Vater unser im Himmel

In vielen österreichischen Volksschulen beginnt der Tag mit einem gemeinsamen Gebet - Das Problem: Die Eltern wissen nichts davon

An vielen österreichischen Volksschulen wird vor Unterrichtsbeginn immer noch gebetet. Und das oft ohne das Wissen und Einverständnis der Eltern, berichtet das Monatsmagazin "Datum" in seiner morgen erscheinenden Ausgabe. Rechtlich bewegen sich die Schulen dabei in einer Grauzone.

43 öffentliche Volksschulen quer durch alle Bundesländer hat "Datum" kontaktiert, in 13 davon wird prinzipiell vor Schulbeginn gebetet. 18 kontaktierte Schulen – darunter alle in Wien – verzichten auf das Morgengebet. In zwölf Fällen teilte die Direktion mit, dass die jeweiligen Lehrer selbst darüber entscheiden könnten. Nur an fünf Schulen wird den Eltern auch mitgeteilt, dass ihre Kinder beten.

Genaue Statistiken darüber, an wie vielen öffentlichen Volksschulen das Beten vor Unterrichtsbeginn noch Usus ist, gibt es nicht. Rechtlich bewegt sich die umstrittene Tradition in einer Grauzone: Nach der Gründung der Zweiten Republik galt ab 1946 der Schulgebetserlass, der das Morgengebet für zulässig erklärte – und der wurde 1993 aufgehoben. Seitdem ist das Morgengebet nicht mehr zulässig, aber auch nicht ausdrücklich verboten.

"Tradition"

Das Schulwesen ist Sache der Bundesländer, zuständig sind die jeweiligen Landesschulräte. "Das ist eine Tradition, die bei uns noch gepflegt wird", sagt Tirols Landesschulratspräsident Hans Lintner. Die Landesschulräte überlassen es den einzelnen Schulen, ob sie Gebete abhalten. Die Direktionen wiederum schieben die Entscheidung oft an die Lehrer ab.

Das Unterrichtsministerium beruft sich in Fragen des Schulgebets auf Artikel 14 Absatz 5a des Bundes-Verfassungsgesetzes: Kinder und Jugendliche sollen demnach zur Orientierung an religiösen Werten befähigt werden und dem religiösen und weltanschaulichen Denken anderer Religionen aufgeschlossen gegenüberstehen. Dem steht Artikel 14 des Staatsgrundgesetzes gegenüber, dem zufolge niemand zur Teilnahme an religiösen Handlungen gezwungen werden darf. "Grundsätzlich ist der Schulraum außerhalb des konfessionellen Unterrichts kein geeigneter Ort für Gebete", sagte die Juristin Brigitte Schinkele vom Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht der Universität Wien dem Magazin.

Kritik kommt auch vom Sprecher der Laizismus-Initiative Österreich, Niko Alm: "Es gibt einen Religionsunterricht, da kann die ganz Zeit gebetet werden. Aber alles außerhalb davon ist von religiösen Ritualen freizuhalten. Es ist schlimm, dass man darüber überhaupt diskutieren muss. Und es ist schlimm, dass das Leute nicht schlimm finden."

Die Kirche im Dorf

Die Politik steht dem Morgengebet eher gleichgültig gegenüber: "Wir gehen nach dem Motto vor: die Kirche im Dorf lassen", sagt Elmar Mayer, Bildungssprecher der SPÖ. "Für uns ist ein Morgengebet überall dort ein Problem, wo sich jemand belästigt fühlt. In ländlichen Gebieten, wo fast nur katholische Kinder in den Klassen sind und die Eltern sich das wünschen, muss es nicht verboten werden."

Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, will das Morgengebet auch nicht grundsätzlich verbieten, trotzdem sagt er: "Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, da halte ich es für unangebracht, dass eine Religion, besser gesagt eine Konfession, das Monopol auf religiöse Übungen im Unterricht hat. Durch Morgengebete bringe ich Kinder in eine schwierige Situation. Was denkt sich etwa ein muslimisches Kind dabei, wenn es die Hände falten muss? Das wird tagtäglich beschämt und in Konflikte gestürzt."

