Das Comeback der Sozialproteste in Israel

Andreas Hackl, 30. Oktober 2011, 13:10
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    Proteste gegen horrende Wohnungskosten und soziales Ungleichgewicht.

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    "Der Wohlfahrtsstaat wird zurueckkommen", fordert die junge Frau auf ihrem Transparent.

"Jeder einzelne muss etwas tun"

Nach einer längeren Pause sind die israelischen Sozialproteste diesen Samstag in die Straßen zurückgekehrt. „Wir wollen einen Wohlfahrtsstaat", „Bibi (Netanyahu), du bist entlassen", und „das Volk fordert ein größeres Budget", waren einige der Slogans auf den Transparenten, die über den Köpfen der rund 20.000 Menschen in Tel Aviv zu sehen waren. Lut dem Fernsehsender Channel 10 sollen es sogar 45.000 gewesen sein. Auch in Jerusalem und vier weiteren Städten fanden Kundgebungen statt, wobei jene in der südlichen Stadt Beer Sheva wegen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen abgesagt wurde. An den grundlegenden Forderungen der Demonstranten hat sich seit den letzten großen Protesten am 3. September, als rund 450.000 Menschen demonstriert haben, wenig geändert. Israel, so der Tenor der Bewegung, bleibt weiterhin eine ungerechte Wirtschaft. Das Leben sei zu teuer und die Löhne zu niedrig.

Um das zu ändern, hatte die Regierung ein Expertenkomitee eingesetzt. Doch mit dem Gremium, das der renommierte Ökonom Manuel Trajtenberg leitet, will die Protestbewegung weiterhin nichts zu tun haben. Eine „unverhohlene Beleidigung" nannte die Protestführerin Dafne Lif den Bericht des Komitees, der am 26. September veröffentlicht wurde. Anstatt der geforderten Wurzelbehandlung, wolle man die Bewegung so bloß mit Zähneputzen vertrösten.

„Stattdessen ist das Parlament jetzt unser Komitee", sagt die Protestinitiatorin Stav Shafir selbstbewusst. Das Regierungsgremium sei von vornherein mit einem schwachen Mandat ausgestattet gewesen und deshalb unzulänglich. Deswegen soll sich die Bewegung nun auf das Parlament konzentrieren, das diese Woche aus der Sommerpause zurückkehrt. Dort werden sich Aktivisten tagtäglich in Komitees mit Politikern austauschen. „So wollen wir auch zeigen, welche Parlamentarier sozial und welche unsozial sind", erklärt sie zum geplanten Projekt, dass über eine neue Internetplattform für die Öffentlichkeit realisiert wird.

Über die letzten Wochen hat sich die größte Protestbewegung in der Geschichte Israels zumindest äußerlich stark verändert. Denn alle größeren Zeltstädte wurden mittlerweile von den Behörden abgetragen. Auch am Rothschild-Boulevard im Zentrum von Tel Aviv, der im August noch Heimat für mehr als 2000 Zelte war, ist das normale Leben wieder eingekehrt. Anstelle von Workshops, Basisdemokratie und Protesten findet man dort jetzt wieder Spaziergänger und Radfahrer.

Die Protestführung will von Normalität trotzdem nichts wissen, sondern weitermachen, bis sich etwas ändert. So wurde für Dienstag den 1. November ein Streik ausgerufen. „Israelis sollen an diesem Tag nicht zur Arbeit gehen, oder einfach etwas Besonderes tun, das unseren Kampf würdigt", meint Shafir. Auch Boykotts und andere Methoden des zivilen Widerstands seien eine Möglichkeit. Etwa auch Hausbesetzungen, die besonders in Jerusalem von einer kleinen Aktivistengruppe schon jetzt aktiv betrieben werden.

Solange jedenfalls, bis sich etwas ändert, werde man weiter kämpfen. Motivation scheint dafür genug vorhanden zu sein. Bei der Demonstration am Samstag haben sich immer wieder tausende Stimmen zu den altbekannten Worten „Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit" erhoben. Live-Musik und Kabarett füllten bei der Schlusskundgebung den Raum zwischen den Podiumsrednern, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Eine alleinerziehende Mutter aus Jerusalem, ein palästinensischer Israeli aus Nazareth, ein Arzt, ein 15-jähriger Jugendlicher und ein Ultra-Orthodoxer Jude haben zwar jeweils über ihre ganz persönlichen Hintergründe und Probleme gesprochen, jedoch auch bewusst nationale Einheit demonstriert.

