Studiengebühren

Soziales Gefüge umkrempeln

Kommentar | Andrea Heigl, 30. Oktober 2011, 18:25

Die Justament-Haltung gegen Studiengebühren manövriert SPÖ und Grüne in eine fatale Patt-Situation

Bei den Studiengebühren, sagte Alexander Van der Bellen im Standard-Interview, habe er mit den Grünen, deren Chef er bis 2008 war, "immer ein bissl einen Clinch" gehabt. Eine ziemliche Untertreibung: Als "Einzelmeinung" qualifizierte die Partei ab, dass er sich diese unter gewissen Bedingungen vorstellen kann. Die grünen Studentenvertreter legten ihm gar nahe, zur ÖVP zu wechseln.

Diese Justament-Haltung teilen die Grünen mit vielen in der SPÖ. Sie haben sich damit nicht nur in eine fatale Patt-Situation manövriert - sie ignorieren auch die Lebensrealität der Studierenden. Dass der freie Hochschulzugang für eine kunterbunte soziale Durchmischung sorgt, ist eine nette Idee, die schlicht und einfach nicht funktioniert. Die Kinder aus finanzschwachen Familien, die es durch den Flaschenhals des Bildungssystems geschafft haben, sind an den Unis die Ausnahme. Sie dürfen dort mit gutsituierten Studenten auf dem Boden sitzen und sich um Seminarplätze prügeln - wenigstens da herrscht Gleichberechtigung.

Deutlich mehr Geld vom Bund für die Unis, dann Studiengebühren einführen und die Stipendien aufstocken - ein durch und durch vernünftiger Vorschlag des grünen Professors, gerade jetzt. Wenn das aktuelle Gesetz ausläuft und die Unis nach eigenem Gutdünken Gebühren einheben können, dann ist die Chance vertan, gleichzeitig das soziale Gefüge umzukrempeln. Ausgerechnet SPÖ und Grüne können das eigentlich nicht wollen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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good vibration
00
2.11.2011, 20:59
Schwacher Artikel ohne Bezug zur gesamten Gesellschaft!

Die Studiengebühren sollen doch nur Lenkungsistrument sein um die jungen Menschen, die so keine Arbeit bzw kein Einkommen, keine eigene Wohnung etc. bekommen davon abzuhalten, die UNIS zu überfüllen, in der falschen Hoffung, als hochausgebildeter Fachidiot einen guten "Job" als Wirtschaftler oder Mediziner zu bekommen. Ausbildung menschlicher Fähigkeiten findet leider ohnehin nicht mehr statt, es zählt nur mehr der kulturlose Euro, so schauts aus!..
In diesem Sinne: Gute Nacht, Abendland!

mikromalist
 
00
1.11.2011, 16:11
Völlig korrekt.

Die Starrheit der Reflexpolitiker boykottiert oft die eigenen Träume.
Bei der Reflex-Roten und -Grünen ist es die Unfaehigkeit in sozialen Paaren zu denken.
zB
Mehrwertsteuer auf 30% - dafür EUR 300 / m flach zurueck (Gewinner die Bedürftigen)
Pensionsalter hinauf - dafür 30h Woche mit Arbeitskonto (Gewinner Hackler ohne Ausbildung)
.....
Oder eben Studiengebühren - ein soziales Stipendiensystem, bei welchem sozial Schwaechere bedeutend mehr bekommen, als sie zahlen.

Aber der Reflex lautet: wir wollen das nicht. Full Stop.

x aeins
00
1.11.2011, 16:41

Vielleicht sollten sie uns mitteilen, welchen eigentlichen Sinn die Studiengebühren, die den Unis kaum was bringen, haben sollen. Die wirds nämlich jedenfalls VOR (und vermutlich auch statt) dem Superstipendiumsystem geben, werden daher in der Praxis als soziale Hürde dienen - und das wars dann

mikromalist
 
00
1.11.2011, 17:12
1. Sie macht es Scheinstudent/innen

schwerer.
2. Sie ist ein Bewusstaeinssignal: ja, wir duerfen mehr Softinfrastruktur konsumieren und wir profitieren davon später. Deshalb leisten wir, wenn wir können, einen Beitrag (die Aufteilung der späteren Salärs wird nicht mehr als 40% in den Wohnstandstopf und immerhin 60% in die eigene Tasche sein)
3. Ein Recht zur Qualitaetsforderung.

Beim Dotoratsstudium sollte es deshalb sogar mehr sein.

x aeins
00
1.11.2011, 21:02

1. siehe buff flyer
2. Studenten sollen sich durch Interesse und Leistung ausweisen, und nicht über Bewusstseinssignale gesteuert werden
3. Die Botschaft hör ich wohl...

mikromalist
 
00
1.11.2011, 21:27
1. Die Zahlen sagen Anderes

3. Ohne Mut erreiche ich nie etwas. Das zieht sich durch die gesamte, linke Gesellschaftspolitik. Gib, oder ich bin beleidigt.

