Manga tanzt zwischen Hiroshima und Fukushima

30. Oktober 2011, 17:43
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Sidi Larbi Cherkaoui stellte sein neues Stück "Tezuka" vor: Ein interessanter Mix aus Tanz, Text, Videoanimation, Kalligrafie und Musik

St. Pölten - Längst werden Comics nicht mehr in den Schmuddelecken von Bücherliebhabern versteckt. Schon gar nicht Mangas, die japanische Version der Bildergeschichten; auch Sidi Larbi Cherkaoui outet sich als Manga-Fan. Der flämische Choreograf mit marokkanischen Wurzeln, heute einer der meistgelobten seiner Generation, ist da ganz Kind seiner Zeit. Mit seinem Stück Tezuka, das gerade im Festspielhaus St. Pölten mit Jubel aufgenommen wurde, bekennt er sich auch als Künstler zu dieser Leidenschaft.

Tezuka ist eine üppige Hommage an seinen Lieblings-Manga-Autor Osamu Tezuka geworden. Der 1989 mit erst 60 Jahren an Krebs verstorbene Künstler gilt als einer der Begründer des modernen Manga, dessen Spitzen-Reihen wie Dragonball bis zu dreistellige Millionenauflagen erreichen und im japanischen Verlagswesen für Milliardenumsätze sorgen.

Cherkaoui, der seine steile Karriere seit 1999 einem überaus illustrativ wirkenden Choreografie-Stil verdankt, hat in Tezuka ein Thema gefunden, das ganz und gar zu ihm passt: Mit Tanz, Text, Videoanimation, Kalligrafie und Musik verarbeitet er das Leben und Schaffen des Vielarbeiters und promovierten Mediziners, der ein gigantisches Œuvre von 150.000 Comic-Seiten - das sind rund 400 Bände - hinterlassen hat. Cherkaoui verklammert seine Darstellung des Werks von Tezuka und dessen Zusammenhängen zwischen den nuklearen Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki auf der einen und Fukushima auf der anderen Seite. Das letztere Ereignis hat den Choreografen während der Vorbereitung des Stücks tief getroffen.

Echtes Erzählstück

Auffallend konsequent vermeidet er Berührungspunkte sowohl mit dem japanischen Kabuki-Theater als auch mit dem Ende der 1950er entstandenen Butôtanz. Und er lässt sich kaum auf die filmisch-choreografischen Kompositionsmittel des neueren Comics ein, denn sein Tezuko ist keine formale Analyse, sondern ein echtes Erzählstück von fast durchgehend dokumentarischem Charakter.

Dabei verschmilzt der Tanz mit Kalligrafie (ausgeführt von Tosui Suzuki) und Videoanimation (Taiki Ueda). Und die von Tsubasa Hori, Park Woo Jae und Olga Wojciechowska wunderschön interpretierte Musik von Nitin Sawhney, mit dem auch Akram Khan immer wieder arbeitet, durchdringt die Atmosphäre wie Klang gewordene Zeit. Darin wird alles zum Zeichen: die Körper der Tänzer und ihre Inszenierung, die Gesten, die Schrift, das Bild und die vorgetragenen Texte. Trotz der dokumentarischen Ambitionen bleibt noch viel Raum für geheimnisvoll anmutende Szenen und Tanzpassagen, die Cherkaouis Rezeption der Geschichten Osamu Tezukas veranschaulichen.

Doch genau da werden auch die Schwächen des hippen Flamen, der aus dem Umfeld von Alain Platel kommt, sichtbar. Immer wieder einmal geht er seiner Leidenschaft für barocke Anhäufung und emotionalisierende Romantik auf den Leim. Als Folge kommt manche Tanzpassage aufgesetzt daher, die Videokomposition zeugt von einer Schwäche für Redundanzen, und die Dramaturgie verzichtet auf Stringenz zugunsten einer Reihe von originellen Einfällen, die unbedingt auch noch Platz finden mussten.

Zum ausufernden Werk Tezukas passt das zwar durchaus, aber das Stück selbst gewinnt dadurch lediglich an äußerer Wirkung, während es zugleich an inhaltlichem Gewicht verliert.

Immerhin verdankt sich diesem Hang zum Zuviel eine bemerkenswerte Abhandlung über das bakterielle Leben im menschlichen Körper und über die existenziell wichtige Rolle von Mikroben für die von ihnen besiedelten komplexeren Lebensformen und die Regeneration der vom Menschen beschädigten Umwelt. Auch als Metapher für Osamu Tezukas Werk funktioniert diese Idee so gut, dass Cherkaoui, um sie im Stück noch besser auszuarbeiten und zu positionieren, ohne weiteres auf manchen Gag und einige ausufernde Duette und Soli verzichten hätte können.
 (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 10. 2011)

  • Das Stück "Tezuka" begibt sich choreografisch auf die Spuren des Manga-Autors Osamu Tezuka.
    foto: festspielhaus st. pölten

    Das Stück "Tezuka" begibt sich choreografisch auf die Spuren des Manga-Autors Osamu Tezuka.

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