Fehlende Verfahrensordnung

"Im U-Ausschuss ist man mutterseelenallein"

Interview | 30. Oktober 2011, 17:55
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    Budgetsaal im Parlament, hier fand 2007 der Eurofighter-Untersuchungsausschuss statt.

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    "Es kann jeden Bürger treffen, dass er dort von juristisch nicht ausgebildeten Menschen fertiggemacht wird" , sagt Uwe Sailer, der in diesem Ausschusslokal im Oktober 2009 befragt wurde.

Polizist Uwe Sailer musste selbst vor einem U-Ausschuss aussagen - Er erzählt von schlafenden Mandataren und Vorverurteilungen

Standard: Sie waren 2009 im Untersuchungsausschuss zu angeblichen Abhör- und Beeinflussungsmaßnahmen im Bereich des Parlaments, kurz Spitzel-U-Ausschuss, als Auskunftsperson. Warum?

Sailer: Der U-Ausschuss kam auf Druck der FPÖ zustande, die glaubte, es ginge um den größten Spitzelskandal der Zweiten Republik, und ich hätte Infos über FPÖ-Mandatare an den Grünen Karl Öllinger verkauft. Die Initiative ging von Heinz-Christian Strache, Martin Graf, Werner Neubauer und Harald Vilimsky aus. Im selben Ausschuss wurde auch der Vorwurf untersucht, dass die Staatsanwaltschaft Wien eine Rufdatenrückerfassung für das Handy des BZÖ-Abgeordneten Peter Westenthaler angeordnet hatte.

Standard: Wie war es dort für Sie?

Sailer: Wenn Sie als Nichtpolitiker vorgeladen sind, werden Ihnen Achtung und Würde genommen. Ich kenne Befragungen, aber die war so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann.

Standard: Wie das?

Sailer: Man wird wie Abschaum behandelt. Was dort aufgeführt wird, liegt jenseits von allem, wie wir sonst in der Gesellschaft miteinander umgehen. Ich wurde fünf Stunden ohne Pause befragt. Hätte ich kein Wasser mitgenommen, hätte ich nicht einmal einen Schluck zu trinken bekommen. Zu essen ohnehin nicht. Wenn man fragt, ob man auf die Toilette gehen darf, wird man der Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei ließen sich die Abgeordneten selbst Essen kommen, Leberkäse, Würstel - und befragten mich mit vollem Mund weiter. Einer ist sogar eingeschlafen.

Standard: Gibt es Regeln, wie so eine Befragung abzulaufen hat?

Sailer: Nein, das ist das Problem. Bei Gericht gibt es Prozessordnungen, doch in Untersuchungsausschüssen gibt es keine Verfahrensordnung. Man ist Freiwild für die Abgeordneten. Es gibt nur die parlamentarische Geschäftsordnung, über diese wacht der Vorsitzende mit dem Verfahrensanwalt.

Standard: Wen vertritt der Verfahrensanwalt?

Sailer: Er soll den Vorsitzenden unterstützen, aber er ist häufig auch Ansprechperson für die Auskunftsperson. Es hängt viel davon ab, ob man einen guten Draht zu ihm hat. Das nächste Problem ist: Man kann nur als Auskunftsperson in den parlamentarischen Untersuchungsausschuss gehen. Ob Beschuldigter oder Opfer: Da wird kein Unterschied gemacht.

Standard: Das heißt, man hat de facto keinen Rechtsvertreter.

Sailer: Man kann als mentale Unterstützung eine Vertrauensperson mitnehmen. Die hat aber kein Recht auf Rede oder Anhörung. Als der Anwalt, der meine Vertrauensperson war, monierte, dass man mir Suggestivfragen stellte, wurde er fast des Saales verwiesen. Man ist mutterseelenallein.

Standard: Was war sonst problematisch für Sie?

Sailer: Die Mandatare können wegen ihrer Immunität tun und lassen, was sie wollen. Sie können lügen und Unwahrheiten über einen verbreiten, auch in aller Öffentlichkeit. Es gab schon während des U-Ausschusses Presseaussendungen über mich. Diese Vorverurteilung geht an die Existenz.

