"Der Tod macht das Bergsteigen interessant"

30. Oktober 2011, 18:32
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Soll man Bergsteiger vor allzu viel Risiko schützen, oder ist die Möglichkeit, tödlich zu verunglücken, eine der letzten Freiheiten? Beim Alpinistenkongress IMS in Brixen war der Tod am Berg Thema

Salzburg/Brixen - Oswald Oelz, Schweizer Höhenmediziner und Spitzenalpinist mit Vorarlberger Wurzeln, ist das, was man in der Bergsteigersprache einen "wilden Hund" nennt. Neben seiner höhenmedizinischen Forschungstätigkeit ist der 68-Jährige als Expeditionsarzt der ersten Besteigung des Mount Everest 1978 ohne künstlichen Sauerstoff bekannt geworden. Legendär sind vor allem spektakuläre Rettungsaktionen, bei denen Oelz waghalsig anderen Alpinisten das Leben retten konnte. "Diese Rettungsaktionen waren meine besten Adrenalintrips", gab Oelz beim International Mountain Summit (IMS) im Südtiroler Brixen vergangene Woche Einblick in das Denken eines Extremen.

Der eigene Tod sei am Berg immer einkalkuliert, meint der Mediziner. "Das Bergsteigen ist ja deswegen interessant, weil man zu Tode kommen kann", sagt Oelz. Das sei eben anders, als Golf oder Tennis zu spielen. Die einzig sichere Methode, nicht am Berg zu sterben, sei nicht hinaufzusteigen. "Wir wollen doch die Freiheit haben, uns umzubringen, wie es uns passt", beschreibt Oelz seinen "archaisch-anarchischen" Zugang zum Bergtod.
Partner ziehen lassen

Stilles Einverständnis der zu Hause Gebliebenen

Eine Gedankenwelt, die auch Silke Perathoner aus leidvoller Erfahrung kennt. Sie war die Lebensgefährtin des 2008 am Nanga Parbat im Alter von 37 Jahren tödlich verunglückten Extrembergsteigers Karl Unterkircher. Auch Perathoner, Mutter von drei Kindern aus der Beziehung mit Unterkircher, plädierte beim IMS dafür, "den Berg als Freiraum zu belassen" und das Bergsteigen nicht mit zu vielen Regeln zu belegen. Sie selbst habe es jedenfalls auch in den dunklen Momenten "nie bereut, ihn ziehen zu lassen".

"Wie gehen dann die Hinterbliebenen mit dem Bergtod eines nahen Verwandten oder Freundes um?", fragte in Brixen der deutsche Alpinjournalist Horst Höfler. Meist sei ein stilles Einverständnis der zu Hause Gebliebenen da, dass man den Partner oder Verwandten gehen lasse; durchaus im Wissen, dass dieser unter Umständen nicht zurückkehren könne.

Auch die aktiven Alpinisten - Höfler beschreibt sie als Süchtige und Junkies - würden sich durch den Tod von Bergkameraden nicht abhalten lassen. Im Gegenteil: Gerade bei Begräbnissen nach Bergunfällen sei immer wieder zu beobachten, dass sich die Alpinisten unter den Trauergästen neue Touren ausmachten.

Für die Hinterbliebenen gibt es für Höfler zweifach Tröstendes. Zum einen sei der Bergtod meist "ein gnädigerer Tod als jahrelanges Siechtum im Krankenbett". Und die Verwandten und Freunde wüssten, der Tote sei bei dem umgekommen, "was er am liebsten gemacht hat". (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2011)

  • Der Tod am Berg gehört zum Alpinismus wie die Gipfelerfolge. Viele Bergsteiger sehen dieses Risiko als Ausgleich für ein Leben in einer überregulierten Welt.
    foto: neuhold

    Der Tod am Berg gehört zum Alpinismus wie die Gipfelerfolge. Viele Bergsteiger sehen dieses Risiko als Ausgleich für ein Leben in einer überregulierten Welt.

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