"Brauchen hervorragende Handwerker"

30. Oktober 2011, 12:08
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Karlheinz Rüdisser (ÖVP) und Christoph Chorherr diskutierten über falsches Sparen, Holzbau und Probleme in der Bauqualität

Der Vorarlberger Landesrat Karlheinz Rüdisser (ÖVP) und der grüne Wiener Gemeinderat Christoph Chorherr diskutierten über falsches Sparen, Holzbau und die Probleme in der Bauqualität. Gerfried Sperl moderierte

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STANDARD: Herr Rüdisser, Sie kommen aus einem Bundesland, das für seine innovative Architektur bekannt ist. Worauf kommt es beim Wohnbau heute am meisten an?

Rüdisser: Wir müssen unterschiedliche Ziele unter einen Hut bringen: Auf der einen Seite hohe Ansprüche an Lebensqualität, auf der anderen Seite ein immer engeres Korsett von technischen Vorschriften, die zum Teil den Wohnbau verteuern. Dennoch müssen wir den Menschen leistbares Wohnen anbieten. Und dann müssen auch andere Themenbereiche berücksichtigt werden, etwa energieeffizientes Bauen. Die europäische Rahmenrichtlinie schreibt uns vor, bis bis zum Jahr 2020 Null-Energie-Häuser zu produzieren. Eine weitere Herausforderung ist die demografische Entwicklung - wie wir Wohnen unterschiedlicher Generationen in der Zukunft gestalten und gleichzeitig auch die Anforderungen an eine solidarische Gesellschaft erfüllen. Das ist ein breites Spektrum und eine große Aufgabe, diesen Anforderungen gerecht zu werden.

STANDARD: Ist das in Wien genauso, Herr Chorherr?

Chorherr: Ich sehe wenig Unterschiede. In Wien ist die besondere Herausforderung, die umfassende Qualität im Wohnbau zu halten oder gar auszubauen angesichts steigender Bevölkerungszahlen. Die Schwierigkeit ist, für rund 15.000 bis 20.000 Menschen nicht Wohnraum zu schaffen, sondern Stadt zu schaffen, und das vor dem Hintergrund knapper werdender öffentlicher Mittel. Das ist die primäre Herausforderung. Die Gefahr ist, dass auf die falschen Qualitäten gesetzt wird, denn die Politik spart oft nicht dort, wo es sinnvoll ist - da gäbe es überall viele Sparmöglichkeiten -, sondern dort, wo es leicht geht. Und diese beiden Bereiche decken sich ganz selten.

STANDARD: Herr Rüdisser, Vorarlberg hat ganz massiv auf den Holzbau gesetzt. Wird der Holzbau besonders gefördert, auch für den mehrgeschoßigen Wohnbau? Und haben andere Baustoffe im Wohnbau überhaupt noch eine Chance?

Rüdisser: Es haben auch andere Baustoffe eine Chance, aber Sie sprechen richtig an, dass Vorarlberg eine inzwischen 40-jährige Tradition in der Architektur hat. Und diese Architektur ist zu einem Wert geworden, der weit über die Grenzen unseres Landes hinausstrahlt. Das war nicht immer so. Als die ersten Gebäude im Holzbau entstanden sind, hat man sie im Volksmund "Hasenställe" genannt. Jene Architekten, die damals so abqualifiziert wurden, sind heute Berater der Gemeinden. Das ist eine sehr positive Entwicklung, dass wir eine Kultur der Architektur und Planung geschaffen haben - und gleichzeitig eine Kultur der Ausführung. Es ist entscheidend, auch hervorragende Handwerker zu haben, damit man das realisieren kann, was Architektur anstrebt.

Walter Gropius, einer der Proponenten der Bauhauskunst, hat gesagt, es gebe keinen Wesensunterschied zwischen einem Künstler und einem guten Handwerker. Das ist auch die Grundlage der architektonischen Entwicklung im Land. Die Leute hatten nicht sehr viel Geld, sie verwendeten einen Baustoff, der aus der Region kommt, und die Qualität lag darin, das in einer hohen handwerklichen Meisterschaft auszuführen. Heute versuchen wir, diese alten Formen des Handwerks mit der neuen Sprache des Designs zu verbinden. Daraus entstehen Märkte und Potenziale, die man nicht unterschätzen sollte. Architektur ist heute eine der wesentlichen interessanten Einkommensquellen auch im Tourismus: Ausländische Architekten und Gruppen kommen nach Vorarlberg, um diese Architektur zu studieren. Allein dadurch erzielen wir bis zu 50.000 Nächtigungen im Jahr.

