Nach dem Krisengipfel II

Europa braucht einen Sozialminister

Kommentar der anderen | 28. Oktober 2011, 18:27
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    Zehn Jahre nach der Einführung des Euro ist die flammende Begeisterung Frust und Unmut gewichen: Protestfeuer der "Occupy"-Bewegung am "globalen Aktionstag."

Warum Hugo Portisch mehr von der europäischen Idee versteht als Merkel und Sarkozy - und was zu tun wäre, um zu verhindern, dass die Union zu einer Solidargemeinschaft der Banken und Banken rettenden Politiker verkommt - Von Hellmut Butterweck

Seit kurzem liegt ein Vorschlag von Hugo Portisch auf dem Tisch, in den europäischen Schuldnerländern eine Art von "EU-Sektionschefs" zu installieren, die über die Ausgaben wachen sollen. Ich halte Portischs Vorschlag für brauchbarer als eine europäische Wirtschaftsregierung, wie sie von manchen Seiten auch schon vor dem Krisen-Gipfel immer wurde (vgl. S. 30). Und zwar nicht nur, weil in ihr wohl hauptsächlich Sarkozy und Merkel das Sagen hätten. Portischs Vorschlag ist auch deshalb besser, weil er um etliche Nummern kleiner und daher realistischer ist. Außerdem kommt er aus einem kleinen EU-Land und lässt keine Hegemonie-Ängste aufkommen. Ich glaube aber trotzdem, dass Europa etwas anderes dringender braucht: einen europäischen Sozialminister und ein europäisches Sozialbudget.

Die "Hausaufgaben" der europäischen Schuldnerländer bestehen derzeit bekanntlich im Sparen, Sparen und wieder Sparen und im Kürzen, Kürzen und noch einmal Kürzen, um solcherart das "Vertrauen" in die gemeinsame Währung wiederherzustellen.

Verdient denn der Dollar so viel mehr Vertrauen? Haben nicht die USA gigantische Staatsschulden und jede Menge faule Kredite und kann man nicht trotzdem jederzeit sein Nachtmahl oder sein Auto in Dollar bezahlen? Auch das britische Pfund existiert noch immer, trotz seiner zeitweise atemberaubenden Kursschwankungen. Und China macht der Welt dadurch zu schaffen, dass der Renminbi zwar an den Dollar gekoppelt, aber nicht "zu stark", sondern, im Gegenteil, "zu schwach" ist. Hatten Sarkozy und Merkel etwa die Schule geschwänzt, als der Lehrer den Unterschied zwischen einem Wertpapier und einem Zahlungsmittel erklärte? - Es ist schon seltsam, wie viel vom Vertrauen der Märkte die Rede ist und wie wenig vom Vertrauen der Wähler. Dabei sind die Rückzahlungspläne aller Schuldnerländer nur so viel wert wie das Vertrauen in ihre Regierungen.

Hugo Portisch erinnert daran, dass das zahlungsunfähige Österreich 1922 unter dem von seinen internationalen Kreditgebern auferlegten Sparzwang Tausende Staatsbedienstete entließ und Spitäler und Schulen zusperrte. Das erinnert fatal daran, was heute in Griechenland geschieht und morgen in Portugal oder Spanien geschehen kann.

Flucht nach vorn

Portisch ist aber auch der Ansicht, dass die sozialen Verwerfungen im Gefolge dieser Sparmaßnahmen mit zu den Ursachen des Bürgerkrieges von 1934 beitrugen. Welche Folgen die heutigen Beamtenentlassungen und Einschnitte in die sozialen Netze der Schuldnerstaaten noch nach sich ziehen können, ahnt man, wenn man die Bilder von den Ausschreitungen in Athen, Rom und London sieht. Das Gerede von den Hausaufgaben geht völlig daran vorbei, dass die Lasten, die Menschen zumutbar sind, Grenzen haben. Welche Unterschiede im Lebensstandard und in der sozialen Absicherung der Ärmeren ein Gebilde wie die EU gerade noch erträgt, sollte man besser nicht austesten. Daher ist Sparen und Kürzen bei Rüstungsausgaben und Prestigeprojekten angebracht, aber bei den Sozialausgaben ist es ein Spiel mit dem Feuer.

