Angela Merkel auf Helmut Kohls Spuren

Blog | Thomas Mayer, 28. Oktober 2011, 20:07
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Kohls "Mädchen" hat sich von ihrem einstigen Mentor offensichtlich einiges abgeschaut

Schon interessant, wie rasch sich die medialen und öffentlichen Urteile über politische Vorgänge und die handelnden Spitzenpolitiker in Europa in Zeiten schwankender Märkte und wankender Volkswirtschaften von einem Extrem ins Gegenteil drehen können. Am deutlichsten lässt sich das nach dem Jumbo-Gipfel der vergangenen Tage und dem Beschluss eines Euro-Stabilisierungspakets wohl am Beispiel von Bundeskanzlerin Angela Merkel ablesen.

Monatelang war sie - vor allem in Deutschland und Griechenland - die Buhfrau schlechthin: zu langsam, zu zögerlich, ohne klare Linie, zu schwach für Lösungen, hielt man ihr vor. Sie lasse die Griechen an der ausgestreckten Hand verhungern, weil sie nicht von Anfang an mit einer „großen Lösung" zu einem großen Schuldenschnitt zugunsten Athens reagiert habe. Die Kanzlerin habe alles nur noch schlimmer gemacht in den vergangenen zwei Jahren. Manche zweifelten sogar daran, ob die in der DDR aufgewachsene Merkel überhaupt eine überzeugte Europäerin sei.

Ein Kollege vertrat noch vor wenigen Tagen die Meinung, sie sei sogar die schlechteste deutsche Regierungschefin seit Menschengedenken. In Deutschland bildete der Hamburger Spiegel die Speerspitze der Kritik (wobei das Magazin in mehreren Titelgeschichten seit Jahresanfang aber auch schon den Tod des Euro zelebrierte - links-nationalistisches Wunschdenken, ganz in der Tradition seines verstorbenen Herausgebers und strikten Euro-Gegners Rudolf Augstein).

Nicht zu vergessen ist natürlich auch die konservative Frankfurter Allgemeine, die in Merkels Europapolitik seit langem das Ende stabiler Wirtschafts- und Währungspolitik nach deutschen Vorbild aufziehen sieht.

Plötzlich ist alles anders: Die sonst auch nicht gerade Merkel-freundliche Süddeutsche freut sich in einem Leitartikel über eine „solitäre Führungsrolle" Deutschlands, lobt Merkel dafür, dass sie gegen alle Widerstände durchgesetzt habe, dass nötige EU-Vertragsänderungen nun bei den EU-Partner kein Tabu mehr sind, auf dass man nach der Krisenbewältigung nicht wieder in den alten Schlendrian verfalle.

Aber am deutlichsten aber vollzieht der Spiegel in einem Kommentar nun eine Kehrtwende: Merkel „präsentiert sich als gute Europäerin", habe im Wettstreit mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy „die Nase vorne" (gemeint ist wohl: ist ihm um eine Nasenlänge voraus, denn auch der Franzose hat die Nase nicht hinten). Durch sie habe man Lösungen gefunden, diese „wirken zumindest einigermaßen durchdacht", so der Spiegel.

Was ist also geschehen, dass Merkel auf einmal in ganz anderem Licht erscheint?

Ist doch seltsam, denn mir kommt vor, dass die deutsche Kanzlerin sich in ihrem Stil eigentlich gar nicht geändert hat: Sie wartet ab, passt Entscheidungen der jeweiligen Entwicklung an, stellt sogar extra heraus, dass sie an eine große einmalige Lösung schlechthin sowieso nicht glaube. Es besteht kein Grund, in Euphorie über sie auszubrechen, so wie es bisher weit übertrieben war, sie als überfordert und europapolitisch unfähig darzustellen.

Geändert hat sich vorerst nur die Wahrnehmung von ihr: weil sich mit der Verschärfung der Konjunkturkrise erstens das ganze Umfeld in Europa verändert hat, so ist Frankreich in die Defensive gekommen; weil damit zweitens erst jetzt Merkels eher unspektakulärer, auf berechenbare Schritte und Pragmatismus ausgerichteter Politikstil zum Tragen kommt (der sprachlich leidenschaftslos ist, schlecht für schnelle Schlagzeilen); und weil Merkel in einigen Dingen schlicht und einfach Glück gehabt hat.

