Ein Fallout von 20.000 Hiroshima-Bomben

Christoph Prantner aus Kurchatow, 30. Oktober 2011, 18:18
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    foto: standard/prantner

    Ein Soldat mit Geigerzähler auf der Technical Area P-1; hinten eine Messstation.

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    Typische Testanordnung mit Flugzeugen, Häusern und Tieren.

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    Herr Oleg drückt den Knopf, mit dem die Explosionen ausgelöst wurden.

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    grafik: der standard

Mehr als 40 Jahre lang hat die Sowjetunion in der kasachischen Steppe Nuklearwaffen getestet. An den Folgen leiden Menschen und Natur noch heute. Ein Besuch in der Todeszone von Semipalatinsk.

Die Sonne steht noch tief über der Steppe Kasachstans. Aber ihr Licht reicht aus, um den knallorangen Mi-8 an diesem Oktobermorgen gefährlich leuchten zu lassen. Rumpelnd beginnen sich die Triebwerke zu drehen. Die Rotoren rattern. Kerosingeruch kriecht in die Kabine. Dann hebt der große Helikopter leicht wie eine Feder ab. Hinter uns verschwindet Semipalatinsk unter Rauchschwaden, es geht nach Kurchatow - und dann direkt ins ehemalige Kernwaffentestgelände der Sowjetunion.

Es ist eine gottverlassene Ecke in Zentralasien. Gras, wohin das Auge reicht, ein paar Flüsse und hie und da eine heruntergekommene Siedlung. Noch vor 25 Jahren war diese Gegend in Ostkasachstan streng geheimes Sperrgebiet. 456 Atomtests mit mehr als 600 Explosionen führten die sowjetischen Nuklearwissenschafter in dem sogenannten Polygon durch. 1991, als sich die Sowjetunion bereits in Auflösung befand, wurde das Testgelände geschlossen - nach 42 Jahren und einem nuklearen Fallout, der in etwa dem von 20.000 Bomben von Hiroshima entspricht. Nursultan Nasarbajew, damals junger Parteisekretär und heute kasachischer Präsident, war die treibende Kraft dahinter. Heute sagt er: "Es war ein Sieg gegen das Böse."

"Keine Angst" , lächelt Sergej Lukaschenko, "hier gibt es zwar eine höhere Belastung, aber schwer verstrahlt ist dieser Teil nicht." Der stellvertretende Direktor des Nationalen Nuklearzentrums Kasachstans gibt sich Mühe, alle zu beruhigen, die aus dem Helikopter steigen und ihren Fuß auf das "Experimental Field" setzen. Hier, auf der sogenannten Technical Area P1, haben die Sowjets 1949 ihre erste Atombombe hochgehen lassen, und wenige Jahre später (in einem Testdesign des späteren Dissidenten Andrej Sacharow übrigens) ihre erste Wasserstoffbombe.

220.000 hoch Verstrahlte

In der Tat zeigen die Geigerzähler der bereitstehenden Soldaten an dieser Stelle keine besorgniserregende Strahlung an. Nur ein paar Steinwürfe weiter, Richtung Zentrum der Technical Area, ist das anders. Dort sind die Sprengsätze detoniert, dort wird alles noch auf Jahrzehnte hochkontaminiert sein. Während der jahrzehntelangen Testungen waren einige der insgesamt 220.000 betroffenen Menschen in der Region einer Strahlenbelastung von bis zu 2000 Millisievert ausgesetzt, stellte eine Studie kasachisch-japanischer Ärzte 2008 fest. Laut IAEO sind ab einem Wert von zehn Millisievert Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung zu ergreifen, 150 Millisievert gelten als Grenzwert für klinisch feststellbare Verstrahlungssymptome.

Duisenbay Kosschkarbekow wird später auf einer nordkoreanisch inspirierten Gedenkfeier zum 20. Jahrestag der Schließung, die das autoritäre Regime Nasarbajews in Semej ausrichten ließ, erzählen, wie er damals mit seinen Schafen auf einem Hügel saß und die aufsteigenden Atompilze beobachtete. Dutzende Male, so als wäre dies das Normalste auf der Welt gewesen. Den Staub, den er danach in Haare, Gesicht, auf Händen und Kleidung hatte, wusch er nur notdürftig ab, als er nach Hause lief und sich zum Essen setzte.