Möglicherweise wird in Europa bereits zu viel reguliert und harmonisiert. Doch wenn es einen Bereich gibt, in dem dies tatsächlich gerade jetzt angebracht ist und obendrein auch noch sehr schnell geschehen sollte, ist es die Sozialpolitik. Der Euro wird an den europäischen Staatsschulden genau so wenig zerbrechen wie der Dollar an den amerikanischen. Leider wurde bei seiner Einführung aber nicht bedacht, dass sich Länder, die mit der Produktivität nachhinken, noch stets mit der Abwertung ihrer Währung helfen konnten und dass es mit dem Eintritt in die Eurozone damit vorbei ist. Gunnar Myrdal hat in einer Studie am Beispiel des italienischen Mezzogiorno und der amerikanischen Südstaaten die dramatischen Folgen gezeigt, die blühenden Landschaften beim Eintritt in einen größeren, moderneren Wirtschaftsraum unter Umständen drohen.

Dies nicht erkannt zu haben, müssen sich die Euro-Euphoriker vorwerfen. Der Ausstieg aus dem Euro ist keine Alternative. Für die Schuldner und ihre Gläubiger bleibt nur die gemeinsame Flucht nach vorn. In schmerzhafte, riskante Anpassungsprozesse in einer Welt der schrumpfenden Marktnischen, in der die Märkte gesättigt werden statt der Menschen. Dieses Projekt kann misslingen. Wenn man die Schuldnerländer aber unter einen unbarmherzigen Sparzwang setzt und dabei das Abfedern der sozialen Folgen zu einer weiteren, unter diesen Umständen unlösbaren Hausaufgabe für sie macht, ist Scheitern programmiert.

Daher braucht Europa keine monströse Wirtschaftsregierung, die sich auf keinerlei Erfahrungen stützen könnte. Was Europa braucht, ist ein Sozialminister mit einem Sozialbudget, in das die Schuldnerländer einzahlen, soviel ihnen zuzumuten ist, und zu dem die Gläubigerländer so viel wie nötig zuschießen. Das ist gelebte Solidarität. Tut Europa das nicht, wird es mehr und mehr zur Solidargemeinschaft der Banken und Banken rettenden Politiker, für das immer mehr wütende Europäer es halten. (Hellmut Butterweck, DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2011)

Hellmut Butterweck schrieb u. a. die Bücher "Arbeit ohne Wachstumszwang" (Frankfurt/M. 1995) und "Die Rache des Geldes" (St. Augustin 2009).

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Posting 1 bis 25 von 41
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Werner Gruber
00
30.10.2011, 10:56
Man muss nicht tausende Staatsbedienstete entlassen ...

... es genügt, deren Einkommen um 30% zu senken.

johann potakowskyj1
 
12
30.10.2011, 00:01
Wenn man nur ahnt

was in den Arbeitsgruppen der EU-Sozialagenda alles abgehandelt wird, wird da eher an einen Unsozialminister denken.

Die EU-Sozialagenda inkludiert so alles, was wir an unseren Innenministerium hassen!

ivoryhunters
112
29.10.2011, 19:46
sozialausgaben sind die quelle aller probleme

das erste was zurueckgeschraubt gehoert sind sozialausgaben. die haben uns erst dahin gebracht wo wir jetzt sind.

sozialausgaben helfen auch den empfaengern nicht, im gegenteil, die sind schon bald in der zweiten generation gefangen in einem teufelskreis. eine arbeit ist fuer ein gesundes selbstbild notwendig, sie strukturiert den tag und gibt dem leben sinn. diese leute werden von uns in abhaengigkeit gezwungen und zur untaetigkeit verdammt.

das einzige was unser sozialstaat tut ist, dass alle in ihren sozialen schichten einbetoniert werden, da gibts kein entrinnen mehr.

warum sonst haben bei uns 80 prozent der uniabsolventen eltern mit uniabschluss.

sogar in der angeblich asozialen USA ist die quote besser

Jepedaia Springfield
52
29.10.2011, 17:07
Europa braucht keinen Sozialminister

kein EU-Staat!

manto bamminger
21
29.10.2011, 16:52
was wir brauchen

es ist doch eindeutig so ,daß sich hier bestimmte menschen, ganz bewußt und mit voller absicht bereichern.
Und dies damit begründen daß es ja um fortschritt und wohlstand für alle geht,...was einfach nur gequirrlte kacke ist.
nein, die müssen einfach aufhören rücksichtslos scheiße zu bauen und alle anzulügen.
oder wenn sie wirklich daran glauben,..naja entmündigen, lutscher in die hand und fertig.

sogar die geistige elite dieses landes rennt völlig kopflos durch die gegend, und macht irgendwelche rechenaufgaben die sich niemals ausgehen werden, aus null kannst du halt in echt nie ne eins machen.