Das alles erinnert an Helmut Kohl - so vollkommen unterschiedliche Typen die beiden CDU-Politiker auch sein mögen. Auch der Kanzler der deutschen Einheit und heute in und außerhalb Deutschlands wohl unbestritten große Europapolitiker galt seinen Kritikern lange Zeit als Dolm. „Die Birne" hat der Spiegel in einer Titelgeschichte gespottet, nachdem der Pfälzer 1982 den Intellektuellen Hamburger Helmut Schmidt im Bonner Kanzleramt abgelöst hatte. 1989 - kurz vor dem Fall der Berliner Mauer und damit der DDR - galt Kohl als ablöse- und abschussreif. Wichtige Teile seiner Partei wollten ihn stürzen.

Dann kam aber eben dieses Jahr 1989, in dem die kommunistischen Regime des Warschauer Pakts der Reihe nach umfielen wie Dominosteine. Die Folge war - nach Jahrzehnten der relativen Ruhe im Kalten Krieg und einer gemächlichen Integration Westeuropas in EWG und EG unter Nato-Schutz - eine politische Krise; eine Zeit enormer Unsicherheit, wie es mit EU und Nato weitergeht; in der politische, wirtschaftliche und finanzielle Entscheidungen getroffen werden mussten, deren Tragweite schwer zu kalkulieren waren.

Erst die Bewältigung dieser großen Unsicherheiten im engen Zusammenspiel und Verbund mit den Partnern (vor allem in Paris und Brüssel) machte aus Helmut Kohl den europäischen Staatsmann schlechthin, als der er heute in den Schulbüchern (zu Recht) dargestellt wird.

Sein Erfolgsrezept bestand aus zweierlei: Er ließ auch in Zeiten größten nationalen Wiedervereinigungstaumels seiner Landsleute nie auch nur eine Sekunde Zweifel daran aufkommen, dass Deutschland fest in Europa verankert und solidarisch sein würde, als Partner, nicht als dominierende Macht. Daher fielen in Kohls Regierungszeit drei große, tiefgehende EU-Vertragsreformen (1986, 1992, 1997). Sie führten zu Binnenmarkt, Währungsunion, Wegfall der Grenzkontrollen und EU-Erweiterung.

Bei der Umsetzung handelte er pragmatisch, nicht nach der reinen Lehre. Scheinbar unüberbrückbare Interessenskonflikte zwischen den Staaten löste er über die Zeitschiene. Probleme „aussitzen", hieß das. Im Zweifel gab Kohl oft nach, oder legte noch „ein paar Milliarden" drauf, wissend, dass kein Land mehr von der europäischen Einigung, offenen Märkten und dem Euro profitierte als Deutschland.

Merkel ist ihm dabei, wenn man die jüngsten Beschlüsse analysiert, nicht ganz unähnlich. Kohls „Mädchen", wie er sie nannte, hat sich von ihrem einstigen Mentor offensichtlich einiges abgeschaut. Sie ist nur vorsichtiger, leiser.

Zwanzig Jahre später könnte daher nun wieder ein deutscher Kanzler, Merkel eben, in eine solche Rolle des subtil führenden Einigers schlüpfen. Sie könnte Kohl dabei sogar noch übertreffen: als Kanzlerin der europäischen Einheit, die das Kunststück vollbringt, aus der Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft am Ende eine echte politische Union zu schmieden. Kohl ist das in den 1990erJahren nicht gelungen. Die Zeit war nicht reif.

Es ist jedenfalls sicher kein Zufall, dass Merkel - ganz gegen den Trend - dringend eine neuerliche EU-Vertragsreform einfordert. Die wird zwingend notwendig sein, wenn man den nächsten Schritt zur Fiskalunion gehen will, nicht nur, weil das deutsche Grundgesetz einen anderen Weg praktisch ausschließt. Die EU hat in ihrer Geschichte große Sprünge jedenfalls meist dann gemacht, wenn sie zuvor in einer hartnäckigen Krise steckte. Anfang 2012 könnte es wieder so weit sein.

Wobei Merkel vermutlich noch mehr das Jahr 2013 im Auge hat. Da gibt es in Deutschland Bundestagswahlen, die aus heutiger Sicht „Europawahlen" werden. Von Merkels Erfolg bei der Krisenbewältigung, die nur über Europa zu erreichen ist, hängt also ihre zweite Wiederwahl ab - und eine mögliche Dauerkanzlerschaft.

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Posting 1 bis 25 von 65
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F. T.
10
2.11.2011, 07:11
...ist es klar, dass nunmehr auch für Geschenke (allerdings nur angebliche!) an die Bürger jede Menge Geld da sein muss. Aber nur wegen der SCHULDENBREMSE!