STANDARD: Und wie schaut es mit Förderungen für Holzbau aus?

Rüdisser: Es gibt natürlich spezielle Förderungen. Wir haben die Wohnbauförderung von der reinen monetären Förderung unter sozialen Aspekten über die Jahre hinweg ganz gezielt auch in Richtung Energieeffizienz und ökologischen Wohnbau weiterentwickelt und verschiedene Klassen der Förderstufen und der Förderintensität entwickelt. Je ökologischer der Wohnbau ist und je mehr auch heimische Ressourcen im Wohnbau verwendet werden, desto höher ist die Förderung.

STANDARD: Herr Chorherr, Herr Rüdisser hat die Bedeutung des Handwerks angesprochen. Immer wieder hört man, dass innovative Architektur nicht adäquat umgesetzt wird, wobei man weder den Handwerkern noch den Architekten allein die Schuld geben sollte. Wie ist Ihrer Erfahrung nach die Qualität der Ausführung im Wiener Wohnbau?

Chorherr: Ich bin immer wieder beeindruckt von der Zahl der Menschen in Wien, die beim Hausbau mit Architekten zusammenarbeiten. Das gibt es sonst nirgendwo in Österreich. In anderen Bundesländern mit höheren Anteilen an Einfamilienhäusern wird ein Architekt von vielen als Bedrohung empfunden. Es ist aber ein Unterschied, ob man in einer sehr verdichteten Form bauindustriell tätig ist wie in Wien. Hier stellt sich die Frage der Bauausführungsqualität umso mehr. Leider ist die selten ein Thema. Ich bin auf vielen Ehrungen gewesen, aber mir fällt auf die Schnelle kaum eine ein, auf der man einen Verantwortlichen, der die Fenster eingebaut hat oder der ein Detail ausgeführt hat, auf die Bühne bittet.

Natürlich haben die Menschen den Anspruch, dass das Haus funktioniert, und das nicht nur im ersten und im zweiten Jahr, sondern auch im neunten und elften Jahr - auch beim Sprung über Gewährleistungsfristen hinaus. Aber die handwerkliche Qualität ist insgesamt ein großes gesellschaftliches Problem. Es ist für mich keine Krankjammerei von Unternehmensverbänden, wenn sie sagen, dass die Qualifizierung von angehenden Lehrlingen deutlich sinkt. Das ist eine ganz große Bedrohung, da müssen wir uns was einfallen lassen.

STANDARD: Und was macht Wohnbau für Sie brillant?

Chorherr: Es gibt im Wohnbau keine Brillanz ohne Brauchbarkeit. Das ist eine ziemlich brillante Herausforderung. Für mich geht es nicht nur um das Haus innen, sondern auch um die Brauchbarkeit draußen: Wie schaut es zwischen den Häusern aus? Da haben wir einen großen Brauchbarkeits-Nachholbedarf. Erst wenn wir brauchbar gemacht haben, was dazwischen ist, wird es brillant. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2011)

KARLHEINZ RÜDISSER (56) ist seit 2008 VP-Landesrat für Wohnbauförderung und Raumplanung in Vorarlberg. Davor arbeitete der WU-Absolvent in der Landesverwaltung. CHRISTOPH CHORHERR (50) ist grüner Gemeinderat und Verkehrsexperte in Wien. Der studierte Ökonom ist Initiator mehrerer ökologischer Wohnbauprojekte.

  • Vorarlberg trifft Wien: Karlheinz Rüdisser (ÖVP), Christoph Chorherr (Grüne) und Moderator Gerfried Sperl (DER STANDARD) beim Wohnsymposium.
    foto: standard/newald

    Vorarlberg trifft Wien: Karlheinz Rüdisser (ÖVP), Christoph Chorherr (Grüne) und Moderator Gerfried Sperl (DER STANDARD) beim Wohnsymposium.

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