Niederlagen und Vorsehungen

28. Oktober 2011, 18:39
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Nur einen Tag nach dem Genuss von Triers Melancholia fiel ich in ein großes tiefes Loch. Es war aber kein seelisches, sondern ein großzügig von nimmermüden Hundepfoten im Prater geschaufeltes. Ich humpelte in Begleitung eines ratlosen Hundes fluchend nach Hause, um das geknickte Bein zu bandagieren, und versäumte dabei Meises Stillleben samt Musik von Soap & Skin, der mich auch wegen des brisanten Themas Missbrauch in der Familie sehr interessiert hätte.

In der Nacht nach Melancholia hatte ich mich übrigens im Traum mit Genesis P-Orridge in einem Kino vergnügt, er trug ein hinreißendes rosa Taftkleid, und einen schöneren Pagenkopf, als ich jemals einen hatte. Darüber hatte ich viel Zeit nachzudenken, während ich aufgrund des Loches auch nicht auf dem Viennale-Fest im Lusthaus zugegen sein konnte.

Dieser Beitrag wird geprägt sein von verlorenem Vergangenem und noch zu erreichendem Zukünftigem: etwa die Weltpremiere von Das Weiterleben der Ruth Klüger am 30. 10. "Nicht Opfersein, sondern Freisein", sagt sie, die bald ihren 80. Geburtstag feiert. Was für eine Kraft und Zuversicht darin steckt, weiß man, wenn man um ihre Geschichte weiß. Ich bin jedes Mal an meine Grenzen gestoßen, wenn ich vor Augen geführt bekomme, zu welchen institutionalisierten Grausamkeiten Menschen fähig sind - und hier wieder ein sanfter Anklang des Themas von Le Havre - denn diese Grausamkeit kann jeden treffen und macht vor keinem Land halt, wenn die Zivilgesellschaft sich nicht beizeiten wehrt.

Der letzte Jude von Drohobytsch beginnt mit einem Lied und endet mit einem Lied. Alfred Schreyer hätte auch von beiden totalitären Systemen, die er erlebt hat, vernichtet werden können wie viele andere. Er hat alles verloren und mit unglaublicher Kraft alles wieder aufgebaut, was in seiner Macht lag. Er singt als Jugendlicher, um die Familie zu erhalten, dann im Ghetto, später im Lager Schlaflieder für die Gefangenen. Den Todesmarsch überlebt er nur, weil ein deutscher Gefangener ihn dem Wehrmachtssoldaten als berühmten Opernsänger vorstellt und ein Hitlerjunge ihn anschließend rettet. Er singt weiter zu Zeiten der Sowjetunion. Er singt auch jetzt noch.

Man kennt viele Geschichten dieser Art, man würde gerne sagen: genug, aber es ist nie genug, weil die Lektion immer noch nicht gelernt wurde, wenn man sich die Weltpolitik ansieht, und solange das so ist, darf sie nicht in Vergessenheit geraten. "Hier war ich in der Schule, hier lebten wir", beginnt der Film als harmlose, rührende Rekonstruktion der Vergangenheit, "hier war die Synagoge, die Decke voller goldener Sterne", bis Sätze folgen wie dieser: "Hier sah ich meine Mutter das letzte Mal." Und das Leben geht weiter. "Hier haben die Sowjets Neubauten über den jüdischen Friedhof gebaut. Hier habe ich geheiratet. Hier hat meine Frau ihre Stelle verloren, weil einer meiner Verwandten ein Rabbi war."

Man sieht den alten Herrn liebevoll das Mahnmal reinigen, das an der Stelle errichtet worden ist, an der seine Mutter und 319 andere Menschen verscharrt worden sind. "Die Sterne auf dem Mahnmal waren aus Metall. Sie wurden gestohlen", sagt er leise. "Gehen wir langsam zurück." (Julya Rabinowich, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

  • Porträt des Überlebens: Paul Rosdys "Der letzte Jude von Drohobytsch".
    foto: viennale

    Porträt des Überlebens: Paul Rosdys "Der letzte Jude von Drohobytsch".

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