Für wie dumm hält diese Rohrkrepiererin die Deutschen eigentlich?

F. T.
10
2.11.2011, 07:10
Von den unglaublichen Pleite- und Verlustabschreibungen der "Macher" auf Kosten von horrenden Mindereinnahmen für den Staat einmal abgesehen.

Und die letzte Breitseite für den deutschen Steuerzahler könnten vielleicht noch die unglaublichen "Rechenkünste" des CDU-Finanzministers Schäuble besorgen. Na ja, um 55 Milliarden Euro (55.000.000.000) kann sich ja jeder leicht verrechnen. Das ist ja außerdem kaum budgetwirksam. Oder?

Aber gut, das alles dürften halt die Beiträge von Merkel und ihrer CDU bzw. ihrer Regierung zur eigens von ihnen erfundenen SCHULDENBREMSE in Deutschland sein: Die Vernichtung von zwei- und dreistelligen Milliardenbeträgen an Steuergeldern.

Und da jetzt Merkel und ihre Regierung als Meisterstück offensichtlich auch eine Billionenhaftung für deutsche Steuerzahler anstreben (mit relativ großer Garantie, dass ziemlich viel davon schlagend wird)...

F. T.
10
2.11.2011, 07:08
Die Bundeskanzlerin Merkel und ihre Regierungen (insbesondere die CDU-Regierungsmitglieder) sind mit Sicherheit die größten Versager, die Deutschland je erlebt hat.

Vielleicht könnte einmal ein talentierter Jung-Mathematiker ausrechnen, wie viel die angeblichen Erfolge(!) von Mami Merkel bei ihren Auftritten in den USA, bei den G8-Treffen und in der EU dem deutschen Steuerzahler bis jetzt gekostet haben. Oder was ein Bussi oder eine Umarmung, die Merkel immer so medienwirksam abholt, der deutschen Staatskasse im Durchschnitt kostet.

Abgesehen davon, dass Merkel auch völlig enthemmt, ohne Wenn und Aber, auch ohne Widerstand und Diskussion(!!!), schon etliche Male(!) Unsummen an Steuergeldern für Großpleitiers und Großversager vernichtet hat. Hätten Ackermann & Co das Doppelte oder Dreifache verlangt, hätte sie das auch locker bezahlt.

Nick Tameer
00
30.10.2011, 16:59

Nachdem sie ausgelernt hatte, hat sie ihn als ihr Gesellenstück abgesägt.

Interrupt
11
30.10.2011, 08:51
ist das euer ernst, redaktion?

"...habe im Wettstreit mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy „die Nase vorne" (gemeint ist wohl: ist ihm um eine Nasenlänge voraus, denn auch der Franzose hat die Nase nicht hinten)."

könnt ihr wirklich DEUTSCH?

Nick Tameer
00
30.10.2011, 16:51

Manche Redensarten mögen logisch Defizite haben, aber sie sind dennoch üblich und verständlich (und auch nicht einfach mit ähnlichen austauschbar) - ein hartes Faktum des Lebens.

Montgomery McFerryn
23
30.10.2011, 00:34

"Angela Merkel auf Helmut Kohls Spuren"

Gewichtsprobleme oder was?

bonifatius pangratius
00
29.10.2011, 20:19

Oh Angie, Oh Angie, when will those dark clouds disappear?
Angie, Angie, where will it lead us from here
With no loving in our souls and no money in our coats You can't say we're satisfied.

But Angie, Angie, you can't say we never tried

The Rolling Stones.

K 3
01
30.10.2011, 03:16
"Der grausame Kristall-Engel Angela" auf Chinesisch:

Die Merkel wird auch in China besungen:
http://www.youtube.com/watch?v=J3fk7KTGwfg

kalle keituri
03
29.10.2011, 19:01
jake harper!

Fisch Suppe
11
29.10.2011, 20:03

Und links vom Jake, dieser fette alte Mann, ist das der Alan Harper im Jahr 2020 ??

no, es mío
 
02
29.10.2011, 17:53
eine gewisse

ähnlichkeit mit o. pocher lässt sich nicht leugnen

black jack
12
29.10.2011, 17:01
Kohls oder Merkels Europa, das Europa diverser französischer Staatschefs

- allen Europas ist eins gemein: es kommt kein Volk vor. Es ist das Projekt von Eliten und deren Glauben an den Markt.

Um Europa zu schaffen, muss es aber ein europäisches Bewusstsein geben.