LGM
00
30.10.2011, 07:46

Was wollen Sie damit konkret sagen?
Sie beginnen zwar vielversprechend mit "was wir brauchen", aber dann kommt da irgendwie nichts mehr.

Fritz Meyer
29
29.10.2011, 09:03
Europa braucht erstmal ein demokratisches Fundament.

Und genau daran mangelt's schon seit dem ersten Tag.

Andreas Prucha
00
30.10.2011, 01:57

Das demokratische Fundament hätten wir ja, wenn die nationalen Regierungen es nicht so gerne umgehen würden.

Bergdolm
11
29.10.2011, 11:35
Das "demokratisches Fundament"

oder ähnliche Begriffe werden in diesen Tagen sehr häufig strapaziert.

Zu überlegen ist allerdings, ob in einer derart komplexen Welt mit vielschichtigsten Verknüpfungen und Abhängigkeiten - und vor allem mit einem weitgehend politisch uninteressiertem Publikum - ein "demokratisches Fundament" das Allheilmittel sein kann.

Für den unmittelbaren überschaubaren Lebensraum sind demokratische Strukturen und Entscheidungsprozesse wahrscheinlich das Optimum, wobei es auch Einschränkungen gibt, wenn es um Minderheiten(rechte) und Infrastruktur geht.

Für "wirklich große Dinge", die Weltregionen betreffen, sind positive Ergebnisse und kluge Entscheidungen aufgrund demokratischer Willensbildung wahrscheinlich eher die Ausnahme.

Andreas Prucha
01
30.10.2011, 02:04
Ich glaube nicht, dass die grundlegenden Bedürfnisse so regional verschieden sind. Im Prinzip will jeder das Gleiche: Gut und sicher leben.

Unterschiede gibts, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Das ist aber meistens eher eine politische, denn eine regionale Frage. Politisch hat beispielsweise ein sozial denkender Österreicher sicher mehr mit einem sozial denkenden Franzosen gemein, als mit einem wirtschaftsliberalen Österreicher. Die Frage *wie* wir Europa gestalten wollen und wie wir unser aller gemeinsames Ziel, nämlich gut zu leben, erreichen wollen, ist also durchaus europäisch lösbar. Konflikte wirds natürlich immer geben, spätestens wenn es um die Verteilung von Resourcen geht.

Bergdolm
01
30.10.2011, 08:02

"Gut und sicher leben"

Selbst da wird es die unterschiedlichsten Auffassungen geben, was "gut leben" ist.

Nur so zum Nachdenken:

* Die Reichen wollen weiterhin "gut leben" - auch wenn sie bisher über ihre Verhältnisse gelebt haben - und sich nichts wegnehmen lassen. Oft leben sie gut bis sehr gut auf Kosten der Armen.

* Die Armen wollen zukünftig auch "gut leben" oder zumindest besser leben. Und das wollen sie vor allem für ihre Kinder.

So einfach es es eben nicht mit "Im Prinzip will jeder das Gleiche: Gut und sicher leben."

Fritz Meyer
00
29.10.2011, 13:33
Leider nicht genug strapaziert.

Wenn einige immer noch nicht begreifen wollen, dass eine massierte Kritik an einem Grundproblem bedeutet, dass es zunächst einmal gelöst werden sollte, bevor man ein paar Hundert Millionen Menschen davon - unzureichend - regieren lässt.

Nur weil die diversen Lobbies zufrieden sind, heisst gar nichts. Das Gemeinwohl definiert sich nämlich nicht entlang DEREN Vorstellungen, auch wenn's das gern anders sehen.