Vom Jahrgang des über und über mit Medaillen behangenen alten Mannes leben kaum noch welche, sagte er. Die Krebsrate ist enorm hoch in den Ortschaften um das Polygon. Genauso die Selbstmordrate, weil sich die Menschen vor dem Leiden fürchten, das sie bei Verwandten und Nachbarn täglich sehen. In der Gegend von Semej (so heißt Semipalatinsk heute) töten sich 40 von 10.000 Menschen, im Rest Kasachstans sind es nur zwei. Auch die nachgeborenen Kinder haben noch unter den Tests zu leiden. In der Region gibt es Gegenden, in denen noch immer die Hälfte aller Kinder mit einer Missbildung oder Behinderung zur Welt kommt. Viele der Versehrten kämpfen auch heute, im reichen Kasachstan, noch um Anerkennung als Opfer und um eine Rente.

Einen guten Teil des 18.000 Quadratkilometer großen Polygons hat die Nationale Nuklearbehörde heute wieder zur Beweidung und zum Abbau von Bodenschätzen freigegeben. Wie lange der Rest des sowjetischen Erbes noch strahlen wird, kann kaum jemand sagen. (Christoph Prantner, DER STANDARD-Printausgabe/Crossover, 31.10./1.11.2011)

Kommentar posten
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Wladimir Kaisel
00
Atombombenversuche

Das ist wirklich schrecklich was da abgelaufen wurde. Die Atombombenversuche haben fiel Menschenleben gekostet. Ich war 2 Jahren dabei und habe an den eigenen Leib das alles erlebt.

tell the truth
10
1.11.2011, 11:36

Der Ami hat es genauso arg getrieben und das ganze Bikini Atoll verstrahlt...
http://de.wikipedia.org/wiki/Oper... Crossroads
Apokalypse pur ...
http://de.wikipedia.org/w/index.p... 0603045554

0Stoney0
00
2.11.2011, 09:24
Doku Film dazu lautet

Radio Bikini
http://www.heise.de/tp/artike... 349/1.html

Girgl Galgenstein
00
1.11.2011, 22:25
Wieviele Leute lebten auf dem Bikini Atoll?

und wieviele im Gebiet von Semipalatinsk? Die Amerikaner hatten vor Beginn der Tests die 200 Einwohner des Atolls evakuiert. Im Gebiet von Semipalatinsk (mehr als 1 Mio. Einwohner) gab es keine Evakuierungen. Die Bevölkerung dort leidet bis heute an den Folgen.

Horstl Schorschl
00
1.11.2011, 06:37
Was ist Fukushima!?

;D

Chris Quast
00
31.10.2011, 18:50

hab leider den namen vergessen.
aber da gibts in rußland einen kleinen see, wo die russen über jahre(zehnte) radioaktive abfallstoffe einleiteten. er trockne aus, da die radiaktive stoffen am grund des sees vom wind munter durch die gegend geblasen wurden, wurde er zubetoniert.

jedenfalls ist dieses gebiet, außerhalb von atomreaktoren, der verstrahlteste ort der welt.

Chris Quast
00
31.10.2011, 17:46

die russen sehen das alles nicht so eng.
http://de.wikipedia.org/wiki/Karatschai-See

da ist schon mal wurscht wenn ein bissal was verstrahlt ist.
ist ja viel platz. und außerdem wie im fall von kasachstan, weit von moskau entfernt.

arizona/oder nevada ?, ist weit näher von L.A. entfernt.

jaen-dos
40
31.10.2011, 19:13
wenn einer Wikipedia als Quelle benuzt, ist dem nicht mehr zu helfen

in Ihrer Wikipedia steht auch dass in Kasachstan etwa 70% der Bevolkerung Muslime sind, was nicht der Fall ist. Dort kann doch jeder rumfummeln bis jemand anderen den Humbug wieder löscht

Chien de Pique
01
31.10.2011, 23:27

Und dem ist man nicht hilflos ausgeliefert, man kann sich die Versionsgeschichte, die Veränderungen und Diskussionen ansehen, bei vielen Dingen auch die Quellen, oder je nach Sprachkenntnissen, dutzende andere Artikel zum selben Thema lesen und vergleichen. Das ist schon kaum zu überbieten.

mistvieh666
 
12
31.10.2011, 23:20
wenn jemand nicht wikipedia als quelle benutzt ist er selber schuld.

gibt es irgendeinen grund, der sie anzweifeln laesst, dass 70% der leute dort moslems sind?
wikipedia zitiert diesbezueglich uebrigens den kasachischen zensus von 2009. wenn sie jetzt der meinung sind, der stimmt nicht, dann ruelpsen sie bitte nicht sinnlos in der gegend rum, sondern argumentieren sie.
die wikipedia ist nicht die bibel. aber solang sie keinen gegenbeweis fuehren, stimmt das einfach was da drin steht und damit basta.
weil es nuetzlich ist, genau das anzunehmen, nicht weil es wahr ist.
ist ein recht moderner wahrheitsbegriff, der sich von allgemein verfuegbaren, kommunizierbaren und leicht zugreifbaren informationen ableitet.

