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Jo Lendle: "Alles Land". € 20,60 / 384 Seiten. Deutsche Verlagsanstalt, 2011
In der Wüste wäre es ihm vermutlich zu warm gewesen. So trieb es Alfred Wegener nach Grönland, ins ewige Eis, wo er 1930 im Alter von 50 Jahren den Tod fand. Erst drei Jahrzehnte später wurde seine Theorie der Kontinentalverschiebung, die uns heute so naheliegend wie die Kugelform der Erde erscheint, anerkannt.
Jo Lendle, geboren 1968, Verlagsleiter und - Randnotiz - Übersetzer des Verzweiflungsschlafliedbuches Verdammte Scheiße, schlaf ein!, hat die ereignisreiche Vita des zeitlebens verkannten Wissenschafters Wegener nun zu Papier gebracht. Dabei halfen ihm dessen Tochter, eine Vielzahl originaler Dokumente und, wie der Autor im Nachwort einräumt, seine dichterische Freiheit. Wo Lendle im Lauf seines Romans Alles Land den Pfad der Fakten verlässt und ungesichertes Neuland betritt, ist für den Leser allerdings so verborgen wie belanglos.
So kann man Klein Alfred von Geburt an beobachten und erkennen, wie jede seiner Aktionen auf sein weiteres Leben vorausdeutet. In eine Horde von Adoptivkindern geboren, wird sich er, den der Autor zunächst nur Alfred, im Erwachsenenalter schlicht Wegener nennt, stets nach Momenten der Einsamkeit sehnen: Am liebsten spielt er mit seinen Geschwistern verstecken und verzichtet, wenn diese sich in alle Winkel verzogen haben, auf das Suchen, um allein die Leere des Berliner Elternhauses zu genießen. Unübersehbar auch sein mit einer erstaunlichen Kaltblütigkeit einhergehender Forscherdrang. Seine erste Exkursion führt ihn entlang einer Ameisenstraße, deren Verkehrsteilnehmer er gewissenhaft zerquetscht. Ein paar Jahre später sucht er verzweifelt nach einer Raupe, hegt diese, bis sie sich in einen Schmetterling verwandelt hat, und sticht diesen schließlich mit einer Nadel auf. In der Arktis, wenn sich Wegener mit seinen Gefährten und einfachsten Mitteln durch die tödliche Kälte kämpft, ist es stets an ihm, die mitgeführten Ponys zu töten, wenn diesen die Strapazen zu groß geworden sind.
Die Momente im Eis, Wegener begab sich dreimal nach Grönland, nehmen einen wesentlichen Teil des Romans ein und bilden einen Gegensatz zu den übrigen Passagen. Hier nimmt sich Lendle, der bereits in seinem Debüt Die Kosmonautin einen Menschen auf dem Weg ins Leere zeigte, den Raum, um tief ins Bewusstsein des Exzentrikers in extremis zu tauchen und dann wieder, bei aller Akribie und naturgegebenen Monotonie, Hochspannung zu erzeugen. Es geht um Leben und Tod.
In wärmeren Gefilden geht es leichter zu, reiht Lendle eine Fülle an Episoden aneinander, ohne je gehetzt oder beliebig zu wirken. Die großen Konstanten in Wegeners Leben sind dabei sein Forschungsdrang und die ihn als Rationalisten oft befremdende Liebe zu seiner Frau Else. Während man dem in sozialen Dingen zumeist Unbeholfenen zu seiner Gattin gratulieren möchte, haftet seiner manischen wissenschaftlichen Arbeit aufgrund fehlender Anerkennung stets etwas Vergebliches an. So erfreut das Erscheinen dieser literarischen Erinnerung an einen großen Forscher umso mehr. (Dorian Waller/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30. 10. 2011)
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