Andrea F. lebt mit Multipler Sklerose - THC verschafft ihr Linderung von schmerzhaften Spastiken
"Jeder kennt den Unterschied zwischen schlapp und entspannt sein", berichtet Multiple Sklerose-Patientin Andrea F.* . Die Krankheit äußert sich bei ihr vor allem durch Spastiken. Bei schulmedizinischen Präparaten, wie zum Beispiel Myolastan, habe sie vor allem die Nebenwirkungen bemerkt. Medikamente, die ihre Muskeln entspannen sollten, machten sich schlapp. F. beschreibt diesen Zustand: "Ich fühlte mich wie jemand, der sich nach einem Faustschlag erst wieder zurecht schütteln muss."
Auf Empfehlung eines Freundes hat F. vor Jahren mit synthetischem THC als Therapieform begonnen. Die Ergebnisse mit THC waren von Anfang an positiv, ihre Muskeln entkrampften ohne ihren Geist zu dämpfen. "Durch Hanf werden die Gefäße weit und ich entspanne. Das habe ich unmittelbar an meinem Körper erfahren. Und es ist schließlich mein Leben und mein Körper", appelliert F. .
Synthetisches THC und Vorteile des Rauchens
Die BVA bewilligt F. Dronabinol, der isolierte Hauptwirkstoff der Cannabispflanze, das sie in Kapselform einnimmt. Es gebe aber zwei Vorteile des Rauchens, berichtet sie: Wenn man Cannabis raucht, gelangt es über die Lunge schnell in den Organismus. Wenn man es isst, muss es zunächst im Magen verarbeitet werden und eine Wirkung lässt länger auf sich warten. Die Ausbeute von den Wirkstoffen sei zudem eine andere. Denn Dronabinol ist zwar ein Hauptwirkstoff der Pflanze, aber eben nur ein Wirkstoff, berichtet sie: "Ich denke, Mutter Natur ist eine gute Erfinderin, hat aber nicht die Lobby einer Pharmaindustrie."
Synthetisch hergestellte Medikamente wie Dronabinol haben jedoch für Patienten einen anderen großen Vorteil, sagt F.: "Man wird nicht in den Schwarzmarkt gedrängt, man hat dort keine Qualitätskontrolle und muss zahlen, was verlangt wird." Das synthetisch gewonnene Dronabinol ist jedoch viel kostspieliger als die Nutzung der ganzen Pflanze. Wer auf schädliche Nebenwirkungen des Rauchens verzichten will, hat Alternativen: In einem einem Vaporizer wird zum Beispiel das gelöste Dronabinol verdampft. Dieser Dampf enthält keine schädlichen Nebenprodukte einer offenen Verbrennung.
Wacher Geist
"Es heißt immer Leute, die Cannabis konsumieren seien geistig beeinträchtigt. Den Eindruck habe ich noch nie gehabt. Ich habe immerhin noch jahrelang an der Universität im Bereich Kunstgeschichte unterrichtet, obwohl ich schon im Rollstuhl sitzen musste, und einen wissenschaftlichen Aufsatz in der Neuen Züricher publiziert." Auf die Dosierung komme es an, ist F. überzeugt.
In ihrer Wohnung leben mittlerweile rund um die Uhr Pflegerinnen, berichtet sie: "Die zwei Damen sind ausgebildete Krankenschwestern und tun mir gut. Sie würden das auch bemerken und Maßnahmen treffen, wenn mir das Medikament geistig schaden würde."
Von Anorexie bis Grüner Star
Klinische Studien mit einzelnen Cannabinoiden oder mit Ganzpflanzenzubereitungen (gerauchter Cannabis, Cannabisextrakt) zeigten unterschiedliche positive Effekte. Die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, bei der F. Mitglied ist, hat eine Liste erstellt. Die Krankheiten und deren Symptome seien sehr unterschiedlich. Bei Multipler Sklerose habe sich THC besonders bewährt. Neben der entkrampfenden Wirkung der schmerzhaften Spastiken sei oft eine schlaffördernde Wirkung erlebt worden. Ähnliche Resultate zeigen sich auch bei Querschnittsgelähmten. Generell wirke Cannabis unspezifisch schmerzlindernd und mindere nicht die Wirkung von parallel dazu eingenommenen Opiaten. Gute Erfolge wurden auch bei Migräne und prämenstruellen Symptomen erzielt.
Die appetitanregende und übelkeitshemmende Wirkung kommt AIDS- oder Krebspatienten zu Gute. Interessante Ergebnisse zeigten sich laut Studien auch beim Grünen Star, der durch zu hohen Augeninnendruck entsteht, denn Cannabis kann diesen Druck senken, berichtet die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. Als weitere Einsatzgebiete werden zum Beispiel Anorexie, Kachexie, Epilepsie, hypermotorische Störungen oder (Alters)schlaflosigkeit aufgezählt. Auch bei Depressionen kann eine stimmungsaufhellende Wirkung einsetzen, sogar Menschen, die an Tourette leiden, erfuhren eine Milderung ihrer Symptome. Doch die medizinische Kenntnislage ist noch sehr uneinheitlich.
Risiken und Nebenwirkungen
Trockener Mund, Bewegungsstörung, Muskelschwäche, verwaschene Sprache, Steigerung der Herzfrequenz, Blutdruckabfall im Stehen, Schwindelgefühl: Das sind Nebenwirkungen, die akut auftreten können. Seltener wurden auch Übelkeit und Kopfschmerzen beobachtet.
Cannabis besitze ein Suchtpotential, bestätigt die Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM). Das sei jedoch durchaus differenziert zu betrachten: Denn bislang mache sich eine Sucht ausschließlich bei Menschen bemerkbar, die es zum Zwecke der Berauschung konsumieren, nicht bei chronisch Kranken. Bei einem Entzug könnten psychische Symptome wie Angst, Unruhe, Schlaflosigkeit und körperliche Symptome wie erhöhter Speichelfluss und Durchfall auftreten. "Bei entsprechend veranlagten Personen kann möglicherweise der Ausbruch einer Psychose beschleunigt werden", macht die Arbeitsgemeinschaft zudem aufmerksam. Es sollte daher möglichst "einschleichend" dosiert werden, also mit geringen Dosen begonnen werden, so dass die individuelle Dosis ermittelt werden kann.
Schlechtes Image, unwissende Ärzte
"Als erstes verbinden viele Leute Cannabis mit Drogen. Das ist schlecht. Denn es gibt keine Hanfleichen. Aber es gibt genug Alkoholleichen - und das ist schließlich eine gesetzlich erlaubte Droge", sagt F. . Auch die Gesundheitskosten, die durch Alkoholismus verursacht werden, werden selten thematisiert, wenn vom Hanf die Rede ist. "Das ist unehrlich den Statistiken gegenüber", kritisiert die MS-Patientin. (Julia Schilly, derStandard.at, 31.10.2011)