Standard: Welche Unwahrheiten?

Sailer: Man bezeichnete mich öffentlich als Spitzel und Datenfälscher. Das hat mir vorübergehend auch beruflich geschadet.

Standard: Verhalten sich die Abgeordneten aller Fraktionen so?

Sailer: Es gibt in jeder Partei einzelne, die inquisitorisch fragen. Eine weibliche Auskunftsperson, eine Telekom-Mitarbeiterin, ist damals weinend zusammengebrochen. Ich habe mit fünf oder sechs anderen Betroffenen geredet, und für keinen war die Befragung harmlos. Das Urteil aller war vernichtend. Und das kann jeden Bürger treffen, dass er dort von juristisch nicht ausgebildeten Menschen fertiggemacht wird.

Standard: Sie wurden damals auch vom Dienst suspendiert. Was blieb von den Anschuldigungen?

Sailer: Null komma null.

Standard: Was blieb für Sie übrig?

Sailer: Das Bedürfnis, duschen zu gehen. Man ist ein anderer, wenn man da wieder rausgeht. Ich wurde permanent mit Dreck beworfen und hatte das Bedürfnis, diesen Dreck nachher abzuwaschen. Man geht aus dem Parlament und denkt: "Und das sind die Volksvertreter, die wir wählen sollen?!"

Standard: Im Jänner starten die Befragungen im Untersuchungsausschuss, der sich unter dem Vorsitz der grünen Abgeordneten Gabriela Moser mit Korruptionsaffären befassen soll. Was erwarten Sie da?

Sailer: Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist nicht dazu da, um Strafsachen aufzuklären. Er ist ein Kontrollinstrument, um politische Verantwortung für Missstände sichtbar zu machen. Ich wünsche mir nur, dass alle Befragten fair behandelt werden. (Colette Schmidt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10.2011)

UWE SAILER (55) ist Polizist, Datenforensikspezialist und profunder Kenner der Neonazi-Szene. Die FPÖ warf ihm vor, ein Spitzel zu sein. Er wurde dazu 2009 vor dem Untersuchungsausschuss befragt. Die Vorwürfe stellten sich als haltlos heraus.

Kommentar posten
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Erwin Wolfram
40
1.11.2011, 02:59
...

ich find es aber nicht notwendig bei der polizei spezialisten zuhaben, wenn der faymann im orf bzw oe3 jeden tag einen neuen naziwerbespruch findet, der mit der realitaet kontrastiert eben diesen sinn ergibt, denn was soll man den jungen leuten erklaeren, dass alle vom parlament bis zur polizei nicht nur faul und korrupt sind, sondern sich auch kaufen lassen, oder soll man wie der faymann sagen "bei den menschenrechten koennen wir keine zugestaendnisse machen" (wo einfach der gang auf die strasse und die frage danach beim zweiten mal schon ausreicht das gegenteil zu beweisen).

Mork vom Ork
02
1.11.2011, 18:20

das nächste mal bitte 2 oder 3 sätze schreiben. Vielleicht hat man dann eine chance zu kapieren was sie sagen wollen.

tapsel
 
124
31.10.2011, 21:26
Sehr geehrter Herr Sailer,

ihr Mut und ihr Durchhaltevermögen imponieren mir!

Wir könnten viel mehr von ihrer Sorte brauchen.

Lassen sie sich auch weiterhin nicht unterkriegen!

derunbestechliche
03
2.11.2011, 09:43

Diesen Worten kann ich mich nur voll inhaltlich anschließen.

Danke Herr Uwe Sailer für ihre Courage und ihren Mut.

Michael Kolhaas
 
115
31.10.2011, 23:23
Ein profunder Kenner der Neonazi-Szene...