Lotte Nexa
21
29.10.2011, 10:20
Stell dir vor

es ist Wahl und keiner geht hin. Einmal alle paar Jahre dürfen wir Idioten ein Kreuzer machen, damit uns vorkommt wir hätten was zu melden. Hahahaha

Bergdolm
10
29.10.2011, 11:43

Sie haben wahrscheinlich für alle Fragen des Lebens (Gesundheit, Landwirtschaft, Unis, Verteidigung, Finanzen, Schulen, Pensionen, Umweltschutz, Arbeitsrecht, Justiz, Sicherheit, ...) die kompetenten richtigen Antworten, sodass sie selbst alles direkt mitentscheiden können und wollen.

Gratulation!

Fritz Meyer
21
29.10.2011, 13:34
Noch einer, der nicht an die Demokratie glaubt.

Oder sie einfach nicht begreifen will.

Bergdolm
30
29.10.2011, 14:44

Zur Klarstellung:
Es geht mir um die "direkte Demokratie", wo ich vielschichtigste Probleme sehe.

Je komplexer Staaten / Staatenbünde (z.B die EU) sind, desto mehr ist eine vernünftigen Form von "repräsentativer Demokratie" notwendig.

Über was wollen Sie im Einzelnen abstimmen lassen?
Über die Transaktionssteuer, wobei 2/3 der wahlberechtigten Europäer wahrscheinlich nicht wirklich verstehen, worum es da konkret geht, und geschätzte 50% davon diesen Begriff noch nicht einmal bewusst gehört haben?
Vielleicht wollen Sie auch noch "das Volk" fragen, wie hoch sie sein soll.

Deswegen gibt Parteien, Standesvertretungen, Lobbies u.ä.

Ich kann nichts dafür, dass "die Märkte" so stark, und die Gewerkschaften so schwach sind.

Dr. Fu Man Chu
22
29.10.2011, 06:12

die installierung eines europaweiten sozialministers ist das ergebnis eines problemanalyseprozesses zur aktuellen situation der eu?

der wäre für europa in etwa so hilfreich wie ein tierpsychologe für hühner beim letzten gang im schlachthof als beitrag zur artgerechten haltung.

Lotte Nexa
00
29.10.2011, 10:11
Die Leute sorgen sich

um ihre Pensionen, ihre Gesundheitsversorgung, da braucht's keine neuen Planposten für "Experten".

glitsch
03
29.10.2011, 04:28
Die politische Union wird kommen

Aber ohne die Briten und an den bestehenden Institutionen vorbei.

Bergdolm
20
29.10.2011, 17:14

Und auch ohne Österreich.

Weil Herr Faymann hat ja der Krone versprochen, dass er über über relevante Dinge bzgl. EU die Österreicher abstimmen lässt.

Und wir werden uns - demokratisch - aus der EU verabschieden.

Dann soll es so sein. "Weitergehen" wird's immer - die Frage ist nur "wie".

glitsch
00
29.10.2011, 18:34
Ironie? :D

Mit Sicherheit dabei sein werden D, A, F und BeNeLux, vemutlich auch SLO. Praktisch ein Karolingerreich-Neu. Diese Länder sind wirtschaftlich so stark verflochten, dass ein Außeinadergehen nur schwer vorstellbar ist. Vielleicht zerreißt es sogar Italien und der Norden macht auch mit. Zumindest die Südtiroler werden das sinkende italienische Schiff verlassen, wenn ein Dabeibleiben nachteilig wäre.

Wen kümmert, was ein Faymann vor einiger Zeit gesagt hat? Und die Krone wird sicher nicht ernsthaft gegen die Verflechtung mit Deutschland auftreten…

Werner Gruber
00
30.10.2011, 10:58
Natürlich Ironie ...

.. und - er hats ja nicht der Krone sondern den Österreichern versprochen.
Wollen wir das nur festhalten.

her wig
00
29.10.2011, 01:11
Was Europa braucht

ist eine Integration ohne Integration, eine Regierung die keine Regierung ist, eine Union ohne all die Zwänge die mit einer Union einher gehen, und eine demokratische Kontrolle die ohne langes Gerede auskommt. Ausserdem darf es nix kosten.

recycling
00
31.10.2011, 08:41

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, passt also eh alles?

glou
00
29.10.2011, 00:10

die katze ist am dampfen und herr butterweck ist nicht gewillt darin zu rühren, lieber ein bisschen mit gras bedecken.
aber interessante ansichten hat der herr.

weiss jemand mehr über ihn?
der eintrag über ihn auf wikipedia ist eher mickrig.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hell... Butterweck

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