Gewaltige Orchesterbilder

30. Oktober 2011, 17:18
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Eröffnung des Neue-Musik-Festivals mit Friedrich Cerhas Opus magnum "Spiegel"

Wien - Beharrlich, so erzählte Lothar Knessl im großen Saal des Wiener Konzerthauses, würde das Rechtschreibprogramm seines alten Laptops die Worte "Wien modern" korrigieren und aus dem Namen des Neue-Musik-Festivals den schönen Satz "Wien modert" machen. Genau das, suggerierte der Eröffnungsredner, der seit 1988 selbst Entscheidendes zum Programm und Konzept beigetragen hatte, dürfe nicht passieren.

Der intellektuelle Kopf der österreichischen Neue-Musik-Szene ortete mit brillanter Rhetorik im hiesigen Musikleben eine allgemein fehlende Orientierung in die Zukunft, Zaghaftigkeit und einen fehlenden Willen zum Risiko - und gab dem Festival die Mahnung mit auf den Weg, es sei längst noch nicht alles erreicht.

Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hörte all dem freundlich zu, nachdem er darauf verwiesen hatte, dass die Stadt heuer ihre Subventionen um fünf Prozent erhöht hat - und von seinen Lippen das Bekenntnis gekommen war, dass es in Wien um die zeitgenössische Kunst längst nicht so schlecht bestellt sei, wie manche meinen würden.

Vor dem Hintergrund zuvor jahrelang eingefrorener Mittel ist dies gewiss ein positives Signal - trotz des pikanten Details am Rande, dass der Künstlerische Leiter von Wien modern, Matthias Lošek, zuvor im Büro des Kulturstadtrats gearbeitet hat. Der Wunsch, neue Klänge spektakulär ins Licht zu rücken, wurde dann mit einem "Solitär in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts" (Knessl) zum Ausdruck gebracht - auch, indem Friedrich Cerhas Spiegel live auf Ö1 zu hören waren.

Ein halbes Jahrhundert ist der siebenteilige, anderthalbstündige Orchesterzyklus inzwischen alt, realisiert werden kann er freilich im normalen Konzertbetrieb kaum. Zu groß ist der Probenaufwand, zu groß auch die Besetzung, heikel zudem die Frage nach den elektronischen Zuspielungen (die Karlheinz Essl jetzt für Spiegel III umgesetzt hat). Cerha sagt denn auch, dass er bei der Komposition auf die "Praktikabilität" der Ausführung gar nicht geachtet habe.

Mit welcher Selbstverständlichkeit man das monumentale Werk heute zum Klingen bringen kann, demonstrierten das ORF RSO Wien und sein Chefdirigent Cornelius Meister auf souveräne, aber auch zwiespältige Weise. Sicher wahrte Meister akribisch den Überblick, sicher entfaltete sich das mikropolyfone Spiel der in sich bewegten Massenereignisse wie in einem blendend ineinandergreifenden Zahnradgefüge.

Aber den Schlägen, Eruptionen und Wellenbewegungen von Cerhas gewaltigen Orchesterbildern fehlte gegenüber den Interpretationen durch Cerha selbst oder durch Sylvain Cambreling doch einiges an Unmittelbarkeit und emotionaler Wucht. Dem allgemeinen Jubel und den Standing Ovations für den Komponisten tat dies freilich keinen Abbruch. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 10. 2011)

  • Solitär in der Musik des 20. Jahrhunderts: Friedrich Cerha.
    foto: corn

    Solitär in der Musik des 20. Jahrhunderts: Friedrich Cerha.

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