Die Freiheitlichen haben keine grundsätzlichen Einwände gegen Schulgebete, wenn diese an den Schulen schon fix eingeführt sind. ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon ließ "Datum" ausrichten, er habe Wichtigeres zu tun, als sich zum Thema Schulgebete zu äußern. (red, derStandard.at, 28.10.2011)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 571
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Erst mal die praktischen Probleme lösen, dann die theoretischen

Ausgerechnet die, die kaum aufgewacht sind und gar nichts gesehen haben, wollen immer am heftigsten die Welt verbessern. Wie wäre es, wenn jeder erst mal vor seiner eigenen Tür kehrt.
Als Ich-kann-Schule-Lehrer finde ich, dass der Mensch wissen sollte a) was beten ist und b) wie man gemeinsam betet. Wie sollte man wohl die Bräuche und Empfingungen anderer kennen- und achten lernen, wenn einem alles per Papierverordnung vor der Nase wegsterilisiert wird?
Es ist ein Frevel, anderen Leute ihre möglichen Fehler zu verbieten und sich in den Wahn zu steigern, dann seien alle Probleme gelöst. Lasst uns erst mal die gegebenen Probleme lösen, dann ist für die noch nicht eingetretenen noch Zeit genug!
Freundlich grüßt
Franz Josef Neffe

geht noch härter: in der ersten Klasse VS (öffentliche!) hat unsere Lehrerin (NICHT die Religionslehrerin) fast wörtlich zu uns gesagt: "Wenn Adam und Eva damals nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten, wären wir jetzt alle im Paradies".

Na bumm! Das war 1987/88. "Gebetet" wurde natürlich auch in der Früh. Wobei, wenn ich diese Szene jetzt Revue passieren lasse, haben wir Kinder das Vaterunser eigentlich mehr rhytmisch heruntergeleiert. Auch das "Im Namen des Vaters..." beim Bekreuzigen, das auch alle machen mussten, auch die Evangelischen. Und als im Zuge der Umsiedlung ins neue Schulgebäude ein eigentlich recht kleines schlichtes Holzkreuz in unsere Klasse kommen sollte, hat es die Lehrerin runtergenommen mit der Begründung es sei so "schiach". Stattdessen hat sie ein Riesenkruzifix mit blutender Jesusfigur aufgehängt, das war für sie schöner und ihr war leichter. Hmmm... Gut, dass ich kein allzu sensibles Gemüt hatte.

dieser artikel: schüler müssen beten.
nachbarartikel: schüler darf nicht beten.
http://derstandard.at/132253155... hule-beten
ein schelm wer denkt, das läge daran, dass derjenige, dessen "gebet den schulfrieden stört" muslim ist.

gerade ging noch ein aufschrei durch selbiges forum, weil der kleine yunus nicht beten DARF - nachdem es sich hiebei wohl um katholische morgengebete handeln dürfte, die nicht abgehalten werden SOLLEN, frage ich mich doch, mit welchem Maß hier gemessen wird ... ?

Was ist der Unterschied zwischen "dürfen" und "müssen"?

Schlagen Sie einmal nach - dann wird sich ihre "Frage" klären.

Naja, so schwer ist es nicht, hier die konsistente Linie zu erkennen :-)

Kreuze raus aus den Schulen und Spitälern!! WANN ENDLICH kommt die absolute Trennung von Religion und Staat in die Verfassung. Es kann doch nicht sein, dass Frankreich das einzige laizistische EU-Land ist.

die Gerichte hams vergessen. Wos doch gerade dort am Allerperversesten ist

Komisch: die Wohlstandsverwahrlosung und dass man heute kaum noch etwas lernt, ist egal, aber wehe, es wird vor der Schule gebetet, dann raschelts im Gebüsch, aber ordentlich.

