Eine verrückte Frau im Strudel der Zeit

30. Oktober 2011, 19:17
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Der philippinische Filmemacher Lav Diaz verknüpft in seiner beeindruckenden Arbeit "A Century of Birthing" einen Film-im-Film mit der Geschichte einer Frau, die gleich mehrfach ihre Identität verliert

Schon seit vielen Jahren widmet Lav Diaz sein Kino einer Untersuchung der besonderen philippinischen "Kondition" in der postkolonialen Welt. Warum vermag sich dieses Land nicht aus dem Leiden, aus der Unfreiheit, aus knechtender Religiosität zu befreien? Seit seinem überragenden Elfstünder Evolution of a Filipino Family geht Lav Diaz dem nach, in dieser Zeit hat er mit den jeweils vielstündigen Heremias, Death in the Land of Encantos und Melancholia ein Maximum an erzählerischem Reichtum aus den Low-Budget-Bedingungen herausgeholt, unter denen er arbeitet.

In A Century of Birthing lässt er nun zum ersten Mal deutlicher erkennen, unter welch krisenhaften Umständen dieses Werk entsteht. Hier geht es um das Filmemachen selbst und um einen Künstler namens Direk Homer, der sehr deutlich als Alter Ego von Lav Diaz fungiert. Er steht unter dem Druck, für ein Festival einen Film abzuschließen, mit dem er nicht zu Ende kommen will. "Ich bin kein Deadline-Filmemacher" , erklärt er einem Programmmacher, der ihn telefonisch erreicht. Zugleich hat dieser Film, an dem Homer arbeitet, aber schon begonnen, mit Szenen einer Taufe in einer freien christlichen Kommune im Süden der Philippinen. Eine junge Frau wird ins Wasser getaucht, sie ist eine der Jungfrauen, die sich und ihren Leib dem Herrn weihen, auf dass sich durch dieses Opfer das Geschick der Welt zum Besseren (oder zum besseren Ende) wende.

In einer lückenhaften Szenenfolge werden wir einer dieser Frauen durch die folgenden sechs Stunden immer wieder begegnen, sie wird einen Intellektuellen treffen, sie wird eine Vergewaltigung erleiden, sie wird verrückt werden und in mehrfacher Hinsicht ihre Identität verlieren - als "crazy woman" wird sie geradezu durch die Zeiten geschleudert und steht an einer Stelle wie ein Mahnmal im Wind und warnt: "Die Japaner kommen." Dieses Trauma der Besatzung, das nicht ihr persönliches, sondern ein nationales ist, verweist auf einen der Arbeitstitel des Films, den Direk Homer dreht: "Corporal Histories" würde also von den Formen handeln, in denen Geschichte sich verleiblicht, sich in körperliche Erfahrungen und Zustände einschreibt. Prostitution ist dabei die alternative Schlüsselerfahrung zur ekstatischen Jungfräulichkeit.

Eine Frau, die sich prostituiert, in einem "ultimativen Immersionsprojekt" , gab es schon in Melancholia. Hier aber fällt die Jungfrau einfach aus der Welt, sie streunt durch die Provinz und nimmt von niemandem mehr Notiz. Die ganze Zeit lässt Lav Diaz dabei im Unklaren, wie sich der Filmemacher Homer und die "crazy woman" zueinander verhalten. Ist sie einfach sein Geschöpf, gehört sie in den Film-im-Film, den wir gelegentlich auf seinem Computer sehen, wo das unvollendete Werk geschnitten wird, so, wie wir uns auch vorstellen müssen, dass A Century of Birthing entstand? Oder gehört sie doch einem eigenen fiktionalen Universum an, das Lav Diaz mit dem von Direk Homer eng- und parallel führt?

Verkörperung von Geschichte

In Toronto wurden die sechs Stunden von Siglo ng pagluluwal (so der Tagalog-Originaltitel) in einem Stück gezeigt, ohne Pause - das wäre auch für die Viennale die beste Lösung. Nur so wird man diesem Versuch über die Entstehung nationaler Epik unter nachepischen Bedingungen wirklich gerecht. Jede auch nur kurze verordnete Pause würde die höchst fragile Spannung zerreißen, mit der hier Erzählstränge manchmal nur noch lose aneinanderhängen, nur um am Ende auf eine grandiose Weise doch noch zusammengeführt zu werden. In seiner fragmentarischen und doch aufs Ganze gehenden Gestalt gibt A Century of Birthing eine Antwort auf die Frage, was das Kino im Zeitalter der Maus, des Cursors, der Immaterialität immer noch sein kann - eine "Verkörperung" von Geschichte, die bei Lav Diaz einem ganzen Medium die Richtung weist. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 10. 2011)


  • 2. 11., Stadtkino, 18.00
  • Zwischen Prostitution und ekstatischer Jungfräulichkeit: Angel Aquino 
streunt als "crazy woman"  in Lav Diaz' "A Century of Birthing"  durch 
das Land, ohne dass sie von ihrer Umwelt Notiz nimmt.
    foto: viennale

    Zwischen Prostitution und ekstatischer Jungfräulichkeit: Angel Aquino streunt als "crazy woman" in Lav Diaz' "A Century of Birthing" durch das Land, ohne dass sie von ihrer Umwelt Notiz nimmt.

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