Kein Wunder, dass er von deren Vertretern vorgeladen und schikaniert wird. Hätten wir nur viel mehr Polizeibeamte dieser Klasse...

donna corleona
04
31.10.2011, 20:07

Aus der „Presse“ vom 5.12.2009 (anläßlich des Spitzel-U-Ausschusses):

… Josef Weixelbaum, Vizepräsident der Rechtsanwaltskammer, sagte, Auskunftspersonen würden Gefahr laufen, in einer ihre Menschenwürde verletzenden Weise behandelt zu werden. Dem widerspricht Verfahrensanwalt Klaus Hoffmann, dessen Aufgabe es ist, die Rechte von Zeugen im U-Ausschuss zu wahren. Abgeordnete würden anders fragen als Richter. Aber: Das müsse man aushalten, es sei auch kein Zeuge hilflos dort gesessen.
Wohl aber plädiert Hoffmann für eine Änderung der Verfahrensregeln: Vorsitzender oder Verfahrensanwalt sollten mehr Rechte haben – etwa eine Frage, die nicht zum Thema gehört, nicht zuzulassen oder einem Abgeordneten das Wort zu entziehen ...

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
01
31.10.2011, 23:50
Allgemein interessante:

aus wiki: „Die Freiheit der Willensentschließung und Selbstbestimmung des Beschuldigten darf nicht durch Misshandlung, Ermüdung, körperlichen Eingriff, Verabreichung von medikamentösen (bewußtseinstrübenden) Mitteln, Quälerei, Täuschung oder Hypnose beeinträchtigt werden.“

– § 136a (deutsche) Strafprozessordnung"

Ähnliches sollte eigentlich auch vor ausschüssen gelten - obwohl man für politikerbefragungen schon härtere methoden wünschen wollen könnte....

pirat was sonst
04
31.10.2011, 21:39

Wie Richter fragen ist ja schon schlimm genug. Um Klärung des Sachverhalts geht es bei den wenigsten Fragen. Was sich vor Gericht abspielt, ist nichts als ein Schw..., ich meine Egovergleich, zwischen Anwälten und Richter. Der, der Zeugen oder Beschuldigte am meisten fertigmacht hat gewonnen - so läuft das Spiel. An Wahrheitsfindung glauben nur Kinder.

umatum
023
31.10.2011, 17:59

Da kann man erahnen, was für Proleten unsere Volksvertreter sind.

Boris Sebastian
00
1.11.2011, 09:42
wie war das

mit der Hooligan-Fraktion? Scheint nicht nur aufs BZÖ zuzutreffen!

suboptimal
 
05
31.10.2011, 21:12
ja, dass ein paar besonders halblustige Schreier

hinter den Mistkübeln aufgewachsen sind, weiß man schon von den Nationalratssitzungen.

bernd12345
01
31.10.2011, 17:17
Das Problem ist mE

das es unter den Abgeordneten Selbstdarsteller gibt denen jegliche Kritikfähigkeit an der eignen Person fehlt und denen va eines wichtig ist: In der Zeitung zu stehen. Untersuchungsausschüsse werden dabei zu allererst als eines benutzt: Als Bühne für die eitle Selbstdarstellung.

system1
03
31.10.2011, 15:48
ob man auf die Toilette gehen darf....

die augen von den bonzen möcht ich sehen wenn ichs einfach laufen lasse..... ausserdem: mangel an wasser und nahrung kann sehr schnell zu gedächtnisverlust führen.....

buji2011
 
65
31.10.2011, 15:12
Verhör

Ja, so kann es einem ergehen. Man ist ein guter Polizist und verhört täglich alle möglichen Gauner. Man versucht mit allen legalen und manchmal auch nicht ganz legalen Mitteln etwas aus ihnen heraus zu bringen.
Und schwups! Da wird man selbst Opfer seiner eigenen Methoden. Ich würde gerne wissen, wie viele Stritzis und auch Nicht-Stritzis, weil unschuldig, schon so ein ganz normales Polizeiverhör über Stunden ohne einen Schluck Wasser durchhalten mussten.
Nun ja, EU! Vielleicht hat Hr. Sailer aus dieser Erfahrung was gelernt und er ist beim nächsten Verhör ein wenig netter, weil er ja nun endlich auch selber weiß, wie man sich dabei so fühlt.

beni_b
36
31.10.2011, 18:38

Sie haben den Artikel nicht gelesen stimmt??? Jetzt mal ernst: bei einer befragung bei der Polizei darfst du einen Anwwalt dabei haben der auch mit dir Reden darf und tipps geben darf so wie juristischen Rat und es gibt auch regeln bei befragungen. Bei U-Ausschuss gibts gar keine Regeln!!!!!!!!

