Essen in Edelstauden: Harald Fidlers wunderbar wilde Wochen, nächster Teil - die Steiermark von unten
Totes Tier oder nicht totes Tier?, sah sie mich mit ihren strahleblauen Augen an, und ich hoffte nur, sie meint jetzt nicht mich. Und wenn schon: Kein totes Tier, beschloss sie. Vielleicht, weil sie in dieser Gegend schon soviele sah, die mit ihrem Leben spielten.
You better Fink
Wo ist das Land der toten Tiere und ihrer todesmutigen Freunde, die sich ihr in den Weg werfen, frei nach Karen Elson: Here she comes it's killing time? Die Steiermark, weit unten, und links von der Mur, zwischen, zwischen Suppersbach und Stocking, zwischen Allerheiligen (wo man auch ziemlich gut isst) und dem Waasen, präzise: in Edelstauden. Im Berggasthof Fink, nicht zu verwechseln mit dem auch formidablen, aber zum Sitzen definitiv ein bisschen schöneren Fink-Haberl in Ilz. Aber so lange Schönheit am Tisch, braucht man über's Ambiete nicht meckern.
Noch nie, sagt sie, war sie in dieser Gegend unterwegs, ohne dass sich ein Tier sich vor ihr auf die Straße verirrte. Dem kann man einfach vorbeugen, empfehle ich Herzloser und brüte lange über der überreichen Auswahl zwischen Rehfilets "Schloss Porcia" (mit Hühnerleber), Rehschlögel in Schilcherramsauce, Hasenkeule in Wacholderrahm und Wildschweinbraten mit Eier- und Stockschwammerl und bestelle dann doch den rosa Hirschrücken mit Pilzen. Und fürwahr: Freie Strecke bei der Heimfahrt, nicht einmal ein Igel auf der Straße, der auf der Karte zur Vollständigkeit eigentlich noch fehlt.
Da haben wir den Salat
Dabei schien sie zur Verkehrssicherheit so gar nichts beitragen zu wollen, entschied gegen totes Tier und wählte den Vogerlsalat (gut, braucht man auch nicht auf der Fahrbahn, und der Speck drinnen half schon gegen Hausschweine im Weg) sowie "Waldpilzallerlei trifft Knusperzander", vermutlich gegen Aquaplaning auf der Heimfahrt. Pilz und Fisch trafen einander auch auf reichlich Salat. Möglicherweise ist das viele Grünzeug ja als gastro-ökologisches Gegengewicht zum doch recht beherzten Einsatz von Rahm quer durch die Speisekarte gedacht.
Ein schöner Rücken
Erfreulich dezent tritt der bei meinen Tagliatelle mit Eierschwammerl in Erscheinung, sehr, sehr erfreulich dieser erste Gang. Beim schönen Hirschrücken wähle ich die Steinpilzrahmsauce zugunsten gebratener Pilze ab, und bin gar nicht unfroh darüber, als ich die doch recht üppige Rahmdecke unter dem Hirschen am Nachbartisch sehe. Dort kam der aber auch sehr gut an.
Warum der Herr Kellner allerdings so nachdrücklich empfahl, in meinen zum Hirsch georderten Vogerlsalat doch unbedingt Erdäpfel zu nehmen, rätsle ich noch. Womöglich sorgte er sich, dass ich ohne Rahm nicht satt werde - bei dem Schüsselchen Maroni, den gebratenen Pilzen, dem Gemüseschälchen und dem duchessigen "Erdäpfel-Muffin" fiele das selbst mir Vielfraß schwer. In Summe ist das dann doch ein bisschen viel - wenn auch sehr, sehr gut. Man müsste ja nicht jeden Rat annehmen.
Mit Pilz und Fisch und Salat schon sehr zufrieden und eigentlich auch schon ganz gut satt, ging sie dann doch noch auf Nummer sicher: Damit sich uns auf der Heimfahrt weder Nüsse noch Kaokaobohnen in den Weg werfen, bitte die Nougatknödel auf einem sehr schönen Beerenspiegel, der sie aber wenig kümmerte angesichts dieser vier prächtigen Kugeln. Kann man eigentlich nur empfehlen, diesen Fink, am besten in so schöner Begleitung.
Krokette Rahmenhandlung
Die schadet natürlich auch anderswo nicht. Zum Beispiel ein paar wilde Kurven weiter in Wildon, beim Wurzingerhof. Dort ist es auch nicht wirklich, wirklich schön, aber ich fands schon ziemlich gut, wenn auch ein paar Grade unter Edelstauden. Eher nicht auszulassen zum Beispiel der kräftige Hirschschinken auf Endivien-Erdäpfelsalat, den angekündigten Weizer Schafkäse hab ich allerdings nicht entdeckt.
Damit die Gleichhberechtigung in dieser kleinen dreckigen Fresskolumne nicht zu kurz kommt, biege ich jetzt aber endlich vom Hirsch zum Reh ab, um der wissenschaftlichen Vergleichbarkeit willen aber gleich wieder rosa und Rückenfilet und Steinpilzrahm, ja, diesmal steh ich auch dazu. Der Rücken ziemlich schön, der Rahm mir ein bisschen zuviel, und Kroketten waren halt noch nie meine Freunde.
Ungemein wilde Suppe
Warum hab ich sie dann nicht abbestellt, ein Stückchen weiter östlich, in Feldbach, wo man bei Kirchengast auch nicht sonderlich schön sitzt, aber schon ganz gut essen kann. Weil ich dann womöglich keine Gelegenheit gefunden hätte, auf dem Weg zum WC meine ohnehin nicht dezente Braue zu einem eindrucksvollen Bogen der Skepsis hätte bauschen können: Da zupft nämlich gerade das Küchenpersonal meine Kroketten aus der Tiefkühltruhe. Und ich Gastrodilettant denke natürlich sofort an Fertigprodukt. Keine Ahnung, aber pingelig, hamma schon gern. Ich hätt die Kroketten eh auch sonst nicht aufgegessen, habe aber jedenfalls schon bessere aufgegabelt.
Umso schöner ihre Begleitung (wenn man von dem wirklich recht wild gemusterten Teller absieht): Fasanenbrust, saftig, gut, danke. Am erfreulichsten allerdings ihre Vorgängerin: Die ungemein dicke, ungemein intensive, sensationelle Wildsuppe. Yeah. Da ist man wirklich gerne Kirchengast, und nicht allein als Ausweichquartier, wenn der Fink in Ilz gerade wieder keinen Platz hat.
Totes Tier!
Totes Tier!, sah sie mich wild entschlossen an, und ein bisschen fühlte ich auch so. Sie aber schon wieder nicht mich, sondern ihre Leber. Kein Wunder nach dem Weekend. Gut, dass der jedenfalls ziemlich wirtige Mohrenwirt in Graz dafür Ersatzteile bereithält: Ihre geröstete Leber sehr gut, meine gerösteten Nieren nicht übel, aber im Geruch etwas streng. Hatten offenbar auch ein intensives Wochenende. Dafür umso schöner: Meine Fleck/Magerl-Suppe davor. Magen für den Magen, Leber für die Leber. Vielleicht hilfts ja.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und
Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als
Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache
um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht
immer gelingt.