich auf die realsozialistische Linie brachte. Scheumann und Heynowski schildern darin nicht nur in schillernden Kalter-Kriegs-Farben ihr Manöver auf feindlichem Territorium (München); der letzte Teil des Bandes enthält darüber hinaus zahllose Zuschriften dankbarer DDR-Bürger: «Wie muß westdeutschen Bürgern zumute gewesen sein, als sie unsere Fernsehsendung sahen? Diese Bestie trägt ja den gleichen Paß der Bundesrepublik in der Tasche wie jeder anständige westdeutsche Landsmann! (Ruth Meurer, Hausfrau, Berlin-Pankow).»

(Eine längere Version dieses Textes finden Sie in CARGO #6 / Juni 2010 und hier online).

CARGO Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.