Trichet geht

Mario Draghi seit heute EZB-Chef

31. Oktober 2011, 09:26

Nach acht Jahren scheidet Jean-Claude Trichet aus seinem Amt, auf den Italiener Draghi wartet eine Herkulesaufgabe

Frankfurt/Main - Mitten in Europas Schuldenkrise übernimmt der Italiener Mario Draghi den Posten des obersten europäischen Währungshüters. Er löst am Dienstag (1. November) den bisherigen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet ab, der nach acht Jahren turnusgemäß aus dem Amt scheidet. Auf Draghi wartet in Frankfurt eine Herkulesaufgabe. Der ehemalige Präsident der italienischen Notenbank muss den Euro-Raum durch die Schuldenkrise steuern, die auch nach den jüngsten Gipfel-Beschlüssen nicht ausgestanden ist.

Beobachter spekulieren bereits darüber, mit welchen Instrumenten die Euro-Hüter unter Draghis Führung künftig die Brände der Krise löschen werden. Der Kauf von Anleihen europäischer Schuldenstaaten unter Trichet gilt als Sündenfall, weil die Notenbank damit für die unsolide Politik der Regierungen geradesteht. Vor allem aus Deutschland hagelte es Kritik, aber auch innerhalb des EZB-Rates sind die milliardenschweren Ankäufe umstritten.

Zwar soll demnächst der europäische Rettungsschirm EFSF Anleihen von Euro-Krisenländern erwerben. Nach Einschätzung verschiedener Ökonomen ist die Notenbank als Krisenfeuerwehr aber weiter unverzichtbar. Damit die auf dem Gipfel beschlossenen Maßnahmen Wirkung zeigten, müsse die Notenbank weiter Anleihen kaufen, argumentieren die Experten. Wie Draghi mit dem Thema umgeht, muss sich noch zeigen.

Einfluss der Politik

Der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing warnte vor wachsendem Einfluss der Politik auf die Europäische Zentralbank. "Es ist eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Gipfels, dass es nicht zu einer Banklizenz für die EFSF gekommen ist", sagte Issing im rbb-Inforadio. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verdienten "allen Applaus" dafür, dieses Ansinnen vor allem Frankreichs abgewehrt zu haben.

Issing betonte, er halte es für bedenklich, dass das Handeln der EZB mittlerweile unter politischen oder nationalen Gesichtspunkten gesehen werde. "Das ist etwas, was einer unabhängigen Notenbank in einem so komplexen Währungsgebiet nicht gut tut."

Trichet sagte der "Bild am Sonntag": "Die EZB trifft ihre Entscheidungen in vollkommener Unabhängigkeit. Das haben wir mit teilweise umstrittenen Zins- und anderen Entscheidungen immer wieder unter Beweis gestellt." Auch Sondermaßnahmen wie der Ankauf von Staatsanleihen habe der EZB-Rat "aus geldpolitischen Gründen und in voller Unabhängigkeit beschlossen".

Kurswechsel nicht erwartet

Einen grundsätzlichen Kurswechsel der EZB unter dem neuen Präsidenten erwarten Beobachter nicht. Oberstes Entscheidungsgremium in Sachen Zinspolitik und Krisenmanagement ist ohnehin der EZB-Rat, dem unter anderem die 17 Vertreter der nationalen Notenbanken angehören.

Zudem hat Draghi hat bereits angedeutet, dass er bei der Geldpolitik den bisherigen Kurs fortsetzen dürfte und nichts von niedrigen Zinsen um den Preis hoher Inflationsraten hält. Niedrigere Zinsen verbilligen Kredite für Unternehmen und Verbraucher und können somit Investitionen und den privaten Konsum anschieben. Zugleich heizen sie damit aber die Inflation an.

Auch mit Kritik an Haushaltssündern hält Draghi, der sich als Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs in London den Spitznamen "Super Mario" erwarb, nicht hinter dem Berg. "Ohne Haushaltsdisziplin kann die Wirtschaft langfristig nicht wachsen", mahnte der passionierte Bergsteiger beim Festakt zur Verabschiedung Trichets. (APA)

Kommentar posten
18 Postings
emil sacklinger7
00
2.11.2011, 11:45

Goldman Sachs war als Berater verantwortlich für die Verschleierungen im Budget und Fälschung der Haushaltsziffern Griechenlands. (Sh. Spiegel etc.)

Und einen Vizedirektor dieser Bank macht man zum Chef der EZB.

Verschwörungstheoretiker werden von der Realität der EU links und rechts überholt

Postingname 2.0
01
1.11.2011, 20:28

"Draghi, der sich als Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs in London den Spitznamen 'Super Mario' erwarb"

Quasi eine Nintendo-Empfehlung vom Spekulantenverein. :-/

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
21
31.10.2011, 15:26
Hyperinflation, wir kommen!

ei padauz
21
1.11.2011, 15:19

das is schon pathologisch, oder?

