Nach dem Krisengipfel I

Die Währungsunion braucht eine Regierung

Kommentar der anderen | Joschka Fischer, 28. Oktober 2011, 19:15
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    foto: apa/may

    Frankfurt, vor der Europäischen Zentralbank am Tag der Euro-Einführung, Jänner 2002. - Die flammende Begeisterung.

Plädoyer für eine Fiskalunion unter Führung der Staatschefs der Euroländer als Vorstufe zu einer echten politischen Föderation - Von Joschka Fischer

Der Kern der europäischen Krise liegt nicht in drei Jahrzehnten Neoliberalismus, nicht im Platzen der Spekulationsblase, nicht in der Verletzung der Maastricht-Kriterien, nicht in der Staatsverschuldung und auch nicht bei den Banken und der allgemeinen Gier - allesamt wichtige Dinge , sondern in der Politik. Genauer: im Fehlen einer gemeinsamen europäischen Regierung.

Als sich zu Beginn der 90er-Jahre die Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten dazu entschloss, eine europäische Währungsunion mit gemeinsamer Währung und Zentralbank zu bilden, traute man sich damals die gemeinsame Regierung nicht zu. Sie sollte später folgen. Die Währungsunion blieb deshalb ein unfertiges Gebäude, dem im Krisenfalle die politische Statik und damit Stabilität fehlen musste. Die Währungssouveränität wurde zwar vergemeinschaftet, die unerlässliche Macht zu ihrer Ausübung blieb aber in den nationalen Hauptstädten.

Man glaubte damals, vertraglich verpflichtende Prinzipien in Gestalt von Stabilitätskriterien, würden ausreichen, aber dies erwies sich als Trugschluss, denn Prinzipien müssen immer machtgestützt sein, um in der Realität zu funktionieren.

Die Währungsunion war und ist deshalb also eine Konföderation souveräner Staaten mit gemeinsamer Währung und gemeinsamen Prinzipien und Mechanismen geblieben. Ein solch loser Verbund von Staaten ist aber in einer Krise nicht ausreichend handlungsfähig und verliert aufgrund seiner Schwäche das wichtigste Gut einer Währung, nämlich das in sie gesetzte Vertrauen. Europa muss daher von einer Konföderation zu einer Föderation werden, wenn es sich nicht selbst ruinieren will, und d. h. als Konsequenz die Europäisierung der tatsächlichen politischen Macht.

Die Eurozone steht vor einer Entweder-oder-Situation. Entweder lässt man die Dinge weiter treiben, und dann wird der Euro unter dem Druck der Krise und mit ihm die gesamte EU zerfallen und sich Europa renationalisieren. Die politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Kosten einer solchen historischen Rückabwicklung wären enorm, und nicht umsonst fürchtet man sich weltweit vor einem solchen Kollaps Europas.

Oder das entscheidende politische Defizit der Währungsunion wird jetzt angegangen, indem man über eine Fiskalunion (gemeinsame Wirtschafts-, Steuer- und Haushaltspolitik und d. h. auch gemeinsame Haftung!) zu einer echten politischen Föderation vorangeht, den vereinigten Staaten von Europa. Mit weniger wird das drohende Desaster kaum noch abzuwehren sein.

Eurozone als EU-Avantgarde

Dabei wird die Euro-Gruppe als Avantgarde der EU vorangehen müssen, ob dies gefällt oder nicht. Denn die ganze EU mit ihren 27 Mitgliedstaaten wird dazu nicht willens und nicht in der Lage sei. Eine einstimmige Änderung des Europa-Vertrags mit dem Ziel einer echten politischen Integration ist leider jenseits des Machbaren.

Was also tun? Schon einmal haben die Europäer einen entscheidenden Integrationsfortschritt außerhalb des EU-Vertragswerks (aber im europäischen Geiste!) zwischen den Staaten vereinbart, und zwar die Grenzöffnung im so genannten Schengen-Vertrag. Heute ist dieser schon längst Bestandteil des EU-Vertrags.

Dabei sollte die Eurozone auf die Wiederholung eines Fehlers verzichten, nämlich über den Nationalstaaten eine eigene Superstruktur zu schaffen. Denn die Erfahrung zeigt, dass weder EU-Kommission noch Europaparlament über die notwendige demokratische Legitimation in den nationalen Öffentlichkeiten verfügen, die für jede Demokratie unerlässlich ist.