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
01
31.10.2011, 23:08

- haben sie wirklich "anwalt dabei haben" gemeint??

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
02
31.10.2011, 23:07
Die art wie gesetze u. gesetzeslücken gemacht werden -

- sowie deren umsetzung ist schon oft bedenklich !

"Sailer: Man wird wie Abschaum behandelt. Was dort aufgeführt wird, liegt jenseits von allem, wie wir sonst in der Gesellschaft miteinander umgehen. Ich wurde fünf Stunden ohne Pause befragt. Hätte ich kein Wasser mitgenommen, hätte ich nicht einmal einen Schluck zu trinken bekommen. Zu essen ohnehin nicht. Wenn man fragt, ob man auf die Toilette gehen darf, wird man der Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei ließen sich die Abgeordneten selbst Essen kommen, Leberkäse, Würstel - und befragten mich mit vollem Mund weiter.."

Das ist eigentlich schon folter - kein wunder, dass bei derartigen verhörmethoden u. ausschüssen letztlich nichts vernünftiges rauskommt!

Pierre d´Aubusson
10
31.10.2011, 21:02

Und was soll dann die Regel, daß die allgemeinen Regeln für Gerichte gelten?

HVA
32
31.10.2011, 13:40
"Im U-Ausschuss ist man mutterseelenallein"

... ebenso beim Lesen des Artikels ...

Lupus67
16
31.10.2011, 13:03

kein wunder wenn man unter die räder kommt.......................wenn man sich in österreich gegen die braunen stellt, hetzen einem die schwarz-blauen mit allem was zur verfügung steht. eigentlich wunderts nur, dass es die fpö war, weil die övp-ler sind da noch unerbittlicher

Besserwisser
04
31.10.2011, 12:48
Wer war denn der Verfahrensanwalt in diesem Ausschuss ?

Auch der Herr Dr. Hoffmann? Ja, hat denn er nicht eingegriffen?

wakeup
33
31.10.2011, 11:40
ein u-ausschuss ist eben kein wachzimmer...

gemeinsam ist ihnen aber, dass man sich nach dem verlassen gerne duscht.
aber respekt für sailer. es klingt glaubwürdig, was er wie sagt.

Lord of all the Losers
02
31.10.2011, 10:51
ist man verpflichtet zum mitwirken

oder darf man auch schweigen? wenn man dort als auskunftsperson auch nichts sagen darf, sollte von diesem recht gebrauch gemacht werden.

und die imunität der parlamentarier kann jederzeit vom parlament aufgehoben werden - und wurde auch schon häufig aufgehoben.

Just N. Opinion
 
012
31.10.2011, 14:40
Wenn Sie Grasser, Meischberger oder Westenthaler heißen,

können Sie dem U-Ausschuss ruhig eine lange Nase drehen, einfach nicht hingehen - oder doch hingehen und die Abgeordneten schweigend angrinsen. Sie können auch den Spieß umdrehen und die Abgeordneten beschimpfen.

Was Ihnen jedoch als ehrlicher, verantwortungsvoller Bürger dieses Staates passiert, wenn Sie all das tun, will ich mir lieber nicht ausmalen.

Erwin Wolfram
20
1.11.2011, 03:03
...

ich bin zwar links aber nur die beiden letzten beschaeftigen sich offenbsichtlich mit den politischen aufgaben und sind daher gut vorbereitet. von den linken politikern kann das nicht gesagt werden, insoferne sie nicht den text des problem stehlen und gar nicht antworten. ich verstehe nicht warum wir uns so ein establishment bieten lassen muessen, dass oeffentlich verkuendet wahlen sind zu teuer (wie wenn eine geringe stimmenanzahl egal waere zB 1) aber ich verstehe, dass bei einer derartigen menge an verschleierungsarbeit die piratenparteien an den opfern abzocken koennen.

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