Klimafreundliche Agrarmaßnahmen

Gastkommentar15. Oktober 2012, 15:04
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Öffentliche Gelder für öffentliche Güter: eine grünere Landwirtschaft für Europa - Von Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimapolitik

Artikel aufderStandard.at "Kritik an der Rolle der Landwirtschaft am Klimawandel"

 

Die führenden Wissenschaftler der Welt gehen mit über 90 % Sicherheit davon aus, dass der größte Teil des Klimawandels seit den 50er Jahren auf vom Menschen erzeugte Treibhausgasemissionen zurückzuführen ist.

Der Klimawandel ist Realität, und er verstärkt eine ganze Reihe anderer globaler wirtschaftlicher und sozialer Probleme.

Die Landwirtschaft ist durch den Klimawandel besonders stark gefährdet. Der Klimawandel wird sich voraussichtlich sehr negativ auf die Landwirtschaft auswirken und damit die weltweite Ernährungssicherheit bedrohen.

Letztendlich werden höhere Temperaturen den Ernteertrag verringern und gleichzeitig zu verstärktem Unkrautwachstum und Schädlingsbefall führen. Veränderte Niederschlagsmuster erhöhen die Wahrscheinlichkeit kurzfristiger Ernteausfälle und langfristiger Produktionsrückgänge.
Die Auswirkungen einiger Veränderungen der Wetterbedingungen sind vor Ort bereits sichtbar: die Baumblütezeiten beginnen früher, die Weinbausaison hat sich verlängert und auch andere natürliche Pflanzenzyklen haben sich verändert. Kalendarische Verschiebungen der landwirtschaftlichen Tätigkeiten (Aussaat, Ernte usw.) deuten darauf hin, dass die Landwirte sich bereits auf die neuen Klimabedingungen einstellen.
Doch die Landwirtschaft selbst verursacht auf der einen Seite auch Treibhausgase und senkt sie auf der anderen.
Die Emissionen aus dem Agrarsektor der 27 EU-Mitgliedstaaten machen rund 9 % der Gesamttreibhausgasemissionen der EU aus. Zwischen 1990 und 2005 fielen die landwirtschaftlichen Gesamtemissionen vor allem wegen neuer landwirtschaftlicher Techniken um 20 %.
Doch in den kommenden 20 Jahren sind weitere Verringerungen möglich. Unsere Analyse macht deutlich, dass der Agrarsektor bis 2050 die Nicht-CO2-Emissionen um 42 % bis 49 % gegenüber 1990 verringern kann.
Außerdem speichern landwirtschaftliche Flächen, die rund die Hälfte des EU-Hoheitsgebiets einnehmen, große Kohlenstoffmengen und tragen so dazu bei, das CO2 in der Atmosphäre zu reduzieren.
Die Landwirtschaft muss sich also einer doppelten Herausforderung stellen: sie muss ihre Emissionen verringern und sich gleichzeitig an die neuen Klimabedingungen anpassen.
Die Europäische Kommission hat in der vergangenen Woche einen Reformentwurf für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) für die Zeit nach 2013 vorgelegt. Dieser Entwurf ist ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit der Landwirtschaft in Europa.
Mit diesem neuen Vorschlag schafft die Kommission einen wichtigen Grundsatz: öffentliches Geld für öffentliche Güter.
Land- und Forstwirtschaft spielen eine wichtige Rolle, indem sie öffentliche Güter und insbesondere ökologische Güter wie Landschaftsschutz, Agrarbiodiversität, Klimastabilität und größere Widerstandsfähigkeit gegenüber Naturkatastrophen wie Überflutungen, Trockenheit und Bränden erbringen.
Die Kommission ist für ein System, in dem Landwirte nicht automatisch Subventionen erhalten, sondern einen Großteil nur bekommen, wenn sie etwas für das Gemeinwohl leisten. Finanzielle Unterstützung wäre also abhängig von der Verpflichtung der Landwirte, ihr Land nachhaltig zu bewirtschaften.
Wir schlagen vor, dass 30 % der Direktbeihilfen von klimafreundlichen Anbaumethoden wie der Diversifizierung des Anbaus oder der Erhaltung von Dauergrünland abhängig gemacht werden. Außerdem soll sichergestellt werden, dass mindestens 7 % der landwirtschaftlichen Flächen für Naturschutzgebiete oder Landschaften erhalten bleiben.
Des Weiteren werden 25 % der Mittel für die Entwicklung des ländlichen Raums in Klimaschutzmaßnahmen fließen, z. B. als Anreiz zum sparsameren Umgang mit Düngemitteln, zur Unterstützung von Ökolandbau, Aufforstungsmaßnahmen, Gründecken nach der Ernte usw.
Für die Mitgliedstaaten, die vorzugsweise weniger auf die Einkommensstützung und eher auf ehrgeizige, klimafreundliche Maßnahmen für die ländliche Entwicklung setzen, ist in dem Vorschlag ebenfalls die Möglichkeit vorgesehen, bis zu 10 % der Mittel für die Einkommensstützung für Programme zur Entwicklung des ländlichen Raums zu verwenden.
Wie kann sichergestellt werden, dass bis ins kleinste Detail gehalten wird, was in Sachen Klimafinanzierung versprochen wurde? Wir schlagen eine klare bereichsübergreifende Verpflichtung vor, solche EU-Agrarprogramme zu identifizieren, die Klimamaßnahmen fördern. Anhand einer von der OECD entwickelten schlüssigen Methode werden die Klimaausgaben dann zurückverfolgt und überwacht werden können.
Alles in allem beginnt die GAP also, sich der Herausforderung des Klimawandels zu stellen. Dies bestätigt, dass sich die Betrachtung der europäischen Landwirtschaft als eine Quelle öffentlicher Güter für Umwelt und Klima dauerhaft geändert hat.

Nun sind die Mitgliedstaaten gefordert, den Vorschlag in einer Reihe sinnvoller und wirksamer klimafreundlicher Agrarmaßnahmen umzusetzen.

 

 

Autorin

Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimapolitik

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