"Nur in der Übertreibung lässt sich alles ertragen"

Interview28. Oktober 2011, 17:06
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Der serbische Autor Bora Ćosić, zuletzt auf Lesereise durch Österreich, verscheucht in seiner Literatur die Gespenster des Nationalismus

Im Gespräch mit Ronald Pohl plädiert er für die Weisheit des kindlichen Blicks.

STANDARD: Sie schreiben seit geraumer Zeit Erzählungen, in denen Sie aus der Sicht eines aufgeweckten Kindes von den Kriegsjahren in Belgrad erzählen. Ist das Buch "Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten" eine Neuzusammenstellung alter Geschichten?

Ćosić: Ich betrachte das als "work in progress", das ich schon seit 40 Jahren betreibe. Die erste Ausgabe erschien 1966 in Belgrad, die deutsche Übersetzung folgte drei Jahre später. Seitdem bin ich immer wieder zu diesem Stoff zurückgekehrt. Ich beschreibe die Überlebenstechniken der Menschen in Belgrad: Sie alle sind "Handwerkskünstler". Der familiäre Rahmen meiner Geschichten steht ja von vornherein fest, ebenso ist die Periode des Zweiten Weltkriegs fix bestimmt. Situationen wiederholen sich: Es entstehen immer wieder neue Postkriegszeiten mit dramatischen Zäsuren. Neue Handwerke haben eine neue Dimension. Nehmen wir den "Politiker". Der Stoff geht mir nicht aus.

STANDARD: Indem Sie die Perspektive eines Kindes wählen, blicken Sie besonders präzise auf die Absurditäten des Alltagslebens. Es herrscht ein ewiger Karneval. Wie sind Sie auf diesen Kniff gestoßen?

Ćosić: Ein kindlicher, unreifer Herr, der die Welt beobachtet und dabei reif denkt - das ist nichts Neues in der Weltliteratur. Das beste Beispiel dafür ist Günter Grass' Blechtrommel. Mein zweites Vorbild ist der Simplicissimus von Grimmelshausen, in dem es zwar um kein Kind geht, der Erzähler sich aber einen infantilen Blick bewahrt hat, obwohl er in seinen Beobachtungen erstaunlich reif wirkt. Für mich war das eine reale Erfahrung: Vom neunten bis zu meinem 13. Lebensjahr, 1941 bis 1945, habe ich das alles selbst erlebt. Dass Sie Michail Bachtins Konzept des Karnevals erwähnen, finde ich absolut zutreffend. Ich hatte nur damals noch keinen Bachtin gelesen. Ich suchte in der Übertreibung einfach nach Rettung. Nur so lässt sich das Schlimmste ertragen.

STANDARD: Wie wichtig war für Sie die deutschsprachige Literatur als Impulsgeber?

Ćosić: Erst einmal war bei uns in Jugoslawien bereits sehr viel aus dem deutschsprachigen Raum übersetzt. Und obwohl ich die Sprache nicht konnte, habe ich nach den Übersetzungen gegriffen. Ich fand, die Textur dieser Sprache sei entgegen der landläufigen Meinung gar nicht so witzlos. Es muss nicht alles so ernst sein wie bei Thomas Mann. Obwohl ich heute finde, Mann ist gar nicht so ein zugeknöpfter Herr, wie kolportiert wird. Felix Krull ist absolut karnevalistisch. Um nur nicht von Musil zu reden, der eine wahre Enzyklopädie des Karnevalismus abgeliefert hat. Es geht um die stilistischen Mittel.

STANDARD: Inwieweit hat Sie das Studium deutscher Autoren auch weggeführt von der in Jugoslawien offiziell verordneten Literatur?

Ćosić: Ich hatte Glück. Ich stieß in eine literarische Enklave, wo absolute Freiheit herrschte, in der man auch ungestört "unrealistische" Methoden des Schreibens entwickeln konnte. Das waren Surrealisten-Kreise mit Beziehungen nach Paris, die kompromisslos für Offenheit eintraten. Das war mein schriftstellerischer Kindergarten, den ich sehr genoss.

STANDARD: Die offizielle Kritik hielt still?

Ćosić: Niemand wurde verhaftet oder behördlich am Schreiben behindert. Die Gruppe der Surrealisten, das waren Großbürgersöhne mit unverbrüchlich linker Gesinnung, die beste Beziehungen zum Regime unterhielten. Der eine war Botschafter in Paris, ein anderer Außenminister. Natürlich gab es Amplituden: Die Parteikongresse fanden alle vier Jahre statt. Davor wurde es strenger, auf dem Kongress setzte es Kritik, danach klang das wieder ab. Bis der nächste Parteikongress vor der Tür stand. Natürlich erhielten manche Autoren Publikationsverbot. Aber es war eine Situation ohne Gulag. Sehr wichtig!

STANDARD: Besucht man heute die Nachfolgeländer Jugoslawiens, so gewinnt man den Eindruck von bedeutenden Fortschritten: Kroatische Autoren publizieren in Serbien und umgekehrt, Barrieren fallen. Lässt sich eine allmähliche Normalisierung feststellen?

Ćosić: Ich beobachte und fühle, dass sich die Dinge in eine positive Richtung bewegen. Obwohl es langsam geht. Es ist absolut so, dass in Belgrad ein Interesse an kroatischen Autoren besteht, in Zagreb an serbischen. Nicht nur das: Ich, dessen Sprache überwiegend Serbisch ist, kann in Zagreb in meiner Originalsprache publizieren. Aber immer noch gibt es Schwierigkeiten technischer Natur, bei der Auslieferung, bei der Preiskompatibilität.

STANDARD: Sind das kulturelle Vorgriffe auf eine gemeinsame Zukunft, etwa unter der Hut der EU?

Ćosić: Es sollte der Anfang einer fest verankerten Verbesserung der Beziehungen werden, die nicht mehr durch irgendeine dumme Kleinigkeit infrage gestellt werden kann. Es geht nicht darum, ein "neues" Jugoslawien zu errichten, sondern einen gemeinsamen Kulturraum. In diesem Moment haben wir auch das Glück zweier Präsidenten, die bei jeder Gelegenheit das Positive betonen. Was natürlich nicht bedeuten kann, dem Vergessen oder Verdrängen irgendwie das Wort zu reden. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

Bora Ćosić (79) wurde in Zagreb geboren, wuchs aber in Belgrad auf. Die Bücher des in Berlin Lebenden erscheinen auf Deutsch bei Folio und Suhrkamp.

  • Bora Cosic trotzte dem Milosevic-Regime und ging 1992 nach Istrien. Seine Waffe gegen Intoleranz: grotesker Witz.
    foto: knjigu

    Bora Cosic trotzte dem Milosevic-Regime und ging 1992 nach Istrien. Seine Waffe gegen Intoleranz: grotesker Witz.

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