Warum geschieht so oft das Gegenteil?

30. Oktober 2011, 12:14
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"Bitte denken Sie nicht an einen blauen Elefanten!" Wetten, Sie haben an einen gedacht? Sie sollten sich keine Vorwürfe machen

Sie und ich, wir können gar nicht anders. Von Christian Ankowitsch.

Es war auf der Geburtstagsfeier eines guten Bekannten. Die Altbauwohnung im Berliner Westen war gut besucht, die übliche Drängelei in der Küche, wo das bunt zusammengewürfelte Buffet stand. In einem der großen Zimmer legte ein DJ auf und machte seinen Job so gut, dass bereits am frühen Abend intensiv getanzt wurde. Irgendwann kam einer der Tänzer auf die Idee, ein wenig zu springen. Highway to hell. Einige fanden das unterhaltsam und machten es ihm nach, bis schließlich rund die Hälfte des Zimmers hüpfte – und den Parkettboden in immer bedrohlichere Schwingungen versetzte.

Darauf aufmerksam gemacht stürzte der Gastgeber ins Zimmer, drehte die Musik ab und hielt, in das enttäuschte Gemurre seiner Gäste hinein, eine kleine Ansprache: Er sei von zwei anwesenden Architekten darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Boden seiner Wohnung diesem – zugegeben von Lebensfreude zeugenden – Gespringe nicht gewachsen sei, man werde zeitnah zum Nachbarn durchbrechen. Das wolle er nicht. Dann kam der Moment, der mich – als Zeuge der Szene – ins Grübeln brachte. Der Gastgeber rief den Menschen in seiner Wohnung nämlich flehentlich zu: "Bitte nicht springen!" Das Ergebnis: Es begannen alle, aber wirklich alle zu springen. Noch freudiger als zuvor.

Nun könnte man die Reaktion der Menschen der enthemmenden Wirkung des Alkohols zuschreiben oder der typischen Berliner Renitenz. Könnte! Wenn ich das Phänomen nicht immer wieder von neuem beobachtet hätte.

So hatte man uns zum Beispiel während der Schulzeit in Österreich einen Film gezeigt, der uns vom Rauchen abbringen sollte. Man konnte nicht behaupten, dass dessen Autoren nicht alles versucht hatten, uns zu überzeugen. Den Höhepunkt des Filmes bildeten nämlich Aufnahmen einer Raucherlunge, die man einem Krebstoten entnommen hatte. Die Lunge wurde vor unser aller Augen seziert. Eine Stimme aus dem Off beschwor uns, die Gefahren des Rauchens ernst zu nehmen. Kaum war die Schulstunde zu Ende, stürmten wir aufs Klo. "Auf diesen Schrecken", so murmelten wir einander zu, "müssen wir gleich eine rauchen!"

Vor kurzem wiederum verbrachte ich eine halbe Stunde damit, die Passanten in einer Berliner U-Bahn-Station zu beobachten. Was sie wohl machen würden, wenn sie an dem Fahrkartenautomaten vorbeigehen, an den ein Handwerker ein Schild mit der Aufschrift "Frisch gestrichen!" angebracht hatten? Erraten: Jeder dritte stubste seinen Finger in die frische Farbe.

Ich machte mich also auf die Suche nach einer plausiblen Erklärung für das Phänomen – und fand gleich mehrere. So haben wir Menschen während der Evolution einen Reflex ausgebildet, der uns auf die Einschränkung unserer Autonomie recht allergisch reagieren lässt. Und auf vorhersehbare Weise – indem wir genau anders herum reagieren als geplant. So reagieren wir auf den Einwand, eine bestimmte Sache nicht zu schaffen, häufig mit dem Versuch, es den anderen beweisen zu wollen. Und so reagieren wir auf die Kritik anderer an einer nahestehenden Person, die wir eben selber noch kritisiert haben, auf höchst paradoxe Weise – und beginnen sie zu verteidigen. Ein Mechanismus, den sich die "provokative Therapie" seit vielen Jahren zunutze macht. Anstatt den lustvoll über den unerträglichen Lebensgefährten jammernden Klienten zu entgegnen, es sei doch nicht so schlimm, treiben die Therapeuten die Sache auf die Spitze. Und stimmen ihrem Klienten zu: "Sie haben vollkommen recht. Ein Schwachkopf! Eine Mega-Versagerin!" Mit dem Ergebnis, dass der Klient plötzlich damit beginnt, den Lebensgefährten zu verteidigen: "Na, so kann man das auch wieder nicht sagen!" Und auf diese Weise zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einmal etwas Positives über ihn oder sie sagt.

Eine andere Begründung für das Phänomen liefert uns die Hirnforschung. Sie hat in vielen Untersuchungen gezeigt, dass wir mit Negationen schlecht umgehen können. Mit dem Resultat, dass wir tun, was wir nicht tun sollten bzw. nicht tun, was wir tun sollten. Klingt kompliziert, ist aber einfach zu demonstrieren. Bereit? Also: "Bitte denken Sie nicht an einen blauen Elefanten!" Wetten, Sie haben eben an einen gedacht? Richtig? Sie sollten sich keine Vorwürfe machen – Sie und ich, wir können gar nicht anders, als erst mal an das komisch gefärbte Tier zu denken, auch wenn man uns dezidiert auffordert, es nicht zu tun. Denn um zu wissen, was wir nicht tun sollen, müssen wir erst einmal verstehen, worum genau es sich handelt, müssen es uns also vorstellen. Erst dann können wir unterlassen, worum man uns bittet. Theoretisch zumindest. Praktisch bringt uns ein Verbot oft erst auf jene Idee, von der man uns eigentlich abhalten will. Leidvoll erfahren habe ich das im Rahmen eines gescheiterten Erziehungsversuchs. Als ich die Wohnung verließ, trug ich den Kindern auf, keinesfalls vom Hochbett in den Sitzsack zu springen. Und nicht auf die Idee zu verfallen, mit Wasser gefüllte Luftballons vom Balkon zu schmeißen. Das Ergebnis: Am nächsten Morgen flogen in der ganzen Wohnung winzige Styroporkügelchen herum, die aus der Sitzsatzleiche stammten. Und auf der Straße lagen ... muss ich weiterschreiben?

