Wie Banken und Industrien die Politik beherrschen

Kolumne | Gerfried Sperl, 30. Oktober 2011, 17:40

Die jüngsten EU-Beschlüsse werden zwar positiv bewertet. Aber gegenüber den Banken durchgesetzt haben sich die Staats- und Regierungschefs nicht - Von Gerfried Sperl

Dass linke Grüne und Sozialdemokraten vom Schlage Oskar Lafontaines seit den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts das unkontrollierte Schalten und Walten der Großkonzerne für negative Entwicklungen verantwortlich machten, wissen wir. Von konservativer Seite wurde diese Sicht stets bestritten. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 hat sich das geändert.

Der vieldiskutierte Schwenk von Frank Schirrmacher, einem der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Linke habe mit ihrer Kapitalismus-kritik recht, ist in der Zeitung selbst nicht bemerkbar.

Während die FAZ, traditionelle Verfechterin des Rechtsliberalismus, Linie hält und sich stärker auf den Niedergang der FDP konzentriert, ist Die Welt, das Flaggschiff von Springer, eher nach links zur Mitte gerückt. Immer öfter kritisiert das der CDU nahestehende Blatt die Auswüchse des Kapitalismus. Kürzlich hat sie eine ihrer Wirtschaftsseiten mit einer kritischen Studie der ETH Zürich aufgemacht.

Diese über Jahre entwickelte Arbeit der Wissenschafter James Glattfelder, Stefano Battistoin und Stefania Vitali präsentiert zwar ein Ranking der Großkonzerne, oberflächlich ähnlich jenem des US-Magazins Fortune. Aber die Kriterien sind völlig andere. Beispiele: Wie stark sind sie an anderen Großunternehmen beteiligt? Wie vielfältig sind gegenseitige Verbindungen durch hohe Kredite und Kreditausfallversicherungen? Wie eng sind finanzielle Verflechtungen mit Staaten?

Da die statistischen Daten aus dem Jahr 2007 stammen, ist die Finanzkrise noch nicht berücksichtigt. Barclays dürfte nicht mehr die Nummer eins sein, Lehman Brothers (Platz 34) sind weg, die Schweizer UBS (Platz 9) nicht mehr so stark wie damals, chinesische Konzerne sind jetzt sicher unter den besten 50. Aber Banken dominieren weiterhin.

Die Autoren lassen über die Veröffentlichung in Die Welt offen, wie massiv das Finanzkapital die Politik der Nationalstaaten bestimmt. Aber es gilt als erwiesen, dass ehemalige Mitarbeiter von Goldman Sachs als Berater von Barack Obama eine wirksame Kontrolle des Geldsektors in den USA verhindert haben.

Dazu kommen massive Verschiebungen beim Steueraufkommen. In den 50er-Jahren haben in den USA Unternehmen noch für 60 Prozent der Staatseinnahmen gesorgt, heute sind es weniger als sieben Prozent. Oder:In seiner letzten Bilanz hat General Electric fünf Milliarden Dollar Gewinn ausgewiesen - und drei Milliarden Steuerguthaben. Steuer gezahlt aber hat der Riesenkonzern keinen Cent.

In der Studie berücksichtigt sind Daten von 44 Millionen Firmen. Die 147 größten entscheiden über 40 Prozent der Weltwirtschaft. Die Banken unter ihnen zeigten jetzt auch in Sachen Griechenland wieder ihre Macht. Die jüngsten EU-Beschlüsse werden zwar positiv bewertet. Aber gegenüber den Banken durchgesetzt haben sich die Staats- und Regierungschefs nicht - sie wollten einen Schuldenschnitt von 60 Prozent, die Banken den dann beschlossenen von 50. Sie bestimmen die Politik stärker als demokratische Mechanismen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 81
1 2 3
Standard deviation
20
2.11.2011, 07:40
Widerspruch!

Schirrmacher hat NICHT behauptet, dass die Linken
recht hatten, sondern als Frage in den Raum gestellt.
Das ist ein gewaltiger Unterschied, den Sperl ent-weder nicht verstanden hat oder bewusst falsch dar-
stellt.
Wenn sich manche konservative Vorstellungen sich
als nicht zielführend heraustellten, heißt das noch lange nicht, dass die linken Rezepte etwas taugen.
Sozialistische Planwirtschaft und massive Verstaat-lichungen, wie sie Lafontaine und Wagenknecht pro-
pagieren sind weit davon entfernt zukunftsreiche
Wege darzustellen.

mikromalist
 
04
1.11.2011, 18:11
Das Steuersystem ist der Spiegel

des sozio-ökonomischen Systems. Wer oekonomische Futtermengen und -Häufigkeiten, Nährwertkonzentrationen, Vitaminschuebe, vielleicht sogar Hormonzugaben ... nicht progressiv besteuert, darf sich nicht wundern, wenn ökonomische King Kongs und Godzillas wachsen.

