2010 war für Skulpturen der Sparte Impressionist & Modern Art das beste Jahr - Eine Hürde, an der Degas' Tänzerin in New York nun scheitern könnte
Als Degas im September 1917 starb, fand man in seinem Atelier an die 150 Plastiken, darunter die Wachsfigur einer 14-jährigen Tänzerin, die einzige jemals zu Lebzeiten des Künstlers öffentlich präsentierte. 1881 bei der sechsten Impressionisten-Ausstellung hatte sie das Publikum und die Kritik in zwei Lager geteilt: Den einen schien die Darstellung mitsamt kurzem Tüll-Tutu und Tanzschuhen aus Satin übertrieben realistisch. Die anderen sahen darin eine zukunftsweisende Perspektive, die bis dahin gültige Traditionen der schablonenartigen Auffassung vom akademischen Sockel stieß.
Wie auch von anderen Plastiken ließen die Degas Erben von der legendären Balletteuse Bronzegüsse in zum Teil höheren Auflagen produzieren, 16 davon mit Degas-Signatur (neun gegenwärtig in Museumsbesitz). Ungeachtet ihrer posthumen Produktion rüttelte auch der Kunstmarkt nie an ihrem Ikonenstatus - im Gegenteil. In das Jahresranking der höchsten weltweit erteilten Zuschläge tanzte sie erstmals 2009, als sie vor Londoner Publikum bei Sotheby's eine Vorstellung gab und ein asiatischer Bieter 13,25 Millionen Pfund (14,82 Mio. Euro) bewilligte. Drei Monate später stiegen die Gebote für Alberto Giacomettis L'homme qui chavire (1947, Christie's New York) von 6,5 auf 19,34 Millionen Dollar. Damit war das Skulpturensegment dieser Epoche in der oberen Preisliga angelangt.
Giacometti teuerster Bildhauer
Einen regelrechten Hype bescherte das Jahr 2010: Im Februar durchbrach Giacomettis noch zu Lebzeiten gegossener L'homme qui marche (1960) bei Sotheby's eine Schallmauer: Entgegen der angesetzten Taxe von zwölf bis 18 Millionen Pfund fiel der Hammer für die Bronze erst bei 65 Millionen Pfund bzw. umgerechnet 104,32 Millionen Dollar. Im Mai verzeichnete Kontrahent Christie's 53,88 Millionen Dollar für seinen Grande tête mince (1954/55), im Juni in Paris für Amedeo Modiglianis auf vier bis sechs Millionen Euro taxierten Kalksteinkopf stolze 43,18 Mio. Euro. Im November bewilligte Larry Gagosian im Auftrag eines Sammlers wiederum 48,8 Millionen Dollar für Henri Matisse' Relief Nu de dos (Back IV von 1930, Guss 1978). Erstmals in der Chronik des Kunstmarktes hatte man in nur zwölf Monaten vier plastische Arbeiten für mehr als 48 Millionen Dollar versteigert.
Eine Vorgabe, die im aktuellen Geschäftsjahr zu einer Hürde mutierte, wie die zum Halbjahr veröffentlichten Listen der Top-Ten-Zuschläge dokumentieren. Weder bei Christie's noch bei Sotheby's schaffte es eine Skulptur über die 20-Millionen-Dollar-Barriere.
Aber was nicht ist, kann ja noch werden, konkret im Zuge der kommende Woche in New York anberaumten Abendauktionen der Sparte Impressionist & Modern Art. Zu den verheißungsvollen Anwärtern gehört eine auf 20 bis 30 Millionen Dollar bei Sotheby's (2. 11.) offerierte Bronze des insgesamt vierteiligen Matisse-Reliefs Nu de dos (Back I, Guss 1959). Tags davor könnte jedoch neuerlich die kleine Ballerina allen die Show stehlen: jene Ausführung, die 2000 bei Sotheby's für 11,59 Millionen Dollar den Besitzer wechselte und für die Christie's (1. 11.) die Erwartungen mit marktkonformen 25 bis 35 Millionen beziffert. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)