„Jeder einzelne muss etwas tun", forderte Dafne Lif zum Schluss. So wurden die Demonstranten dann auch um eine Spende gebeten. Die Welt verändern kostet immerhin auch Geld. Und in einem Satz haben die Protestführerinnen ihren Ton gegenüber der Regierung von Benjamin Netanyahu eindeutig verschärft. „Die Regierung hört uns nicht zu, weil wir friedlich sind. Schaut euch all diese Leute hier an und denkt darüber nach, was passiert, wenn wir nicht mehr friedlich sind." (derStandard.at, 30.10.2011)

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17 Postings
HerrHugo
05
31.10.2011, 20:01
und die Regierung finanziert lieber Ultra-Haredis!

das ist mittlerweile ein DRITTEL in Jerusalem, das nicht arbeiten muss - nur um andere zu terrorisieren!

http://www.spiegel.de/politik/a... 41,00.html

wieso auch nicht
11
1.11.2011, 04:34

Was heißt "finanzieren"? Sozialleistungen stehen allen zu, leider profitieren Haredim überpropertional davon. Zum zweiten gibt es eine schwierige politische Konstellation in der Knesset: Ohne eine religiöse Partei kommt keine Mehrheit zustande. Und diese religiösen Parteien betreiben logischerweise Klientelpolitik.

Alles nicht so einfach.

wieso auch nicht
10
31.10.2011, 09:54

Es gibt keine palästinensischen Israelis. Nur arabische Israelis.

Der Waehlerwille
 
21
31.10.2011, 15:59
genau so ist das.

Die künstliche Erschaffung eine "palästinensischen Volkes" (was ja jeder für sich haben kann wenn er denn unbedingt will) schliesst die Israelischen Araber nicht ein.

klaus dona
01
2.11.2011, 19:36
künstliche Erschaffung

israel is eher eine künstliche Erschaffung aus Khazaren, ashkenazis und anderen von einander isolierten Juden. Geschichtlich und kulturen haben die nichts miteinander gemeinsam. Aber das Palastinenser in Palästina sich Pälastinenser nennen ist ne künstliche Erschaffung?

wieso auch nicht
20
1.11.2011, 04:31

Eben. Bei der israelischen Staatsgründung gab es keine sogenannten Palästinenser, nur Araber. Ein großer Teil wurden israelische Staatsbürger, sind also arabische Israelis.

subspace99
02
1.11.2011, 09:49

Nur weils konstruiert ist (wie jede andere nationale Identität auch), heisst es nicht, dass es nicht real ist.

??was??
00
31.10.2011, 07:14

Streik am Dienstag, den 1. Oktober? Welches Jahr? Sicher nicht 2011.

AndreasHackl
01
31.10.2011, 14:49

Sorry, habe das ausgebessert. November war natürlich gemeint.

schamuela
00
30.10.2011, 14:41
occupy whatever... (hierbei mit beigeschmock) :D

schamuela
00
30.10.2011, 14:41
occupy whatever... (hierbei mit beigeschmock) :D

O5
102
30.10.2011, 14:33

"Jeder einzelne muss etwas tun" steht halt leider in grobem Gegensatz zu "Wir wollen einen Wohlfahrtsstaat".

Die Gründer Israels waren Helden, Leute die in extremst widrigen Umständen hart gearbeitet haben und sich somit einen gewissen Wohlstand erarbeiten konnten. Um die Jahrhundertwende konnte niemand in Sachen Fleiß und Einsatz den Juden das Wasser reichen, egal ob in Europa, Nordafrika, Palästina oder den USA.

Aber heute hat die Sozialstaatsmanie leider auch Israel erreicht - man will nichts mehr leisten sondern das Geld fürs Nichtstun vom Staat zugeschoben bekommen. Wozu das langfristig führt sieht man in Griechenland schön.

Israel befindet sich auf einem riesigen Irrweg und sollte versuchen umzudrehen solange es noch geht.

Fritz Unrat
 
01
31.10.2011, 16:14
Tel- Aviv leidet unter einem ähnlich Problem wie London

Investoren, auch viele Private aus Europa und den USA, haben dort Wohraum angekauft. Für Zweit- und Urlaubswohnungen spielen ein paar m2 +/- weniger Rolle.

Für junge Stadtbewohner in einem Staat und einer Stadt mit stark begrenzter Fläche sehr wohl.

Es wäre am Staat gelegen hier ein Regulativ zu schaffen. Der Staat hat aber lange durch den Kapitalzufluss und die Zweitwohnungen stark profitiert.

kelchstein
00
30.10.2011, 23:56

Die Leute leisten enorm viel und müssen sich trotzdem nur mit wenigen qm² Wohnbereich zufriedengeben und dafür hohe Mieten berappen. Aber der Staat lässt sich fürs Nichtstun das Geld zuschieben.

Nick Tameer
16
30.10.2011, 20:11

Eine Pfefferkuchenökonomie, die schon im 19. Jahrhundert nicht mehr taufrisch war - und die Banker, gell, bekommen das viele Geld als Belohnung für ihren Konsumverzicht?

lessismore
11
30.10.2011, 21:13

Kibbuz, Investmentbank -- wer kann das schon unterscheiden?

Fritz Unrat
 
00
31.10.2011, 16:11
Jeder durchschnitllich Begabte kann das unterscheiden.

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