Dynamit im Abendkleid

28. Oktober 2011, 17:02
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Auf "Soul Time" schlagen Sharon Jones & The Dap-Kings raue Töne an

Wien - Wenn man Sharon Lafaye Jones im schmucken Abendkleid auf der Bühne sieht, fällt es schwer zu glauben, dass sie früher als Gefängniswärterin Wache geschoben hat. Dabei wurden ihr für das Musikbusiness schlechte Chancen vorausgesagt: "Zu klein, zu fett, zu schwarz", meinten die Labelbosse ernüchternd. Beim Auftritt explodiert die knapp einen Meter 60 kleine Powerfrau dann wie eine Stange Dynamit. Ihre Energie entlädt sich in ihrer dunklen, rauchigen Stimme und einem Tanzstil, der an den zappelnden James Brown erinnert.

Ihr fünftes Studioalbum Soul Time darf als erste Retrospektive ihrer Sangeskunst betrachtet werden. Die zwölf Songs sind bisher noch nicht auf CD erschienen oder stammen von Vinyl-Single-B-Seiten. Rauer synkopierter Funk wie Genuine oder der im klassischen Motown-Gewand gehaltene Uptempo-Stampfer New Shoes beweisen das breite Spektrum ihrer Musikalität. Dabei schmettert sie nicht nur den herkömmlichen Stoff von Soulmusik (Liebe, Herzschmerz und nochmals Liebe), sondern gibt sich betont kritisch: In What If We All Stop Paying Taxes? prangert sie die USA und deren Kriege an.

Manche Kritiker adelten sie schon als neue Queen of Soul, ein Rang, der eigentlich Croonerin Aretha Franklin zustand. Wie Franklin trällerte Sharon Jones bereits als Kind im Kirchenchor - dem Ursprung ihrer Gospel-Verve. Jones schlug sich mit Singen auf Hochzeiten und Kellerbars durch, bis sie auf Gabriel Roth traf. Der Labelchef von Daptone und Bandleader der Dap-Kings war von ihrer Stimme überwältigt und verpflichtete sie als Frontfrau seiner Band.

Die analoge Soul-Schmiede in Brooklyn feiert im Dezember ihr zehnjähriges Bestehen und knüpft musikalisch an Stax und Motown an. Die ersten Scheiben nahmen Labelgründer Roth und Neil Sugarman in einem Schlafzimmer auf, heute gilt Daptone als erste Adresse für zeitgenössische Soul- und Funkmusik. Das Spezielle an Daptone liegt am analogen Aufnahmeverfahren, dem "deeper sound", wie ihn Sugarman nennt. Damit verleihen sie jedem Stück eine staubige Patina und den besonderen Vintage-Touch. "Jedes Mikrofon und Aufnahmegerät hat seinen eigenen Charakter", erzählt Sugarman stolz. (Michael Ortner, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

  • Explosive Soul-Mama: Sharon Jones. Foto: Blickenstaff
    foto: jacob blickenstaff

    Explosive Soul-Mama: Sharon Jones. Foto: Blickenstaff

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