Verzweifelte Bemühungen

Wer das für ganz unterhalt-same, aber wenig relevante Beispiele hält, liegt falsch. Es gibt Situationen, in denen unsere Schwierigkeiten, negierte Sätze so zu verstehen, wie sie gemeint sind, das Leben von Menschen zerstört. Denken Sie nur an die verzweifelten Bemühungen von zu Unrecht Verdächtigen, die erhobenen Vorwürfe wieder aus der Welt zu bekommen. Wie das vor Jahren ein deutscher TV-Moderator versucht hat, der der Vergewaltigung beschuldigt worden war. Obwohl seine Unschuld zweifelsfrei bewiesen worden war, endete seine Karriere. Denn mit jedem Dementi erinnerte man den Menschen ein weiteres Mal an die Vorwürfe.

"Herr X und Frau Y. haben nichts mit der Mafia zu tun!" – das ist eine Aussage, die wir rein formal gesehen verstehen. Dennoch ist sie geeignet, die beiden in Misskredit zu bringen. Auch das haben Untersuchungen gezeigt. Die Ursache: Unser Gehirn speichert die Aussage selektiv – das Faktum bleibt, die Negation verblasst. Wenn wir nun nach einiger Zeit wieder gefragt werden, wie das mit Herrn X bzw. Frau Y und der Mafia sei, werden wir antworten: "Da war was, ich weiß es!" Denn unser Gehirn interpretiert den Umstand, dass es sich vage an eine Aussage erinnert, als Beweis von deren Vertrautheit. Und Vertrautheit heißt: als Beweis von deren Wahrheitsgehalt. Auf diese Weise wird aus dem Dementi "Nein, ich mag Schokoeis nicht!" in den Köpfen vieler Menschen binnen weniger Wochen das Gegenteil: "Ankowitsch mag Schokoeis! " Solange es nur Schokoeis ist ...

Eine weitere Ursache, dass wir das Gegenteil des Gewünschten erreichen, liegt in der Vertracktheit unserer Sprache. Wir sind in der Lage, Sätze zu formulieren, die den anderen in eine ausweglose Situation manövrieren. So kann man beispielsweise immer wieder hören, wie sich enttäuschte Lebensgefährten darüber beschweren, der andere würde sie "nie spontan zum Essen einladen". Klingt harmlos, ist aber eine kommunikative Sprengmine, da es bekanntlich zum Wesen spontanen Verhaltens gehört, dass es unerwartet und freiwillig geschieht. Wer also einen anderen dazu auffordert, spontan zu sein, macht ihm die Chance kaputt, spontan zu sein. Und nicht nur das: Das angesprochene Gegenüber hat überhaupt keine Möglichkeit, sich richtig zu verhalten: Wenn es den anderen zum Essen einlädt, ist es nicht spontan. Lädt er ihn nicht zum Essen ein, bestätigt er den Vorwurf, nie eine spontane Essenseinladung auszusprechen. Es reicht also bloß ein einziger vertrackter Satz, das Gegenteil des Gewünschten zu erreichen.

Das Gute an dem geschilderten Phänomen besteht darin, dass es sich zum eigenen Vorteil einsetzen lässt. So haben beispielsweise Ärzte und Psychologen an einer Klinik, die Kinder mit chronischen Schmerzen behandelt, herausgefunden, dass man den Kindern erst mal das Falsche beibringen muss, um ihnen das Leben zu erleichtern. So bringt man den kleinen Patienten bei, wie sie ihre unerträglichen Schmerzen weiter steigern können. Sobald sie dazu in der Lage sind, lernen sie etwas Entscheidendes, das ihr ganzes weiteres Leben verändert: Was wir größer machen können, das können wir auch kleiner machen – und vielleicht verschwinden lassen. Denn ein willentlich gesteigerte Schmerz ist kein Dämon, der kommt und geht, wann er will. Vielmehr ist er ein domestiziertes Wesen, das man an die Leine nehmen kann. So kann uns die Bereitschaft, erst mal das Gegenteil des Gewünschten zu tun, über einen kleinen Umweg doch noch ins Ziel führen. Wer hätte das gedacht? (Christian Ankowitsch, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

Christian Ankowitsch, geb. 1959 in Klosterneuburg, studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Graz und Hamburg. Ankowitsch ist seit 1978 Journalist und arbeitete u. a. für den STANDARD und "Die Zeit". Der Autor und TV-Moderator (les.art, ORF2) lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Dieser Tage erscheint von ihm das Buch "Mach's falsch, und du machst es richtig. Die Kunst der paradoxen Lebensführung" bei Rowohlt Berlin.

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    foto: josef fischnaller
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