Unmöglich? "Freedom"; das haben uns letztlich die Amerikaner gebracht. Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit kam mit der demokratischen Freiheit. Auch keine europäische Heldensage!

Brüderlichkeit! Die europäischen Sozialsysteme! Wo gibt es denn sonst noch Vergleichbares auf dieser Welt? Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es weder Gleichheit noch Freiheit! Gerade in Zeiten wie diesen, wo die Märkte den Sozialstaat bedrohen, müssen die Europäer geeint dafür kämpfen.

Ihre nationalen Regierungen haben die Europäer schon verraten und an den Markt verkauft.

Fritz Meyer
00
30.10.2011, 08:13
Schauen Sie sich die Geschichte der EU an.

Mangelndes demokratisches Fundament (bis heute), Fixierung auf Wirtschaft, ungebremster Lobbyismus.

Kein Wunder also, dass da die Bevölkerung höchstens als Störfaktor vorkommt - darum wollen's ja auch sowas wie die Vorratsdatenspeicherung oder länderübergreifende Polizeispitzeleien unbedingt durchsetzen.

Lectrice
02
29.10.2011, 22:11

Die nationalen Regierungen kapieren (incl. manche Teile der Bevölkerung) nichts - nämlich, dass zB ein geeintes Europa wichtig ist um den "2 anderen Märkten" etwas entgegenzusetzen.

Und genauso müsste es eine Europaweite Steuer- und Sozialpolitik geben. Bei uns dilettieren Leute wie Pröll herum um sich in einer Pemperlregion wichtig zu machen (und sie wie Haider hoch zu verschulden).

Poldi Fesch
01
29.10.2011, 21:45
Glauben an den Markt

woran willst denn glauben, an den Osterhasen ?

Settembrini
00
29.10.2011, 18:31
Blackie, du siehst zu schwarz!

"Das Volk" ist doch, warum man als Politiker die ganze Schinderei auf sich nimmt. Was erdreisten Sie sich, zu behaupten, "die da oben" wären alles Idioten oder Gauner. Ist Ihnen eigentlich entgangen, wie sauer dieser Manchesterkapitalist in der Downingstreet ist, weil die konservative Kollegin aus Deutschland die Tobin-Steuer verlangt? Das Eintreten Merkels für eine Finanztransaktionssteuer ist für mich so, als würde der Papst ein Puff aufmachen. Ich bin begeistert. Und salbadern Sie bitte himmelherrgottnocheinmal nicht von den Erfindern der Freiheit, den Amerikanern. Schon de Tocqueville hat vor 150 Jahren über Amerika geschrieben, es sei das unfreieste Land, das er kenne: Diktatur der Mehrheit, Minderheit=Staatsfeind. Frei? Die USA? LOL.

Gerald12
00
29.10.2011, 17:00
Der Kohl hat das System der BRD über die DDR gestülpt, die Merkel versucht das jetzt mit der ganzen EU!

Poldi Fesch
01
29.10.2011, 21:46
es koennte bloeder

kommen, Berlusconi, z.B. ?

Jürgen Rembremerding
00
29.10.2011, 13:23
Aung San Suu Tschi
 
07
29.10.2011, 11:37
Mayer spricht von nichts Anderem als der Krise des Journalismus

Die Presse hat zur Emanzipation des Bürgertums Entscheidendes beigetragen. Über die Hintergründe aufklärend stellte sie lange Zeit 1 Gegengewicht zu undurchsichtig Regierenden u.a. Mächtigen dar.

Diese Zeiten sind vorbei.

D. meisten Medien sind heute in der Hand von Wirtschaftskonsortien, zwar an der langen Leine (damit es nicht ZU offensichtlich wird), wenn es aber Spitz auf Knopf geht, schreiben sie NIE gegen ihre Financiers.

Das Hin & Her in der Beurteilung Merkels ist ein Beispiel dafür. Weht der Propagandawind in eine Richtung, ist sie schwach, weht er in die andere, stark.

Recherchiert wird nicht mehr ("zu teuer") & solide historische & ökonomische Kenntnisse will sich d. Journalist nicht mehr aneignen (weil ohnehin gut bezahlt).

Gerhard Ziegler
10
29.10.2011, 17:19

Geschrieben wird, was sich verkauft.

HAL 9000
00
29.10.2011, 10:11
Die Währungsunion ...

... war der Preis, den Kohl und Deutschland für die Wiedervereinigung zahlen mussten.

Auch wenn das heute keiner mehr gerne hört. Siehe SPIEGEL 39/2010 "Der Preis der Einheit".

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