Anschlagswelle in Kabul steht im Gegensatz zu optimistischen Lageberichten
Neu-Delhi/Kabul - Malt die Nato die Lage in Afghanistan rosiger als sie
ist? Die Serie spektakulärer Anschläge in Kabul reißt nicht ab. Erneut
gelang es den Taliban, mitten in der schwer gesicherten Hauptstadt
zuzuschlagen und einen Militärbus der Schutztruppe Isaf in die Luft zu
jagen. 17 Menschen starben - zwölf US-Soldaten, ein kanadischer Soldat
und vier Afghanen. Es war angeblich die tödlichste Attacke auf die Isaf
in Kabul seit dem Sturz der radikalislamischen Taliban im Jahr 2001.
Der Selbstmordattentäter hatte am Samstag seinen mit 700 Kilogramm
Sprengstoff beladenen Wagen in einen Isaf-Bus gerammt. Der Anschlag
ereignete sich auf der Darulaman Straße, die die Nato-Basen in der
Innenstadt mit dem militärischen Trainingszentrum verbindet und oft von
der Isaf benutzt wird. Der schwergepanzerte, 13 Tonnen schwere Bus vom
Typ RhinoRunner wurde durch die Wucht der Detonation meterweit
weggeschleudert.
Isaf-Kommandant General John R. Allen zeigte sich erschüttert über die
Opfer, deutete den Anschlag aber als Verzweiflungstat der Militanten.
Diese wollten "die Tatsache vertuschen", dass sie an Boden verlören,
meinte Allen.
Diese Ansicht wird allerdings von den wenigsten Afghanen geteilt. Immer
weniger glauben noch, dass die Strategie der Nato aufgeht, die Taliban
mit Militärgewalt in die Knie zu zwingen. Und es war nicht der einzige
Anschlag an diesem Tag. In der Provinz Kandahar erschoss ein
afghanischer Rekrut drei australische Soldaten. In der Provinz Kunar
sprengte sich eine Selbstmordattentäterin in einer Burka vor dem Büro
des Geheimdienstes NDS in die Luft. Vier Menschen wurden verletzt.
Bereits in den Vormonaten war Kabul immer wieder Ziel von Terrorattacken
geworden. Die Anschlagswelle steht in krassem Kontrast zu den eher
optimistischen Lageberichten der US-Militärs, die erst jüngst verkündet
hatten, dass die Zahl der Attacken seit Mai sinke. Und sie nährt Zweifel
am Abzugsplan des Westens. Dieser will die Verantwortung für die
Sicherheit schrittweise den Afghanen übertragen, damit die meisten
ausländischen Soldaten bis Ende 2014 abziehen können.
Experten warnen, die afghanischen Sicherheitskräfte seien nicht reif für
diese Aufgabe und von den Taliban infiltriert. Der Anschlag zeigte auch
erneut, wie schlecht die Beziehungen zwischen Kabul und Washington
inzwischen sind. So bedauerte Präsident Hamid Karsai zwar den Tod der
vier Afghanen. Die US-Todesopfer erwähnte er aber mit keinem Wort.
Vergangene Woche hatte Karsai in einem Interview sogar gewarnt, falls
die USA Pakistan angriffen, werde Kabul aufseiten Islamabads stehen. (Christine Möllhoff, DER STANDARD-Printausgabe, 31.10./1.11.2011)