Und, ehrlich gesagt: es ist mir zunehmend wurscht. Es sind nicht meine Knie .....

x aeins
00
1.11.2011, 21:57

seh nicht, wieso ich "Scheinstudenten" nicht durch flächendeckende Leistungsforderung davon abhalten können soll, Plätze zu versitzen. Ist doch wohl sinnvoller als über Eintrittsgeld.
Und was den Mut betrifft: der Apparat schluckt die Studiengebühren und wird die Studenten samt ihrem Mut im Regen stehen lassen - das ist mit grosser Wahrscheinlichkeit die ö. Realität

buff flyer
01
1.11.2011, 17:27
was bringt punkt 1?

wenn einer inskribiert und dann den ganzen tag im wirtshaus sitzt, braucht der doch eh keine infrastruktur, keinen hörsaalplatz oder sonst etwas relevant kostenverursachendes.

mikromalist
 
00
1.11.2011, 17:37
Schon gehört? An der Uni ist es chic.

Gelangweilt ein paar Seminarplätze versitzen, ...

x aeins
00
1.11.2011, 21:09

Antrittsprüfung für das Seminar, und schon sind die wieder im Wirtshaus

buff flyer
01
1.11.2011, 18:03
nein, diese art des masochismus war mir bislang unbekannt

an kog
00
1.11.2011, 09:46

Und "Studiengebühren obwohl wir wissen, dass sie am Ende nichts bringen" ist kein Justamentstandpunkt?

buff flyer
01
31.10.2011, 21:27
sinnlose prinzipienreiterei

in geschätzt 3/4 der fälle zahlen diese gebühren die eltern. und typischerweise kratzen mich als ca 50jähriger 363 oder 500 pro semester wenig. was wirklich wehtut, ist als ca 30 jähriger 250 PRO MONAT für den (öffentlichen) kindergarten zu zahlen. alles jeweis pro kind.

soviel zur relation bei 3/4. also gehts um 1/4, und denen kann man es erlassen oder ein stipendium verfügbar machen. einmal abgesehen davon, dass das wohl ein rekativ geringer ausgabenposten in einem typischen semester wäre.

Fritz Meyer
14
31.10.2011, 11:26
"Mehr soziale Ungerechtigkeit wagen!"

Danke Frau Heigl, dass Sie uns noch einmal ausdrücklich daran erinnern.

x aeins
00
31.10.2011, 11:20

Kurzsichtig. Natürlich sind Studiengebühren eine soz. Hürde, da sie bildungsferne Schichten von längerdauernden und gesellschaftsrelevanteren Richtungen abbringen (Med, Nat-wiss.), und diese Gebiete daher für ÖVP-Klientel offener halten. Uni besteht nicht nur aus überfüllten Modestudien - und selbst über diese könnte man schon in den ersten Semestern ein dichtes Prüfungsnetz drüberlegen, um alle, die nicht wirklich hingehören, auszusieben. VdB hier als kurzsichtig überforderter Professor, der nur die paar Groschen und seine überfüllten Seminare sieht.

Minister der Ökomonie
02
31.10.2011, 11:45

Studieren ist "so oder so" eine soziale Hürde. Oder eine Statushürde, je nachdem. Alle Menschen die ich kenne, die nicht "reiche Eltern" hatten, mussten sich das Studium selber finanzieren, auch, als es noch keine Studiengebühren gab.
Es gehört irgendwie auch zur Sozialromantik, zu glauben, ohne Studiengebühren würden Arbeiterkinder die Uni stürmen. Diese Kinder aber müssen sowieso meist mit ihren Familien brechen, da diese Vorurteile/Abneigung gegen "Gstudierde" haben, Akademiker ein Feindbild sind. Essen und Schlafen müssen die Studenten die sich gegen ihr elterliches Umfeld durchsetzten aber trotzdem. In den meisten Fällen machen Menschen aus prekären Situationen berufsbegleitende Studien.

x aeins
00
31.10.2011, 11:54

du widersprichst aber deiner eigenen Logik, wenn du die soz. Hürden so drastisch ausmalst und gleichzeitig andeutest, Studiengebühren würden sie nicht weiter erhöhen. In der Praxis wird so jemand halt dann ein überfülltes Kurzstudium wählen statt techn. Chemie (wofür er Eignung oder Interesse hätt), und seinen Studienplatz besetzt eben jemand aus ÖVP-naher Familie - das ist der Sinn der Studiengebühr.

Minister der Ökomonie
02
31.10.2011, 12:23

Ich kenne Menschen aus dem Arbeitermilieu, deren Eltern sich strikt gegen eine akademische Laufbahn ausgesprochen haben. Diese absolvierten zunächst eine Lehre, und holten neben der Berufstätigkeit ihre Matura nach, wie sie auch "herkömmlich" promoviert haben.

Ich erlebe dagegen ebensoviele leute aus "akademikerfreundlichen" Gefielden, in dem die Jungen so bissi dahinstudieren, weil die Eltern das wünschen und sie eine Ruhe haben von den Alten, ohne ein echtes Interesse am Studium zu haben.