Andererseits ist auch ein wenig lächerlich, wenn King Kong Goldman Sachs droht: wenn Du mich nicht weiter fütterst, falle ich um und bin tot.

Unsere Politgoofies wissen einfach nicht, welche positive Kraft ein pfiffiges Steuersystem haben kann. Nicht einsperren und anketten: besteuern.
Ertraege, Transaktionen, .... ohne Ausnahmen, progressiv nach oben offen ( Erträge bis 80%, Transaktionen bis 1%?).

Die nächste Anforderung liegt dann in der Mittelverwendung.

the world is flat
00
31.10.2011, 18:02
Süddeutsche heute: Auch die CDU denkt an Mindestlöhne!

Sperls Diskussion ist brand-aktuell.

F S 3
37
31.10.2011, 15:42
Vielleicht wäre auch an dieser Stelle eine kleine Abstimmung jener Begriffsdefinitionen angesagt, mit denen heute jeder nach Belieben um sich wirft…

…"Kapitalismus" bedeutet nun einmal, daß der Unternehmer sowohl seine Gewinne nach Gutdünken verwenden kann, als er auch seine eventuellen VERLUSTE SELBST tragen muß.

So gesehen ist die derzeigtige Finanz-"Krise"…

- eine hausgemachte,…
- keinesfalls eine Krise des "Kapitalismus"…
- aber eher symptomatisch für…

…die Vorgehensweise der FInanziellen Internationalen, die genau wie in allen vorhergehenden "Krisen", die wahren Urheber verschleiern will und diverse ideologische Blöcke gegeneinander ausspielt, um so leichte Spiel zu haben.

Vergessen wir nie: Die Investmenthäuser produzierten plötzlich "Verluste" (eigentlich war es vors.Betrug), die dann mittels "ÜberzeugunG" der entspr.Politiker SOZIALISIERT wurden (=die Allgemeinheit zahlt).

the world is flat
01
31.10.2011, 17:56
ad begriffe:

1) Kapitalismus ist viel differenzierter als Verluste beim Unternehmer. Jeder Arbeiter macht Verluste, wenn erarbeitslos ist.
2) Bankebetrug: Hier ist Regulierung (= Vorschriften/Gesetze) gefragt. Was nicht verboten war, ist erlaubt. Ist die Regel der "Kapitalismus"Proponenten. So gesehen haben die US und Deutsche Banke/n nur das gemacht was im "Kapitalismus üblich ist. Billig einkaufem teure verkaufen. Um den Wert der Dinge (der ja nur durch den Markt/Preis bestimmt wird(!)) haben sie sich nicht gekümmert.

Poldi Fesch
00
1.11.2011, 19:00
no na ist

erlaubt was nicht verboten ist u. verboten darf nur werden, was die oefftnl. Sicherheit gefaehrdet u. nur soweit dies in einer dem. Gesellschaft notwendig ist

QUANTUM
16
31.10.2011, 18:20

nicht ganz. die verluste konnten nur deswegen sozialisiert werden, da die investmenthäuser, dank billy dem clinton zu gewöhnlichen geschäftsbanken mutieren konnten. so wie roosevelt die fed privatisieren ließ, was er zwar bedauerte, trotzdem ließ er es zu.

the world is flat
00
31.10.2011, 18:29
Danke für die Info.

Fritz Wunderlich
50
31.10.2011, 18:26

quatsch

Armin Bierbauer
01
4.11.2011, 22:48

Nix Quatsch, Herr "Wunderlich":
http://de.wikipedia.org/wiki/Glas... eagall_Act

QUANTUM
00
31.10.2011, 19:50

fakten?

Fritz Wunderlich
00
31.10.2011, 20:01

haben sie welche?

QUANTUM
00
1.11.2011, 04:22

realitätsverweigerer sind immer wieder herzig

Fritz Wunderlich
00
1.11.2011, 17:49

herzig?
eher gemeingefährlich

QUANTUM
00
2.11.2011, 18:20

finde ich auch ihre denkweise, schön das sie mir recht geben

byron sully
06
31.10.2011, 15:05

herr sperl, dazu ist zu sagen: ja, auch im standard gibt es leider leute wie z.b. eric frey, der den banken und konzernen noch mehr macht geben will, als sie ohnehin schon haben...

