"Wir leben in einer Gesellschaft von Halbsimulanten"

Interview28. Oktober 2011, 18:52
65 Postings

Er ist 86 Jahre alt und arbeitet nach wie vor: Altersforscher Leopold Rosenmayr versteht Frühpensionisten nicht

STANDARD: Sie sind 86 Jahre alt. Wie lange arbeiten Sie noch?

Rosenmayr: Ich habe im Jahr 1947 zu arbeiten begonnen. Jetzt komme ich auch noch auf zwölf Stunden pro Tag.

STANDARD: Verstehen Sie Leute, die sagen: Mir reicht's! Ich mag nicht mehr arbeiten.

Rosenmayr: Nein. Ich kann es mir bei Leuten, die starke Schmerzen haben, vorstellen, oder wenn der Gedächtnisverlust, gegen den auch ich kämpfen muss, zu groß wird. Aber prinzipiell, nein: Es ist doch keine Leistung, symbolisch gesprochen, mit 58 oder 59 Jahren im herbstlichen Garten nur mehr die Birnen abzunehmen.

STANDARD: Manchen reicht das.

Rosenmayr: Das glaube ich gerne. Aber das kann nicht das Kriterium einer so anspruchsvollen Gesellschaft wie der unsrigen sein.

STANDARD: Die Sozialpartner wollen das faktische Pensionsalter bis 2021 um zwei Jahre erhöhen.

Rosenmayr: Das ist viel zu langsam. Schauen Sie sich das faktische Pensionsalter an: 59,1 bei den Männern und 57,6 bei den Frauen. Der OECD-Durchschnitt ist mit 63,6 bei den Männern und 62,4 bei den Frauen viel höher. Mit dem frühen Pensionsalter werden die enormen Kosten in Österreich auf die nächste Generation geschoben.

STANDARD: Wie schnell gehört Ihrer Meinung nach angehoben?

Rosenmayr: Es muss ein Schnitt passieren. Das Pensionsalter sollte binnen der nächsten zwei bis drei Jahre hinaufgesetzt werden. Gleichzeitig gehört die Flucht in die Frühpension oder Invaliditätspension eingedämmt. 470.000 Invalidenrentner gibt es in Österreich. So viel wie eine Großstadt!

STANDARD: Viele berufen sich auf psychische Erkrankungen - alles Simulanten?

Rosenmayr: Es gibt einen großen Dehnbereich, jemanden eine psychische Erkrankung zuzubilligen. Wir leben in einer Gesellschaft von Halbsimulanten. Wir sind nicht so marod, um das Arbeitsleben mit 30 oder 40 Jahren Pensionsdasein zu kompensieren. Das kann sich doch keine Gesellschaft auf Dauer leisten - und sie sollte das auch nicht.

STANDARD: Die Sozialpartner setzen auch auf Anreize: Wer trotz eines positiven Bescheids auf den Pensionsantritt verzichtet, soll einen Jahresbonus erhalten.

Rosenmayr: Das sind Erfindungen, die den Mut zum Handeln ersticken. Mit Zuckerln vorzugehen, damit das dringend Notwendige überhaupt geschehen kann, zeugt nicht von kreativem Handeln in der Politik. Politiker sind immer noch Vielversprecher und Zuckerlverteiler. Sie verstehen es nicht, die nötigen Veränderungen in der entsprechenden Weise vor den Wählern zu vertreten.

STANDARD: Die Pensionisten sind eine große Wählergruppe.

Rosenmayr: Es müssen gezielt gute Voraussetzungen geschaffen werden, um die Menschen länger in der Arbeit zu halten. Da gehört viel dazu, auch in den Betrieben. Aber ich denke jetzt schon: Bei der nächsten Wahl wird man auch wieder mit Zuckerln und Versprechungen um Stimmen werben.

STANDARD: Wird Alter nur als Kostenfaktor wahrgenommen?

Rosenmayr: Geld als zentraler Maßstab ist ein Gesamtphänomen in der Gesellschaft. Es müssen Anreize geboten werden, abseits von finanziellen Verlockungen oder Drohungen. Meine japanischen Kollegen etwa, die an der University of Tokyo unterrichten, sind nach ihrer wissenschaftlichen Karriere im Alter als Lehrer an Schulen. Sie sind oft über 80, wenn sie sich dann aus der Arbeit ausklinken.

STANDARD: Sind ältere Menschen erwünscht?

Rosenmayr: Schon 2030 wird über ein Drittel der europäischen Bevölkerung älter als 60 Jahre sein. Diese Menschen kann man nicht als "Greise" abwerten. Und es wird noch mehr Langlebige geben: Ein heute geborenes Mädchen hat bereits eine mittlere Lebenserwartung von 100 Jahren. Unsere Kultur hat diesen Umschwung zur Langlebigkeit geistig und kulturell noch nicht einmal in Angriff genommen. Es muss Modelle geben, im fortgeschrittenen Alter noch einmal zu leben, dazuzulernen, und dabei auch in der einen oder anderen Form zu arbeiten. Derzeit gibt es ein Desinteresse an den älteren und alten Menschen.

STANDARD: Wie äußert sich das?

Rosenmayr: Es ist keine Anteilnahme am Schicksal der älteren Menschen vorhanden. Ich spüre das ja selbst, wenn ich Straßenbahn fahre. Die automatischenTüren klemmen Arme oder Beine ein. Man wird nicht berücksichtigt.

STANDARD: Beim Hineinheben des Kinderwagens helfen auch wenige.

Rosenmayr: Das ist dann das Problem des sozialen Negativismus von der anderen Seite her.

STANDARD: Warum partizipieren Senioren nicht besser?

Rosenmayr: Die Barriere ist hoch. Ältere Menschen haben oft das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Die sogenannte Individualisierung hat eine große Egozentrik herbeigeführt und diese noch mit dem Stempel der Modernisierung versehen. Wir haben immer mehr Superindividualisten.  (Peter Mayr/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.10.2011)

Zur Person

Leopold Rosenmeyr (86) ist Soziologe und "der" Altersforscher Österreichs. Demnächst erscheint sein Buch "Im Alter - noch einmal - leben" im LIT-Verlag.

  • Leopold Rosenmeyr
    foto: privat

    Leopold Rosenmeyr

Share if you care.