Ich fände daher Studiengebühren unter dem Aspekt, Stipendien zu verleihen, durchaus in Ordnung. Das fördert Menschen die wirklich studieren wollen und siebt jene aus, die ohnedies nur auf Ressourcenvernichtung unterwegs sind.

x aeins
10
31.10.2011, 13:15

Kollege jetzt verlass einmal kurz den VP-Propagandastandpunkt:
- "akademikerfeindliche Hackler" sind nicht repräsentativ. Jeder will, "dass aus seinem Kind was wird". Er wird nur dagegen sein, dass er lang und viel zahlt, weil er um seinen materiellen Wohlstand fürchtet
- Stipendien lösen das Problem nur für billige Kurzstudien, wo man in vorgesehener Zeit auch fertig wird, und nebenbei auch arbeiten kann. Bei intensiver Laborarbeit kannst kaum nebenbei dein Studium verdienen
- womit wir beim Ausgangspunkt wären: Anspruchsvolles eher für ÖVP-Klientel - das ist der Sinn der Studiengebühren

viet
00
31.10.2011, 10:32
Bitte, bitte lasst das Dogma "keine Studiengebühren" fallen.

Ich tut damit der eigenen Klientel nichts Gutes damit. Gusenbauer "schau oba". Bitte, bitte.

eltor09
02
31.10.2011, 10:01
Was nichts kostet, ist nichts wert.

Mit diesem Argument hatte die Musterfrau der ÖVP-Bildungspolitik, Frau Lisl Gehrer, die Einführung der Studiengebühren begründet. Und prompt wurde dadurch erst sichtbar, dass die Universitäten wegen Unterfinanzierung nicht in der Lage sind einen einigermaßen erfolgreichen Studienverlauf für die Studenten zu bieten. Plötzlich wurde auch für die Eltern der Studierenden sichtbar, (die ja die Studiengebühren finanzieren) dass trotz eifrigstem Engagement ihrer Kinder der Studienfortschritt nicht gewährleistet ist, weil die Unis zuwenige Seminare, zuwenige Prüfungstermine, zu wenig Betreuung bieten können. Jetzt wurde sichtbar, nicht die Studenten verbummeln die Zeit, nein, die Unis liefern nicht. Wofür will man dann noch Geld für solchen Output?

john.carter.denton
00
31.10.2011, 09:53

durch diesen kommentar erklärt sich dann auch die manipulative headline des entsprechenden artikels.

wo sieht die autorin denn das "Deutlich mehr Geld vom Bund für die Unis", dass man jetzt schon konkret über studiengebühren diskutieren könne?

Erwin Wolfram
00
31.10.2011, 09:31
uebersetzung

wir hatten besuch von einem lobbyisten. der hat uns erklaert wie wir erklaeren sollen, dass wir korrupt und unfaehig sind und dafuer noch mehr geld wollen. wir haben alle verwaltungsvorgaenge rund um die uni umgestellt um die reich zu bevorzugen, das diskutieren wir aber nicht da wir eine aufgabentrennung haben, die ebenso in der uni greift: hier kann zb einer der nicht nebenbei fuer das leben arbeiten muss unsere ueberkommenen mistpublikationen lesen, die uns unser lobbyust aus hausuebung aufgegeben hat.

120 Jahre Karl Schranz
30
31.10.2011, 09:02
der österreichischen "freie" und kostenlose hochschulzugang hat versagt

ein tertiäres bildungssystem hat genau drei aufgaben:

möglichst vielen jungen menschen qualitativ hochwertige (aus)bildung unabhängig von ihrer sozialen herkunft zu bieten.

in allen drei punkten hinkt österreich hinterher. wir haben eine geringe akademikerquote, und vor allem haben wir die zweitniedrigste soziale durchmischung in europa - das ist skandalös!

in jedem anderen bereich würde man jetzt überlegen, was die anderen staaten besser machen und sich überlegen, warum deren systeme besser funktionieren. nicht aber hier. hier behaupten einfach alle steif, fest und fernab von tatsachen dass der freie hochschulzugang österreichischer prägung sozial gerecht sei, obwohl es dafür keine hinweise gibt. ich kann mir da nur an den kopf fassen

esoxLucius
04
31.10.2011, 09:35
Die Ursachen sind längst bekannt

Nämlich 1) dass Österreich zuwenig Geld für die Unis ausgibt (das hehre Ziel, die Ausgaben auf 2% des BIP zu heben, gabs schon zu meiner Studienzeit - und die liegt mittlerweile schon länger zurück) und 2) die frühe Trennung mit 10 Jahren in Hauptschule und Gymnasium.

Punkt 1 wird von keiner Partei geändert werden, weil es zuwenig Wählerstimmen gibt, in Punkt 2 blockieren halt die Schwarzen hartnäckig und in völliger Ignoranz der Fakten.

Studiengebühren werden hier kaum was ändern, denn um die Finanzprobleme der Unis zu lösen, müssten sie so hoch sein, dass wirklich nur mehr die Reichen studieren können. Das haben wir ja schon bei der letzten Einführung dieser Gebühr gesehen - die Situation an den Unis wurde dadurch um nix besser...

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