Die Euro-Gruppe braucht eine Regierung, und das können nach Lage der Dinge nur deren Staats- und Regierungschefs sein. Und genau diese Entwicklung findet gegenwärtig ja bereits ganz praktisch in ihren ersten Anfängen statt!

Und es wird keine Fiskalunion ohne gemeinsam ausgeübte Budgetpolitik geben können und d. h., dass nichts ohne die nationalen Parlamente gehen kann. Also wird eine "Eurokammer" unverzichtbar, entsprechend ihrer Stärke proportional aus den Führungen der nationalen Parlamente zusammengesetzt, beginnend als beratendes Gremium bei Beibehaltung der Entscheidungskompetenz bei den nationalen Parlamenten, später aber, auf der Grundlage eines zwischenstaatlichen Vertrages, als echtes parlamentarisches Kontroll- und Entscheidungsorgan, zusammengesetzt aus den entsandten Mitgliedern der nationalen Parlamente.

Und selbstverständlich bedürfte ein solcher Vertrag, der eine weitgehende Souveränitätsübertragung auf europäisch-zwischenstaatliche Institutionen bedeuten würde, einer direkten Legitimation durch die Völker, durch Volksentscheide in allen Mitgliedstaaten, auch und gerade in Deutschland.

Damit wären all die anderen Fragen, etwa nach einer gemeinsamen Stabilitäts- und auch Wachstumspolitik, zwar noch nicht beantwortet, wohl aber wäre für die Euro-Gruppe ein verlässlicher politischer Rahmen gesetzt, mit einer echten Regierung, einer wirksamen parlamentarischen Kontrolle und einer nachhaltigen demokratischen Legitimation. (Joschka Fischer, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 29./30.10.2011, ©Project Syndicate / Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 2011)

 

PERSON Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister und Vizekanzler.

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Posting 1 bis 25 von 61
1 2
Cesarus55
01
30.10.2011, 18:01
In jeder Demokratie

entscheiden 51 Prozent über die restlichen 49 Prozent. Deswegen funktioniert das ganze auch. Nur in der EU ist das nicht so. Da müssen immer 100 Prozent für etwas sein. Und solange sich das nicht ändert wird die EU nicht funktionieren.

imir
11
30.10.2011, 14:23

Scharrt der Wendehals-Joschka schon sabbernd in den Startlöchern für das Rennen auf einen Ministersessel?

badat
00
30.10.2011, 11:56
(1/2) Am Anfang konnte ich ihm ja noch zustimmen, aber bei den konkreten Vorschlägen

rollen sich mir die Zehennägel auf. Im Klartext will er also ein Direktorium der nationalen Regierungen, das sich seine Beschlüsse dann von Mitgliedern der klubzwanggebundenen nationalen Parlamente pro forma bestätigen lässt (und das anfangs nur als beratendes Gremium!).
Mit einer Föderation hat es jedenfalls nichts zu tun, wenn man die Regierungen der Teilstaaten auf Kosten der föderalen Bundesorgane stärkt.
Dass Kommission und EU-Parlament für die Menschen nicht ausreichend legitimiert sind, ist zu 100% die Schuld der nationalen Regierungen, die oft nur abgehalfterte Politiker dorthin schicken und Erfolge der EU als ihre darstellen und ihre Misserfolge auf die Union schieben.

badat
02
30.10.2011, 12:03
(2/2) Mittel und Wege,

um die Legitimation von Kommission und Parlament zu stärken, liegen seit langem auf dem Tisch:
- Direktwahl des Kommissionspräsidenten
- Europäische Parteien, die EU-weite Wahllisten bestücken können
- Gleichwertigkeit aller Stimmen, egal aus welchem Staat
- Dafür zum Ausgleich für die kleinen Staaten die Umwandlung des Rates in eine Staatenkammermit einer für jeden Staat gleichen Anzahl dirket gewählter Abgeordneter
- EU-weite Volksabstimmungen

Fischers Vorschläge würden die Defizite der derzeitigen EU nur noch verstärken und damit noch unbeliebter werden lassen. Wir müssen in die andere Richtung gehen - wenn ein Tanklaster brennt, löscht man ihn schließlich auch nicht mit Benzin.

barney
02
30.10.2011, 11:19
Schrecken ohne Ende

Und jetzt auch noch der Fischer!
Meine Herren, bin ich froh, daß ich das Standard-Abo gekündigt habe...

