Josefstadt-Theater

Die Wüste lebt nicht

Margarete Affenzeller , 28. Oktober 2011, 17:14

Wiener Josefstadt-Premiere: "Todestanz"/"Lebenstanz"

Wien - August Strindbergs Ehepein-Drama Dödsdansen (1901) wird im Deutschen üblicherweise als Totentanz übersetzt. In einer Produktion des Theaters in der Josefstadt heißt der bitterböse Abgesang auf die Schrecken eines langen, aneinandergeketteten Lebens nun aber Todestanz; und auch sonst ist hier einiges anders.

Das Stück, in dem ein der Silberhochzeit entgegensteuerndes Ehepaar sich ein allerletztes Mal die Hölle heiß macht, wurde von der deutschen Autorin Friederike Roth in einen Lebenstanz weitergeführt. Roth hat Strindbergs Text mit ihrem eigenen unterminiert. Keine Gegenüberstellung oder klassische Fortschreibung war beabsichtigt, sondern ein Ineinandergreifen zweier Handschriften. (Unterschiedliche Schriftarten weisen die jeweilige Autorschaft im Stücktext aus.)

Ein Ding schierer Unmöglichkeit, und davon gab die Uraufführung am Donnerstagabend auch ein bitteres Zeugnis ab. Die Strindberg'schen Passagen blieben ein recht austauschbares, tödlich lauwarmes Ehegezänk, in dem Edgar (Michael Abendroth) der Verachtung gegenüber seiner Frau Alice und seinem Leben generell mit einem stets offenen Hosentürl Ausdruck verlieh. Alice (Sandra Cervik) im Negligee trauerte ihrerseits einer vertanen Karriere als Schauspielerin nach. Edgar, Hauptmann der schwedischen Festungsartillerie, "hat" sie einst vom Theater "genommen" und sie an das isolierte Leben auf einer Insel gekettet.

Roths abstrakter Text, ein durchaus weit zu deutender Befreiungsschlag aus einem verordneten Leben, taucht aus dem Windschatten dieses teuflischen, etwas ermüdenden Klagelieds selten hervor, und er wird mit bodenständiger oder auch überaus exaltierter Spiellaune regelrecht gedrückt.

Die Wohnzimmerlandschaft bei Edgar und Alice hat sich im zweiten Teil in eine Wüste verwandelt (Bühne: Herbert Schäfer), ein vom langen Leben ausgedörrtes Terrain mit mythologischem Dekor. Regisseur Günter Krämer setzt auf den Symbolcharakter von Sphingen und Chimären, die den sich zunehmend aufladenden Roth'schen Dialog zwischen einer "Frau" und einem "Mann" ein wenig ratlos umstellen.

Dieser Mann - er trägt alle Anzeichen von Edgar - zieht eine Sauerstoffflasche hinter sich her. Und die Frau im Alice-Negligee macht es sich auf ihrer Gehhilfe bequem. Sie denken an Sex ("Hier und noch heute. Und heftig und ohne Bedenken") und sehen trotz dieser in ihrer Lage hochfahrenden Ziele gegenüber dem Chor der "Leidensfreien" (junge, gesunde Leiber) nun ganz schön alt aus.

Der Abend machte sich von dem über die bloße Hinfälligkeit des Lebens hinausweisenden Text Roths keine Vorstellung. Er wurde deshalb immer schmäler. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

ichwillandieburg
10
30.10.2011, 22:19
jetzt ist es soweit, wir sind bereit:

http://www.facebook.com/IchWillAnDieBurg

2012 erobern wir die burg!

vandieck
02
30.10.2011, 14:41
Ich hab's gesehen ..

.. und stimme der obigen Kritik beinahe zu. Dennoch: ich gehe lieber in ein lebendiges Theater, das ein "Hier und Jetzt" zumindest versucht, in dieser glücklichen Kulturstadt Wien, als in ein abgesichertes Möchtegern-Theater, das, weil es Burgtheater heisst, sich kaum noch kreativ rechtfertigen muss. Theater wird langweilig, besonders, wenn erfahrene Schauspieler, keine Emotionen mehr verkaufen dürfen ... die aber die 2 Stunden Ablenkung vom eigenen Leben erst ermöglichen. Und damit, vielleicht auch eine Auseinandersetzung mit dem Stück. Somit, ich bevorzuge Schaupielerleistungen, gespielte Aussagen, gegenüber verquasten Happenings.

IchbinIch5
10
2.11.2011, 15:48

Es stimmen alle immer so schnell zu bei der "Ablenkung vom eigenen Leben", aber da draußen gibt es (auch) Themen zwischen Krieg und Krise, denen man sich künstlerisch näheren sollte. Das großteils doch eher sorgenfreie, gutbetuchte Theaterpublikum in Wien sollte doch zumindest die immensen Möglichkeiten so eines Theaterapparates nutzen - eben zur Weltauseinandersetzung, nicht nur zur Ablenkung von den eigenen Wehwechen.

Mahtrix
00
29.10.2011, 16:35
manchmal

weiß man bei solchen kritiken nicht, ob der rezensent eine inszenierung nicht verstanden hat oder nicht verstehen will. wo immer ein lauwarmes ehegezänk zu sehen war an diesem abend, sicher nicht in der josefstadt.

pupsonaut
01
28.10.2011, 18:19

Bei dieser Kritik hätte ich mir gewünscht, dass mehr recherchiert worden wäre. Die "Sphingen und Chimären" stehen wohl nicht nur als Symbolcharakter den sich der Regisseur ausgedacht hat, sondern beziehen sich explizit auf den Ursprungstext. Soweit ich mit erinnern kann, taucht der "weit zu deutende[r] Befreiungsschlag" wie Sie sagen selten hervor, aber dann mit brachialer Gewalt. Wobei ich in diesem Punkt zugeben muss, dass dies wohl der persönlichen Wahrnehmung obliegt.
Was mich enttäuscht ist die Tatsache, dass in keinem Wort die schauspielerische Leistung angesprochen wird.
Roth und Strindberg an einem Abend zu erfassen, ist und bleibt wohl unmöglich. Auch wenn ich den Satz "Er wurde deshalb immer schmäler." nicht einordnen kann.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.