Bryan-Brüder: "Uns bekommt man nur im Paket"

28. Oktober 2011, 17:33
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Warum Bob Bryan im Tennis nie gegen seinen Zwillingsbruder Mike spielen würde. Und welche Musik außer Sport es im Leben der Bryans so spielt. Ein Interview mit der weltbesten Doppel-Paarung in der Wiener Stadthalle

Standard: Sie haben gemeinsam über 700 Doppel-Spiele im Tennis gewonnen. Die Rekorde, die Sie nicht gebrochen haben, muss man suchen. Was motiviert Sie, immer noch zu spielen?

Bob: Wir hassen Niederlagen mehr, als wir Siege lieben. Es gibt noch genug zu erreichen, wir arbeiten hart. Außerdem würde es uns zu Hause langweilig werden. Ich bin gerne bei Familie und Freunden. Aber jetzt liebe ich es, auf Tour zu sein und Titel zu gewinnen.

Standard: Wie wichtig wäre Ihnen der historische Rekord von zwölf Grand-Slam-Siegen im Doppel? Sie halten bei elf Triumphen.

Bob: Natürlich haben wir diese Zahl im Fokus. Wenn wir den Rekord schaffen, werden sich Leute deswegen an uns erinnern. Aber auch die Olympischen Spiele stehen an. Das Turnier ist einzigartig, du hast nur alle vier Jahre eine Chance, dort zu gewinnen.

Mike: Wir spielen nicht Tennis, weil wir einen Job erledigen müssen. Wir lieben es, gemeinsam zu spielen. Ich hoffe, wir packen gemeinsam den Grand-Slam-Rekord im nächsten Jahr. Da ist aber auch noch die Solo-Bestmarke von Todd Woodbridge, der 83 Titel gewonnen hat. Diese Zahl zieht mich magisch an. Ich stehe bei 75 Turniersiegen.

Standard: Was macht für Sie den Reiz aus, Doppel zu spielen? Warum nicht Einzel?

Bob: Dass wir mit dem Doppel begonnen haben, war eine Art natürliche Entscheidung für uns. Das liegt in unseren Genen. Wir sind Zwillinge. Ich kann mich mit meinem Bruder mehr über einen Sieg freuen als allein. Es macht Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen und gemeinsam zu reisen.

Standard: Ist es wahr, dass die Eltern Ihnen als Kindern verboten haben, gegeneinander zu spielen?

Bob: Ja. Bei Einzel-Turnieren sind wir sicher über 100-mal gemeinsam im Finale gestanden. Dann haben wir eine Münze geworfen. Oder wir sind einfach nicht angetreten. Wir haben beide Trophäen mit nach Hause genommen und sie auf ein Regal gestellt. Die Leute nannten uns immer schon "die Bryans". Keiner konnte sagen, dass Mike besser spielt als ich - oder umgekehrt. Wir sind beste Freunde geblieben, wir haben uns nie als Gegner gefühlt.

Mike: Die Entscheidung der Eltern war großartig. Es wäre frustrierend gewesen, gegen seinen Zwillingsbruder zu verlieren. Natürlich gibt es Bereiche, wo Bob besser ist als ich und ich besser bin als Bob. Im Tennis wissen wir es nicht, wir haben nie gegeneinander gespielt.

Standard: Kann Sie Ihr Zwillingsbruder auf dem und abseits des Tennisplatzes noch irgendwie überraschen?

Mike: Nicht wirklich. Du weißt einfach alles vom Gegenüber. Ich kann dir sagen, was er denkt, wenn ich in sein Gesicht sehe.

Bob: Mike hat zum Beispiel diesen Gesundheitstick in den letzten Jahren bekommen. Er reist mit einer ganzen Reisetasche voll Pulvern und Müsliriegeln herum. Und er liest so viele Bücher. Solche Sachen überraschen mich. Ich bin eher der lockere Typ. Ich dehne nicht viel vor dem Training, ich nehme einfach den Schläger und dresche auf die Bälle ein. Mike ist der Ordentliche, der Aufgeräumte, er hat seine Rituale. Vielleicht lebt er fünfzig Jahre länger als ich, wer weiß? Aber in vielen Dingen sind wir uns sehr ähnlich. Wir lieben dieselbe Musik, wir sehen uns dieselben Filme an, lachen über dieselben Witze.