In meiner HS (2000-2004) wurde fast bei allen Lehrern morgens gebetet, bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Die muslimischen Kinder blieben sitzen und hatten während des kath. Religionsunterrichts eine Freistunde.
Meinen Eltern habe ich nie explizit erzählt, dass wir in der Schule beten, sie hätten es sicher gutgeheißen bzw. gingen sie ohnehin davon aus, dass das geschieht.

"Die muslimischen Kinder blieben sitzen."
Das muss man sich mal vorstellen. Diese Ausgrenzung.
Wahnsinn, absoluter Wahnsinn.

werden wohl auch in zukunft "sitzenbleiben"

ja klar! mindestsicherung kriegens so auch! hohoho

Wir haben in der Oberstufe noch das 'pater noster' runtergeleiert, wenn wir in der ersten Stunde Latein hatten. Weiß nicht, ob meine Eltern davon wussten:)

Wir haben in der HS auch in Englisch "Our father in heaven ... " gebetet.

oh, die armen eltern wissen nichts davon.

wie wär's, wenn sie nachfragten bzw. zuhörten, was ihnen die kinder erzählen, anstatt plötzlich die bestürzten zu mimen.

Klassischer Fall von Nagel auf den Kopf....

das eigentliche Problem gut erkannt, Eltern wissen nicht mal mehr was mit Ihren Kindern in der Schule so angestellt wird.

Ich fänds schön wenn Religion endlich Privatsache wäre

Denn die hat im Unterricht nichts zu suchen. In der Schule sollen die Kinder aufs Leben als Erwachsene vorbereitet werden und das geht nicht, wenn man ihnen dort irgendwelche Religionen einimpft. Das sollen schön die Eltern zu Hause machen. Schule sollte ein neutraler Ort werden, wo es nicht wichtig ist, welche Religion man hat - und wer jetzt widerspricht: Religionsunterricht ist nicht frei wählbar! Und wer nicht römisch-katholisch ist muss oft nach dem Unterreicht länger bleiben für den Religionsunterricht - das ist nicht sinnvoll!

In den USA ist das Morgengebet verboten

Ausser den Privatreligioesen Schulen, die nicht von dem Staatssteuer gestuetzt sind. Jedes Kind; Muslimes, oder katholisches, soll nicht gezwungen werden, ein Morgengebet teilzunehmen, oder draussen aus der Klassenzimmer zu warten, waehrend des Gebets.

Na ja,

dafür müssen sie halt den Pledge of Allegiance aufsagen ( der dann die Worte :"One Nation under God" beinhaltet ).

... 3200 Volksschulen gibt es in Österreich ...

... und wenn "Datum" 43 kontaktiert ist das ja wirklich repräsentativ ...

Na da hamma wohl im Statistikunterricht geschlafen ???

Bei den gängigen Meinungsumfragen gelten in Österreich 2000 er Samples als durchaus repräsentativ !
2000/8000000 = 0,00025
43/3200 = 0,0134375

Was denkt sich etwa ein muslimisches Kind dabei, wenn es die Hände falten muss? Das wird tagtäglich beschämt und in Konflikte gestürzt.

In der Türkei wird der A.sch gehoben, bei uns werden die Hände gefaltet. So einfach ist das. Wenn es sich schämt, soll es dabei halt Suren rezitieren ...

Türkei ist ein schlechtes Beispiel

NOCH ist das Bildungssystem dort säkulär, was Erdogan & co grad ändern

"Wem das nicht gefällt, der soll in ein Land auswandern, wo es anders ist"

Sinn von Kritik ist es, den Status Quo zu verbessern!

Ich kann Leute wie Sie langsam nicht mehr hören, die zu Allem nur "Wenns da ned passt, dann schleich di" sagen.

Posting 1 bis 25 von 571
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.