THE MGT.
01
30.10.2011, 13:26

Abo hin oder her. Ich finde es schon interessant, wie sich da offenbar gerade eine politisch-mediale Front aufbaut, die sich für eine Art (fiskalische) Europaregierung und die Abwertung der gewählten Parlamente stark macht.

Woher sonst als aus den Zeitungen u. Nachrichten sollte man von sowas erfahren? Und Kritik an diesen Plänen zu finden erwarte ich in Ö. unter den Tageszeitungen noch am ehesten im Standard. Ich denke bzw. hoffe doch, dass nicht Frey die Blattlinie vorgibt.

MME
12
30.10.2011, 10:07
Unglaubwürdig

Mit dem Kommentar reiht sicher Herr Fischer in die Reihe der Politiker ein, die in der Amtszeit genau das Gegenteil dessen gemacht haben was sie danach als Privatmann publizieren.

Einfach widerlich.

recycling
00
31.10.2011, 08:52

Andererseits gibt es noch mehr Politiker, die schon während ihres Daseins als Politiker etwas völlig anderes tun als versprochen.

Um keine europäischen oder gar nationalen Beispiele zu zitieren: "Guantanamo wird geschlossen" (Obama), "Read my lips ..." (Bush sen.)

Fritz Meyer
01
30.10.2011, 08:28
Ihre Einstellung zu Demokratie und Gemeinwohl sind bekannt.

Ebenso wie der Umstand, dass Ihre Partei unter Ihrer Führung Kriegseinsätze, Hartz IV und die sog. "Otto-Pakete" zur Bespitzelung der eigenen Bevölkerung abgenickt hat.

ravenna
30
30.10.2011, 11:14

Ach, wie lustig. Da glaubt der Fritzi Meyer doch ernsthaft, dass der Fischer seinen Kommentar liest. Naja, eben ein Selbstüberschätzer und Realitätsverweigerer, wie er im Buche steht....

AG65
02
29.10.2011, 20:54
Das Problem nicht erkannt

Irgendwie denke ich, viele europhile Politiker sowie die gesamte EU-Beamtenschaft hat ein essentielles Problem nicht erkannt:

Aus welchem Grund auch immer ist europäische Integration derzeit unter der europäischen Bevölkerung ein relativ negativ behaftetes Thema, sprich, eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Leuten haben davon eigentlich die Nase voll.

Ich denke, Europäische Integration ist eine Supersache nur schlecht umgesetzt, schlecht gemanaged und noch schlechter vermarktet.

Man sollte daher jetzt nicht jede zweite Woche etwas Neues bezüglich EU erfinden und mehr und mehr Länder reinholen, sondern einmal konsolidieren, effizienter gestalten und verbessern. Und dann, in zwanzig Jahren oder so, ginge ich den nächsten Schritt an.

Andreas Prucha
00
30.10.2011, 15:26
Naja, ganz so einfach ist es meiner Ansicht nach nicht. Europa hat bis jetzt die Politik der kleinen Schritte betrieben - grössere Schritte sind meistens nur unter Druck entstanden.

EU (inklusive Vorgängerverträge) war ja von Anfang an eher ein Vernunfts- denn ein Liebesprojekt. Die Einführung einer "Wirtschaftsregierung" wäre eben das nächste Vernunftsprojekt. Aber eben *weil* die meisten Bürger auf der Bremse stehen (und natürlich die nationalen Politiker auch, weil sei keine Macht abgeben wollen), kommen so undurchsichtige und undemokratische Strukturen heraus: Die Exekutive der Mitgliedsländer spielt Legislative auf EU-Ebene, und jammert dann, dass "die böse EU" sie zu irgendwas zwingt.

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
33
29.10.2011, 19:03
Warum nicht gleich eine WELTREGIERUNG,

Herr Fischer? Das ist es ja, was Sie und ihresgleichen wollen.

Nicht zu vergessen den Mikrochip unter der Haut, der alle Menschen überwachbar macht.