jaen-dos
10
7.11.2011, 23:43
bist du blind oder einfach nur blöd?

nicht bei wikipedia, sonder beim Standard, in diesem Artikel gibt 4 Bilder, 2 davon konnte man eventuell vergrößern, also ich kann das, du wahrscheinlich nicht

jaen-dos
30
31.10.2011, 23:27
anscheind haben Sie den Artikel gelesen aber keine Bider angeguckt

klicken Sie das untere Bild und schon haben Sie Ihre Quelle, wenn Sie CIA als Quelle annehmen

Avicenna
 
10
31.10.2011, 17:31
Atomwaffen-Tests waren und sind Verbrechen gegen die Erde

Es fing mit den ersten "Tests" in Hiroshima und Nagasaki an. Offiziell wollte man den lang dauernden Pazifik-Krieg beenden, inoffiziell war das bereits ein heißes Zeichen im beginnenden kalten Krieg. Seht her: wir haben die Bombe und keine Skrupel sie einzusetzen! Dann folgten Russland, GB und Frankreich, die im Pazifik Verwüstungen anrichteten. Anfangs gab es nur wenige, die Widerstand leisteten, v.a. die großen Physiker (Openheimer - vom Saulus zum Paulus, Einstein u.a.m.) selbst. In Dt. gab es den Göttinger Appell: http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3... er_Appell. Der bewegende Appell Albert Schweitzers erreichte 140 Nationen. Immerhin wurden die Tests unterirdisch verlegt, aber der Wahnsinn des Wettrüstens ging weiter.

Ruben Weil
00
31.10.2011, 16:27
Ein Schäufelchen und einen Eimer!

Mehr braucht der motivierte Nachwuchsterrorist nicht um in diesem Gebiet genug radioaktives Material für jede Großstadt dieser Erde zu sammeln! Prost Mahlzeit!

mistvieh666
 
00
31.10.2011, 23:23

naja, es ist nur so: wenn sie genau das probieren, dann haben sie was wesentliches nicht verstanden und sind ein fall fuer den darwin award.

Chris Quast
00
31.10.2011, 18:31

übertreib nicht so !

*=Square=*
00
31.10.2011, 15:03
Am Ende war eh alles für umsonst...

...da die Sowjetunion in sich zusammengefallen ist. Schon traurig das die kasachischen Menschen darunter leiden mussten. =(

godheadsilo
00
31.10.2011, 16:34

naja wär schon blöd gewesen sowas auf russischem boden zu zünden

Cmd. Ed Straker
01
31.10.2011, 14:44

Vielleicht kann mir jemand erklären warum so viele Tests notwendig waren? Hätten da nicht zwanzig oder dreißig genügt?

15115
00
1.11.2011, 07:23
Kernwaffentest

Lies in Wikipedia unter Kernwaffentest nach, dann wird einem die Komplexität der vielen verschiedenen Szenarien für unterschiedlich Bombengrößen und Typen klar.

RationalMensch
07
31.10.2011, 12:05
Um eine Idee der Anzahl der Tests zu bekommen

http://www.youtube.com/watch?v=YZIP-uA_1XU

Trevor Goodchild
08
31.10.2011, 11:01
Die Politiker, welche das alles verbrochen haben, im Osten wie im Westen...

...haben ein Denkmal verdient, für schwerste Verbrechen gegen die Menschheit und die Integrität dieses Planeten auf dem wir leben. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Menschen daran gestorben sind, wie viele verstrahlt sind, wieviele an Krebs erkranken, weil die Hintergrundstrahlung weltweit angestiegen ist, wie lang das alles noch währt.
Wieviele es gibt, die atomare Technologie noch immer befürworten und damit arbeiten und experimentieren, ein wahrer Horror.
Ein atomarer Holocaust unvergleichlichen Ausmasses hat hier stattgefunden, und mit jedem Unfall in einem Atomkraftwerk wird er weitergeführt, nur im Namen der Gewinnsucht.

supermike
00
31.10.2011, 09:57
Man darf gar nicht darüber nachdenken

was die USA und Russland mit Ihren Atombombentests angerichtet haben.

Club-der-dichten-Toten
00
31.10.2011, 10:49

Wieso nur die USA und Russland?
GB und Frankreich (vor allem im Pazifik sehr aktiv) dürfen da nicht vergessen werden!
Die USA und Russland haben die Bomben wenigstens auf eigenem Staatsgebiet gezündet und die Strahlung nicht "ausgelagert".

suit
 
00
31.10.2011, 16:57

Die Amis haben übrigens fleißig auf den Marshall-Inseln getestet (über 100 Tests) - als nix da mit "nur im eigenen Land".

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