Philosophischer Tor übersieht die Liebe

30. Oktober 2011, 19:11
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Vladimir Léons "Les anges de Portbou" begleitet ein Paar auf Walter Benjamins Spuren

Als Walter Benjamin 1940 über die Pyrenäen nach Spanien ging, von wo er seine Flucht aus den von den Nazis besetzten oder bedrohten Gebieten Europas fortsetzen wollte, trug er eine Aktentasche bei sich, deren Inhalt ihm wichtiger zu sein schien als alles andere. Sie ging, nachdem er sich in Portbou das Leben genommen hatte, verloren und wurde nicht mehr gefunden.

Bis heute ist unklar, was er da mit sich trug: geheime Dokumente politischer Natur oder doch einfach Teile aus einem Werk, an dem er bis zuletzt gearbeitet hatte. Heute ist die Route über das Gebirge, die er damals, schon schwer krank und leicht erschöpfbar, nahm, ein Touristenziel, wie es auch der Friedhof in Portbou ist, auf dem sich Benjamins Grab befindet. Der israelische Künstler Dani Karavan hat vor Ort ein beeindruckendes Kunstwerk geschaffen, vor allem aber zählt für die Jünger des großen jüdischen Denkers eines: seinen Weg nachzugehen.

Dieser Weg beginnt noch in Frankreich in Port-Vendres, wo in Vladimir Léons mittellangem Spielfilm Les anges de Portbou auch der jugendliche Held aus dem Zug steigt: Séraphin (Laurent Lacotte) ist, wie man so schön sagt, ein wenig überspannt. Er hat die Texte von Walter Benjamin gelesen und sehr ernst genommen, jetzt ist er ein "philosophischer Pilger" . Er wird von einem Mädchen abgeholt, obwohl er eigentlich mit dessen Bruder gerechnet hatte. Doch von dem fehlt jede Spur, stattdessen übernimmt Gabrielle (Elise Ladoué), in festen Wanderschuhen und mit Rucksack, die Führung auf der Wanderung nach Spanien.

Überblendung der Zeiten

Schon mit den sprechenden Namen und auch danach mit vielen Anspielungen lässt Vladimir Léon erkennen, dass es ihm hier um eine Hommage und um eine komische Dekonstruktion zugleich geht. Bei allem Realismus der Fotografie, die nebenbei ein tolles Bild dieser einzigartigen Landschaft mit dem Gebirge am Meer gibt, ist dies doch ein Film der Imagination, der Projektion, der Überblendung der Zeiten. Den komischen Höhepunkt erreicht das Geschehen dort, wo Séraphin in einem Gast in einem Restaurant, in dem Benjamin sein letztes Mahl zu sich nahm, einen Wiedergänger zu erkennen glaubt und ihm auf Deutsch eine schicksalsschwangere Frage stellt: "Engel, was macht man?"

Dieser Séraphin ist ein klassischer philosophischer Tor, der vor lauter Konzepten das Naheliegende nicht sieht: dass er es unvermutet mit einem Mädchen zu tun bekommen hat, das seine eigene Geschichte zu erzählen hat, und das ihn aus seiner Denkerpose erlösen könnte. Léon erzählt diese kleine Begebenheit mit leichter Hand und großer Präzision der Komposition. Er hält dabei die Balance zwischen den konzeptuellen Komödien seiner Kollegen Luc Moullet und den Liebesfilmen von Eric Rohmer und schafft dabei sogar eine kleine Übung in anfänglicher Philosophie.

Diese beginnt ja klassischen Auffassungen nach mit dem Staunen, und das kann man auch mit diesem hellwachen Traumfilm lernen. (reb/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 10. 2011)

 

 


  • 1. 11., Stadtkino, 18.00
  • 2. 11., Urania, 11.00
  • Konzeptueller Liebesfilm: Vladimir Léon schickt seine Protagonisten 
Séraphin (Laurent Lacotte) und Gabrielle (Elise Ladoué) auf eine 
bedeutsame Wanderung durch die Pyrenäen.
    foto: viennale

    Konzeptueller Liebesfilm: Vladimir Léon schickt seine Protagonisten Séraphin (Laurent Lacotte) und Gabrielle (Elise Ladoué) auf eine bedeutsame Wanderung durch die Pyrenäen.

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