Fritz Wunderlich
11
31.10.2011, 14:08
selektive zitierung und verkehrung des verwendeten welt-artikels, ganz zu schweigen vom titel mit industrie, die dann durch absenz im artikel glänzt - seriös ist etwas anderes

http://tinyurl.com/3vcb8b3
"Sollte das Zürcher Autorentrio ihre Rangliste aktualisieren, dürfte das Ergebnis deutlich anders ausfallen. Schon haben sich auf der aktuellen Global 500-Liste die chinesischen Staatskonzerne Sinopec und China National Petroleum auf Platz 5 und 6 der weltweit umsatzstärksten Firmen vorgeschoben. "

passend dieser welt-artikel:
http://tinyurl.com/3vcb8b3

"Dafür dominieren bei den Finanzinstituten jetzt die Chinesen. Mit der ICBC und der China Construction Bank ist die Volksrepublik mit zwei Geldhäusern ganz vorne in der Rangliste, nämlich auf den Plätzen fünf und neun."

aber das passt eben nicht zum spin sperls, das finanzkapital, das personifizierte böse unter der sonne - goldman sachs

QUANTUM
03
31.10.2011, 18:32

http://tinyurl.com/27lk7o6 eng
http://tinyurl.com/35ouasg de

GS ist der lehrmeister als kriegstreiber, auch wenn sie's nicht wahrhaben wollen.

the world is flat
00
31.10.2011, 17:59
Die ökonomischen Zentren verschieben sich.

Dass Sperl - wie auch viele ander - mit der Geschwindigkeit (bei dem beabsichtigten Informationsmangel) nicht ganz mithalten können kann man ihm nicht verdenken.

Fritz Wunderlich
00
31.10.2011, 18:32

außerdem ist es gehörige unbildung, wie der elitenaustausch zwischen regierung und konzernen in den usa seit fast hundert jahren funktioniert
dazu gibt es hunderte bücher und untersuchungen

dominante unternehmen/organisationen schicken ihre leute oder werden geholt, als repräsentanten
in ö funktioniert das kleinteiliger und ohne unternehen, aber mit dominanten organisationen, innerhalb des jeweiligen parteienspektrums
unglaublich, das nicht zu wissen

Fritz Wunderlich
00
31.10.2011, 18:25

doch, wenn ich das schaffe, sollte das ein pensionierter chefredakteur umso mehr

außer es ist seine ideologische schablone

Fritz Wunderlich
10
31.10.2011, 13:55
Hmm, schon bei der Zeitschrift von Sperl fiel eine gewisse Schlagseite auf, dass er sich so entpuppt, tz, tz

wäre sperl nicht so voreingenommen, dann hätte er ja auch das aus der welt zitieren können

oder diesen artikel:
http://www.welt.de/wirtschaf... zerne.html

"Dafür dominieren bei den Finanzinstituten jetzt die Chinesen. Mit der ICBC und der China Construction Bank ist die Volksrepublik mit zwei Geldhäusern ganz vorne in der Rangliste, nämlich auf den Plätzen fünf und neun.
Ironischerweise sind die Notenbanken für diese Verschiebung der Machtachsen mitverantwortlich. Indem sie die Kapitalmärkte mit Papiergeld fluten, treiben sie die Investoren in Sachwerte. "

Fritz Wunderlich
21
31.10.2011, 13:52
wechsel in die parallele verschwörungswelt? die herrschaft des bösen finanzkapitals über den gutenkapitalismus? vom "vor allem" in der welt geht sperl gleich von "erwiesen" aus - junge, junge, ein spätes coming out

"Die Autoren lassen über die Veröffentlichung in Die Welt offen, wie massiv das Finanzkapital die Politik der Nationalstaaten bestimmt. Aber es gilt als erwiesen, dass ehemalige Mitarbeiter von Goldman Sachs als Berater von Barack Obama eine wirksame Kontrolle des Geldsektors in den USA verhindert haben."

http://tinyurl.com/3vcb8b3
"die Macht der Finanzkonzerne – im Kontrollranking weit über ihren Umsatz und volkswirtschaftliche Leistung hinaus vertreten – ungebrochen ist. Dies liegt vor allem auch an ihrer in der Rangliste nicht erfassten Verflechtung mit der Politik.
.. schafften es vor allem ehemalige Mitarbeiter von Goldman Sachs in der US-Regierung und Parlament und Wall Street-Lobbyisten, eine echte Kontrolle des Finanzs..."

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
00
31.10.2011, 12:25

um zu erkennen, daß politik, industrie und finanzwelt miteinander verflochten sind, genügt es zu sehen, wie wirtschaftsleute in die politik und politiker in die wirtschaft wechseln.

Brigitte Rhomberg
21
31.10.2011, 08:41
EON und RWE..

Der Einfluss von EON und RWE haben aber offenbar nicht ausgereicht, nachdem in Deutschland der Atomausstieg beschlossen wurde.

Und EON und RWE sind immerhin unter den größten deutschen Unternehmen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 81
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.