Zur Sicherheit tote Tiere um Allerheiligen

    1. November 2011, 17:37
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    Essen in Edelstauden: Harald Fidlers wunderbar wilde Wochen, nächster Teil - die Steiermark von unten

    Totes Tier oder nicht totes Tier?, sah sie mich mit ihren strahleblauen Augen an, und ich hoffte nur, sie meint jetzt nicht mich. Und wenn schon: Kein totes Tier, beschloss sie. Vielleicht, weil sie in dieser Gegend schon soviele sah, die mit ihrem Leben spielten.

    You better Fink

    Wo ist das Land der toten Tiere und ihrer todesmutigen Freunde, die sich ihr in den Weg werfen, frei nach Karen Elson: Here she comes it's killing time? Die Steiermark, weit unten, und links von der Mur, zwischen, zwischen Suppersbach und Stocking, zwischen Allerheiligen (wo man auch ziemlich gut isst) und dem Waasen, präzise: in Edelstauden. Im Berggasthof Fink, nicht zu verwechseln mit dem auch formidablen, aber zum Sitzen definitiv ein bisschen schöneren Fink-Haberl in Ilz. Aber so lange Schönheit am Tisch, braucht man über's Ambiete nicht meckern.

    Noch nie, sagt sie, war sie in dieser Gegend unterwegs, ohne dass sich ein Tier sich vor ihr auf die Straße verirrte. Dem kann man einfach vorbeugen, empfehle ich Herzloser und brüte lange über der überreichen Auswahl zwischen Rehfilets "Schloss Porcia" (mit Hühnerleber),  Rehschlögel in Schilcherramsauce, Hasenkeule in Wacholderrahm und Wildschweinbraten mit Eier- und Stockschwammerl und  bestelle dann doch den rosa Hirschrücken mit Pilzen. Und fürwahr: Freie Strecke bei der Heimfahrt, nicht einmal ein Igel auf der Straße, der auf der Karte zur Vollständigkeit eigentlich noch fehlt.

    Da haben wir den Salat

    Dabei schien sie zur Verkehrssicherheit so gar nichts beitragen zu wollen, entschied gegen totes Tier und wählte den Vogerlsalat (gut, braucht man auch nicht auf der Fahrbahn, und der Speck drinnen half schon gegen Hausschweine im Weg) sowie "Waldpilzallerlei trifft Knusperzander", vermutlich gegen Aquaplaning auf der Heimfahrt. Pilz und Fisch trafen einander auch auf reichlich Salat. Möglicherweise ist das viele Grünzeug ja als gastro-ökologisches Gegengewicht zum doch recht beherzten Einsatz von Rahm quer durch die Speisekarte gedacht.

    Ein schöner Rücken

    Erfreulich dezent tritt der bei meinen Tagliatelle mit Eierschwammerl in Erscheinung, sehr, sehr erfreulich dieser erste Gang. Beim schönen Hirschrücken wähle ich die Steinpilzrahmsauce zugunsten gebratener Pilze ab, und bin gar nicht unfroh darüber, als ich die doch recht üppige Rahmdecke unter dem Hirschen am Nachbartisch sehe. Dort kam der aber auch sehr gut an.

    Warum der Herr Kellner allerdings so nachdrücklich empfahl, in meinen zum Hirsch georderten Vogerlsalat doch unbedingt Erdäpfel zu nehmen, rätsle ich noch. Womöglich sorgte er sich, dass ich ohne Rahm nicht satt werde - bei dem Schüsselchen Maroni, den gebratenen Pilzen, dem Gemüseschälchen und dem duchessigen "Erdäpfel-Muffin" fiele das selbst mir Vielfraß schwer. In Summe ist das dann doch ein bisschen viel - wenn auch sehr, sehr gut. Man müsste ja nicht jeden Rat annehmen.

    Mit Pilz und Fisch und Salat schon sehr zufrieden und eigentlich auch schon ganz gut satt, ging sie dann doch noch auf Nummer sicher: Damit sich uns auf der Heimfahrt weder Nüsse noch Kaokaobohnen in den Weg werfen, bitte die Nougatknödel auf einem sehr schönen Beerenspiegel, der sie aber wenig kümmerte angesichts dieser vier prächtigen Kugeln. Kann man eigentlich nur empfehlen, diesen Fink, am besten in so schöner Begleitung.

    Krokette Rahmenhandlung

    Die schadet natürlich auch anderswo nicht. Zum Beispiel ein paar wilde Kurven weiter in Wildon, beim Wurzingerhof. Dort ist es auch nicht wirklich, wirklich schön, aber ich fands schon ziemlich gut, wenn auch ein paar Grade unter Edelstauden. Eher nicht auszulassen zum Beispiel der kräftige Hirschschinken auf Endivien-Erdäpfelsalat, den angekündigten Weizer Schafkäse hab ich allerdings nicht entdeckt.

    Damit die Gleichhberechtigung in dieser kleinen dreckigen Fresskolumne nicht zu kurz kommt, biege ich jetzt aber endlich vom Hirsch zum Reh ab, um der wissenschaftlichen Vergleichbarkeit willen aber gleich wieder rosa und Rückenfilet und Steinpilzrahm, ja, diesmal steh ich auch dazu. Der Rücken ziemlich schön, der Rahm mir ein bisschen zuviel, und Kroketten waren halt noch nie meine Freunde.