Dieses Theater kranker Gehirne nennt sich "Neue Weltordnung". Kein Witz, den Plan gibts wirklich, und der Herr Fischer gehört- wie alle Bilderberger- zu seinen Adepten.

Leider leider geht ihnen jetzt das ungedeckte Geldsystem als Zentrum ihrer Macht kapputt.

C'est la vie!

Georg Naggies
11
30.10.2011, 15:44

Paranoiker.

Jepedaia Springfield
67
29.10.2011, 17:05
Die Währungsunion braucht keine Regierung

wir brauchen keinen EU-Staat!

Amenhotep IV
16
29.10.2011, 16:40
*grübel*

kann mir hier irgendjemand ein historisches Beispiel nennen, in der mehr politischer Zentralismus (i.Sinne, dass mehr Macht in die Hand einer kleinen Gruppe an Entscheidungsträgern gelegt wurde)...

...zu mehr Freiheit und zu mehr Wohlstand für die breite Masse an Bürgern geführt hat???

Irgendwie haben praktisch ALLE Experimente dieser Art, die mir bekannt sind, zum genauen Gegenteil geführt!

Cato der Ältere1
10
30.10.2011, 16:13
Deutschland 1871

Italien
USA
Kanada
"
"
"
"

imir
00
30.10.2011, 14:36

Der Wohlstand der breiten Masse ist völlig unerheblich. Die Reichen noch reicher zu machen und ihren Besitzstand zu sichern, ist die Kernaufgabe der EU.

Marq
76
29.10.2011, 15:22

Ich pflichte Herrn Fischer in seinen Ausführungen vollinhaltlich bei.

NONE
23
29.10.2011, 15:11

Fischer? DER Joschka Fischer?

War das nicht der Mann der seine Ideale verkauft hat, für Angriffskrieg eingetreten ist?

Da ist er in guter Gesellschaft, vom Saulus zum Paulus hatte auch Otto Schily hinter sich.

Hauptsache man profitiert danach von seinem politischem Engagement.

Aber eines Tages werden wir indirekte Demokratie los sein.

Friederich
07
29.10.2011, 15:08

Der begriff Europa kommt aus dem Griechischen und
bedeutet „Frau mit der weiten Sicht“.
Von Weitsichtigkeit konnte man bei der Euroeinführungnicht sprechen, ansonsten hätte es diese Fehler nicht gegeben.
Das Vertrauen in die Europapolitik ist nicht mehr gegeben.
Da hilft auch keine gemeinsamen europäischen Regierung.

Erasmus von Mises
11
29.10.2011, 14:28
die Stärken Europas

liegen genau in den Kräften, die sich aus De-Zentralisierung ergeben. Zentralismus verhindert Fortschritt und Wohlstand. Und dennoch, die Architekten der Vereinigten Staaten von Europa wollen diese Stärken untergraben, indem sie den Bürgern einreden, andernfalls werde Europa nicht im Konzert der Großen mitspielen können - die Frage ist; muss es das überhaupt?

NONE
14
29.10.2011, 15:13

Konzerne wünschen dies. Das vereinfacht die Kontrollmöglichkeiten.

Siehe die USA - in Detroit ist die halbe Stadt abgewandert und verarmt.

So etwas wollen wir nicht in Österreich.

Erasmus von Mises
00
30.10.2011, 23:30
wenn ihr Denken

nur Konzerne kennt, ist es schon verloren.

freiheitdermeinung
11
29.10.2011, 12:14
Der erste Absatz

wird unseren eigenen Kommentatoren, Soziologen und Gruenen aber garnicht passen stellt er doch einige in letzter Zeit sehr laut vorgebrachten Vorurteile nicht nur in Frage sondern bricht gaenzlich mit ihnen. Mit der vorherrschenden politisch korrekten Meinung gebrochen zu haben, dafuer allein gebuehrt Herrn Fischer schon Dank. Was den Rest des Beitrags angeht: es ist der wahrscheinlich einzig wuenschbare Weg mit dem Ziel der Vereinigten Staaten von Europa - nach dem Modell der USA. Ob man allerdings wirklich Bulgaren und Daenen unter einen Hut bringen kann und wie schnell, daran darf gezweifelt werden. Leider. Und deswegen wird es wahrscheinlich Fischer's Traum bleiben.

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