Sanader hätte sich wohl nie träumen lassen, dass es einmal so kommen würde
Man konnte fast so etwas wie Mitleid empfinden, wenn man Ivo Sanader am Freitag in den Zagreber Gerichtssaal humpeln sah: Der ehemals mächtigste Mann Kroatiens hager, bleich, mit Krücke und einem fast nach innen gerichteten Blick. Schwer, aber nicht gänzlich unvorstellbar, dass dies eine Inszenierung war.
Sanader hätte sich wohl nie träumen lassen, dass es einmal so kommen würde. Dass der Mann, der die nationalistische Bewegung HDZ des Staatsgründers Franjo Tudjman in eine gemäßigt rechte, proeuropäische Partei umformte und Kroatiens Weg in die EU ebnete, wie ein ganz "normaler" Angeklagter vor dem Richter stehen könnte.
Das allein unterstreicht die Veränderungen, die das Land seit einigen Jahren erlebt. Am Vorabend des Prozessbeginns dehnte die kroatische Korruptionsstaatsanwaltschaft ihre Ermittlungen auf die HDZ aus. Auch das ist, in Kenntnis des Machtfilzes im Land, ein unerhörter Vorgang.
Jadranka Kosor, Nachfolgerin Sanaders an der Spitze von HDZ und Regierung, spricht bereits davon, notfalls von vorn zu beginnen, und meint damit offenbar eine mögliche Neugründung der Partei. Das lässt, bildlich gesprochen, noch auf einige Leichen im Keller schließen. Und mutet angesichts der Parlamentswahlen in einem Monat stark wie eine Flucht nach vorn an. Bleibt die kroatische Justiz weiter auf Verfolgungskurs, stellt sie der Europatauglichkeit des Landes ein beachtliches Zeugnis aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2011)