    Ungemein wilde Suppe

    Warum hab ich sie dann nicht abbestellt, ein Stückchen weiter östlich, in  Feldbach, wo man bei Kirchengast auch nicht sonderlich schön sitzt, aber schon ganz gut essen kann. Weil ich dann womöglich keine Gelegenheit gefunden hätte, auf dem Weg zum WC meine ohnehin nicht dezente Braue zu einem eindrucksvollen Bogen der Skepsis hätte bauschen können: Da zupft nämlich gerade das Küchenpersonal meine Kroketten aus der Tiefkühltruhe. Und ich Gastrodilettant denke natürlich sofort an Fertigprodukt. Keine Ahnung, aber pingelig, hamma schon gern. Ich hätt die Kroketten eh auch sonst nicht aufgegessen, habe aber jedenfalls schon bessere aufgegabelt.

    Umso schöner ihre Begleitung (wenn man von dem wirklich recht wild gemusterten Teller absieht): Fasanenbrust, saftig, gut, danke. Am erfreulichsten allerdings ihre Vorgängerin: Die ungemein dicke, ungemein intensive, sensationelle Wildsuppe. Yeah. Da ist man wirklich gerne Kirchengast, und nicht allein als Ausweichquartier, wenn der Fink in Ilz gerade wieder keinen Platz hat.

    Totes Tier!

    Totes Tier!, sah sie mich wild entschlossen an, und ein bisschen fühlte ich auch so. Sie aber schon wieder nicht mich, sondern ihre Leber. Kein Wunder nach dem Weekend. Gut, dass der jedenfalls ziemlich wirtige Mohrenwirt in Graz dafür Ersatzteile bereithält: Ihre geröstete Leber sehr gut, meine gerösteten Nieren nicht übel, aber im Geruch etwas streng. Hatten offenbar auch ein intensives Wochenende. Dafür umso schöner: Meine Fleck/Magerl-Suppe davor. Magen für den Magen, Leber für die Leber. Vielleicht hilfts ja.

     

    Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Genau: Packt Hirsche und Hasen weg, der Fidler ist in der Gegend
      foto: harald fidler

      Genau: Packt Hirsche und Hasen weg, der Fidler ist in der Gegend

    • Totes Tier? Unbedingt! Hirsch bei Fink
Berggasthof FinkEdelstauden 198081 Heiligenkreuz am Waasen004331342314Einmal zwei, einmal drei Gänge mit Saft, Wein, Wasser, Kaffee: 72,30 Euro
      foto: harald fidler

      Totes Tier? Unbedingt! Hirsch bei Fink

      Berggasthof Fink
      Edelstauden 19
      8081 Heiligenkreuz am Waasen
      004331342314
      Einmal zwei, einmal drei Gänge mit Saft, Wein, Wasser, Kaffee: 72,30 Euro

    • Da strahlen blaue Augen gleich noch einmal so schön: Nougatknödel. Die Beeren lässt sie da einfach links liegen
      foto: harald fidler

      Da strahlen blaue Augen gleich noch einmal so schön: Nougatknödel. Die Beeren lässt sie da einfach links liegen

    • Da funkelt die Preiselbeere: Reh auf Rahm im Wurzingerhof, auch kein Fehler
WurzingerhofWurzing 708410 Wildon004331823232Zwei Gänge, Saft, Wasser, Kaffee: 29,40 Euro
      foto: harald fidler

      Da funkelt die Preiselbeere: Reh auf Rahm im Wurzingerhof, auch kein Fehler

      Wurzingerhof
      Wurzing 70
      8410 Wildon
      004331823232
      Zwei Gänge, Saft, Wasser, Kaffee: 29,40 Euro

    • Ist die dick, Mann: Wunderbar kräftige Wildsuppe bei Kirchengast
Gasthof KirchengastFärbergasse 308330 Feldbach0043315237157Zwei Gänge, Saft, Wasser, Kaffee: 24,30
      foto: harald fidler

      Ist die dick, Mann: Wunderbar kräftige Wildsuppe bei Kirchengast

      Gasthof Kirchengast
      Färbergasse 30
      8330 Feldbach
      0043315237157
      Zwei Gänge, Saft, Wasser, Kaffee: 24,30

    • Fass an, Fasan: Federvieh bei Kirchengast, auch ganz schön
      foto: harald fidler

      Fass an, Fasan: Federvieh bei Kirchengast, auch ganz schön

    • Flecksuppe, vermutlich mit Magerl, beim Mohren in Graz - für Freunde innerer Werte eine Freude
Zum MohrenwirtMariahilferstraße 168020 Graz0043316712008Zweimal zwei Gänge, Saft, Wasser, Wein, Kaffee: 23,10 Euro
      foto: harald fidler

      Flecksuppe, vermutlich mit Magerl, beim Mohren in Graz - für Freunde innerer Werte eine Freude

      Zum Mohrenwirt
      Mariahilferstraße 16
      8020 Graz
      0043316712008
      Zweimal zwei Gänge, Saft, Wasser, Wein, Kaffee: 23,10 Euro

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