Mike: Du hast mich überrascht, als du so schnell geheiratet hast und gleich ein Baby kriegst. Und ich war von den Socken, als du mit Michelle nach Miami gezogen bist. Ich dachte, wir bleiben für immer gemeinsam in Kalifornien. Aber ich freue mich für dich, ich mag deine Frau und kann es nicht erwarten, im Jänner Onkel zu werden.

Standard: Was war Ihr schlimmster gemeinsamer Moment?

Bob: Natürlich haben wir unsere Kämpfe. Wir sehen uns ja auch die ganze Zeit. Wir haben einen Trainer, der unsere Beziehung managt und der uns zuhört, wenn wir nicht mehr miteinander können. Andererseits vertragen wir auch mehr. Es ist schon passiert, dass wir mitten im Match zu diskutieren beginnen und Mike sagt: 'Deine Rückhand ist Scheiße.' Profis würden so etwas nie sagen. Es bringt uns manchmal in Schwierigkeiten, aber es reinigt auch die Luft zwischen uns.

Mike: Bei den French Open in diesem Jahr habe ich Bob nach einem Punktverlust irgendetwas Böses hingeworfen. Und er hat mir als Reaktion mit seiner Hand von hinten voll auf den Rücken geschlagen. Ich war überzeugt, die Kameras hätten den Vorfall eingefangen. Und wir dachten uns schon eine Strategie aus, wie wir das den Leuten bei der Pressekonferenz erklären könnten. Zum Glück hatte es niemand gesehen.

Standard: Abseits von Tennis machen Sie auch mit Ihrer Rockband gemeinsame Sache. Wie viel Zeit investieren Sie in die "Bryan Brothers Band"?

Bob: In den letzten Jahren haben wir sicher mehr Zeit in unsere Musik gesteckt als ins Tennis. Es ist eine großartige Ablenkung vom Sport. Du hängst nicht dauernd im Internet, checkst Live-Ergebnisse oder denkst über Tennismatches nach. Und es ist eine große Leidenschaft. Viele unserer besten Freunde sind Musiker in weltbekannten Bands. Der Gitarrist von Maroon 5 zum Beispiel oder Jim Bogios, der Drummer der Counting Crows. Es ist toll, mit ihnen zu jammen, es ist ein großartiger Austausch. Beides, Tennis und Musik, hat seine Reize. Nach unserem Wimbledon-Titel heuer konnte ich nicht schlafen. Ich bin total ausgezuckt. Ungefähr das gleiche Gefühl hatte ich, als ich mit den Counting Crows auf der Bühne gestanden bin.

Standard: Zurück zum Sportlichen. Ist es vorstellbar, dass Sie sich jemals trennen?

Bob: Keine Chance. Uns bekommt man nur im Paket. Wenn wir gesund bleiben, werden wir gemeinsam zurücktreten. Die anderen Jungs im Umkleideraum haben nicht so eine Sicherheit wie wir. Wenn die ein paarmal schlecht spielen, schaut sich der Doppel-Partner schon um. Am Ende des Jahres hebt die Shoppingsaison richtig an, da gibt es auch viele Betrügereien.

Standard: Fühlen Sie sich als Doppel-Spieler geringgeschätzt - im Gegensatz zu Stars im Einzel?

Bob: Es dreht sich alles um TV-Zeiten. Doppel-Spieler haben nicht diese mediale Aufmerksamkeit. Das ist nicht die Entscheidung der Fans, sondern der TV-Produzenten. Wir werden geschätzt, können aber auch ein ungestörtes Leben genießen. Ich war einmal mit Rafael Nadal auf einem Flug. Er hat keine Sekunde seine Zeitung lesen können. Mitreisende haben sich im Gang angestellt, um Autogramme zu bekommen. (David Krutzler, DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.10.2011)

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    Auf dem Court verstehen sich Bob (links links) und Mike Bryan blind.

  • Auch musikalisch treten sie gemeinsam auf - meist ohne Lederhosen.
    foto: standard/thomas exler

    Auch musikalisch treten sie gemeinsam auf - meist ohne Lederhosen.

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