Ein-Mann-Fight-Club gegen die Macht des Geldes

28. Oktober 2011, 17:40
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Ein cinephiles Gangsterstück: Amir Naderi hat mit "Cut" seinen ersten Film in Japan realisiert

Werk und Biografie des aus dem Iran stämmigen Filmemachers Amir Naderi bilden einen faszinierenden Knoten. Zunächst als einer der frühen Repräsentanten des neuen iranischen Kinos gefeiert - The Runner (1985) und Water, Wind, Dust (1989) gelten inzwischen als Klassiker -, emigrierte Naderi in die USA, als er den Gegenwind des Systems zu spüren bekam. In New York fand er eine neue Heimat und kehrte zum Filmschaffen zurück - mit klein budgetierten Arbeiten, die einen besessenen Regisseur zeigten, der im neorealistischen Stil veränderte Gegenwarten überprüfte.

Mit seinem jüngsten Film Cut geht Naderi nun noch einen Schritt weiter und erfindet sich als Weltkino-Autor neu, handelt es sich doch um ein zur Gänze in Japan realisiertes Projekt, das ausdrücklich auch seine Bewunderung des Kinos zum Thema hat. Shuji (Hidetoshi Nishijima), der cinephile Protagonist, ist ein Filmemacher ohne Geld (und mit zu hehren Ambitionen), der regelmäßig die Gräber von Größen wie Kurosawa, Mizoguchi oder Ozu besucht. Außerdem betreibt er am Dach eines Wohnhauses seine eigene Cinemathéque, für die er auf den Straßen Tokios lautstark Werbung macht. Die Passion für Film und Kino ist schon auf dieser Ebene eine Absetzbewegung zum kommerziellen Ausverkauf des Mediums, die mit hohem persönlichen Einsatz verbunden ist.

Doch dies ist noch gar nichts im Vergleich zu der Leidensbereitschaft, die Shuji im weiteren Verlauf des Films demonstriert. Denn Naderi lässt die Geschichte seines tapferen Kinofreunds in eine Gangsterstory münden. Ein Yakuza-Boss fordert von Shuji eine Geldsumme ein, die dessen verstorbener Bruder schuldig geblieben ist. Shuji entscheidet sich, in Ermangelung von Alternativen, für einen sonderbaren Opferweg: Er lässt sich auf der Toilette einer Bar gegen Geld verprügeln. Dies tut er freilich mehr im Sinne einer großen Geste, die gegen all die Verkommenheit gerichtet ist: die Gängelung der Kunst durch den Markt, das Ausdünnen der Autoren, die Armut des Künstlers, seine Einsamkeit etc. Ein Ein-Mann-Fight-Club, der seine Kraft aus unauslöschlichen Bildern schöpft.

Bemerkenswert daran ist nicht zuletzt, wie es Naderi gelingt, eine Balance zwischen Pathos und Pulp zu halten, sodass man seinem Helden mit einer Mischung aus Abstoßung und Ergriffenheit folgt. Shujis Rechnung geht indes nur um den Preis der Selbstzerstörung auf. Wenn er am Höhepunkt hundert Schläge mit einem Kanon aus hundert Filmklassikern pariert, zeigt der Kampf für das Wahre und Schöne hier ein ganz schön blessiertes Gesicht. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

  • 29. 10., Gartenbau, 15.00
  • 30. 10., Künstlerhaus, 21.00
  • Blessuren für das wahre Kino: Shuji (Hidetoshi Nishijima), der 
leidenschaftliche Protagonist aus Amir Naderis "Cut".
    foto: viennale

    Blessuren für das wahre Kino: Shuji (Hidetoshi Nishijima), der leidenschaftliche Protagonist aus Amir Naderis "Cut".

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