KampfDenWohlfahrtsstaatabschaffern
00
1.11.2011, 16:48

die angst vor der inflation?
unbedingt, ein bisschen wie der schwarze mann.
de facto ist es wohl der einzige weg, aus der nummer rauszukommen - alle anderen resets tun noch mehr weh.

VS.
19
31.10.2011, 15:18
Ein Spekulant übernimmt die Europäische Zentralbank

1. Zuerst stoßen die Finanzjongleure Europa in die tiefste Krise seit den 30er Jahren.
2. Dann werden sie mit Milliarden an Steuergeldern und Staatsschulden gerettet.
3. Dann spekulieren sie gegen die Staaten, die sich für ihre Rettung verschuldet haben.
4. Dann verhindern sie mit Milliarden an Lobbyinggeldern, dass die Politik das einzig Richtige macht: Das Casino zusperren, Spekulation ernsthaft verhindern, die im Boom explodierten Riesenvermögen für die Kosten der Blase zahlen lassen, Banken zerkleinern, etc.

5. Und jetzt wird ein Ex-Vorstand der Oberspekulanten Goldman Sachs, die Griechenland geholfen haben, seine Bilanz zu fälschen, oberster Euro-Hüter.

Fällt den EU-Spitzen eigentlich gar nix mehr auf?

eva lindt
 
00
4.11.2011, 01:01
schauen sie sich doch die vita

von draghi an. das ist kein spekulant. der hat in den 90er jahren den italienischen bankensektor eurofit gemacht. und 2001, als berlusconi kam, den hut genommen. erst 2006, als die italienische nationalbank wieder heruntergewirtschaftet war, hat er sie wieder aufgemöbelt. er hat also nur einmal die seiten gewechselt: um berlusconi auszuweichen. wer sollte ihm das verübeln?
es schadet nicht, wenn der ezb-chef mit den praktiken von goldman sachs vertraut ist. im gegenteil.

Poldi Fesch
21
1.11.2011, 14:25
nur weil sie

keine Verschwoerungstheoretiker sind ?

VS.
00
1.11.2011, 18:18
Ich unterstelle keineVerschwörung,

sondern ganz banal, dass die politischen und ökonomischen Spitzen schon so eng verflochten sind, dass sie blind dafür sind, was geht und was nicht.

Und das geht nicht: einen Vertreter derjenigen, die dringend reguliert, verkleinert und entmachtet gehören, zum Euro-Hüter machen.

Leider ist Draghi nur der symbolische Kopf für diesen Irrsinn. Wenn die Kommission über die Finanzmarkt-Regulierung nachdenkt, lässt sie sich von Finanzmarkt-Lobbyisten beraten, teilweise sogar die Verordnungen vorschreiben.

Und diese Art von Filz und schleichender Korruption geht auch andersherum: Ex-Finanzminister Pröll schiebt den Banken Milliarden an Steuergeldern ohne echte Bedingungen zu - und wird kurz darauf selbst Raiffeisenmanager.

Auch das geht nicht!

DrBelacqua
00
1.11.2011, 19:10

Warum denn nicht? Offensichtlich geht es schon.

Poldi Fesch
00
1.11.2011, 18:46
???

wieso sollte er ein Vertreter deselben sein. Das ist grundsaetzlich auch nicht anders als bei Fuszballern. Die spielen fuer das Leiberl, welches sie tragen.
Eine weitere Sache, du brauchst ja Leute, die etwas von dem Bereich verstehen, da gibt es nicht so viele. Was zwingend zu naechten fuehrt, die kennen sich, no na, alle. Im Eneffekt wie die Damen Vonn u. Riesch. Die kennen sich auch ihr Berufsleben lang. Da fliegen die Hackeln auch ausreichend tief.

kants richtschnur
16
31.10.2011, 13:18
einmal goldmann, immer goldmann.

wir befördern bloß den bock zum gärtner...

bravo!

codo
10
31.10.2011, 12:04
u. damit beginnt die zeit der richtig großen geldgeschenke für den fleißigen süden ;-)

und sehr bald kommt dann der 10.000 €uro-Schein, damit wir nicht so viele unnütze, kleine scheinchen ohne kaufkraft durch die gegend tragen müssen *g*

Poldi Fesch
11
1.11.2011, 14:26
und diesen

Bloedsinn begruendest wie ?

< Bananenrepublik Österreich >
27
31.10.2011, 10:50
Frechheit!!!

Einen Goldman Sucks Manager als EZB-Chef installieren.

Da sieht man wieder mal, wie der Hase in der EU läuft. Immer brav der USA hinterher...

Peter Pan5
 
21
31.10.2011, 10:33
Das ist doch ein Riesenglück, dass nun ein Italiener weitermacht.

Der kann Italien helfen und retten.

Poldi Fesch
11
31.10.2011, 11:59
wenn Italien

tut, was er sagt schon

videoopa
00
31.10.2011, 09:36
verbrannte Erde, ist alles was bleibt...oder?

http://www.youtube.com/watch?v=3ehYHgUCVNQ

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.