Gut schlafen können

  • Bluthochdruck, Burn-Out, Depression, Übergewicht: Ursache kann mangelnder Tiefschlaf sein. 
Foto: Rolf van Melis/www.pixelio.de
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    Bluthochdruck, Burn-Out, Depression, Übergewicht: Ursache kann mangelnder Tiefschlaf sein. 

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Für die Erholung des Menschen sind längere Nächte tendenziell besser - Allerdings: Viele Menschen leiden an Schlafstörungen und wissen es nicht

Die Vorbereitungen auf die Nacht erfolgen im Schlaflabor der Emco-Privatklinik in Bad Dürrnberg bei Salzburg sehr sorgfältig. Das "Ins-Bett-Gehen" beginnt gegen sechs Uhr abends. Sensoren werden auf die Haut geklebt, wenige sehr dünne Kabel gelegt. Unbemerkt für denjenigen, der die Nacht hier verbringen wird, beginnt im Raum daneben das große Datensammeln der verschiedenen Körperfunktionen. Auf großen Bildschirmen zacken sich viele unterschiedliche Kurven: EKG, Gehirnströme, Augenbewegungen, Sauerstoffgehalt des Blutes, Atmung - all diese Körperwerte, dargestellt in bunten Zacken, laufen hier zusammen. Eine Infrarotkamera nimmt ein Zwölf-Stunden-Video auf - samt Schnarchgeräuschen, Zähneknirschen und nächtlichem Sprechen. Einstweilen wird im Krankenzimmer zwar noch ferngesehen, erst beim Einschlafen wird es für die Schlafmediziner spannend.

Jörg Duftner, ärztlicher Leiter des Helios-Schlaflabors und Lungenfacharzt, wertet die nächtlichen "Schlafprofile" am nächsten Tag aus. "Gut oder schlecht schlafen ist ein subjektiver Eindruck, von Schlafstörungen sprechen wir, wenn bestimmte Schlafphasen nicht oder für viel zu kurze Zeit durchlaufen werden" , erklärt er. Weil in den Tiefschlafphasen eine Reihe von wichtigen Regenerationsprozessen im Körper stattfindet, Hormone ausgeschüttet und Enzyme für den Stoffwechsel gebildet werden, beeinträchtigen Schlafstörungen nachweislich die Gesundheit, haben die Forschungen der Schlafmedizin ergeben.

Krank durch Schlaf

Schlafstörungen können für Bluthochdruck (und in der Folge für Herzinfarkt und Schlaganfall), für Burnout, Tinnitus, Depressionen, aber auch Diabetes und Übergewicht mitverantwortlich sein. "Wir kennen insgesamt 90 Erkrankungen, die auf Störungen von Schlaf und Wachheit zurückzuführen sind" , bestätigt Birgit Högl, Leiterin des Schlaflabors an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck. Insgesamt unterscheidet sie sechs große Gruppen:Schlaflosigkeit, Schlaf-Atemstörungen, Hypersomnien (Tagesschläfrigkeit), Parasomnien (abnormes Schlafverhalten wie etwa auch REM-Verhaltensstörungen), Störungen der inneren Uhr und schlafbezogene Bewegungsstörungen. Tagesschläfrigkeit trotz einer vermeintlich ruhig verbrachten Nacht im eigenen Bett müsse als Alarmsignal gewertet werden, sagt Högl, dann sei eine Überweisung ins Schlaflabor sinnvoll.

Gehirn in Erholung

Dort geht es nach einem detaillierten Erstgespräch darum, den Schlaf eines Menschen über eine Gehirnstrommessung genau zu analysieren. Jede Schlafphase erzeugt im Gehirn ganz spezifische Wellen, die sich bildlich darstellen lassen. "Unser Gehirn, genauer gesagt die verschiedenen Gehirnregionen, erholen sich während einer Nacht in unterschiedlichen Etappen" , erklärt Högl. Nach dem Einschlafen sinkt der Körper Schritt um Schritt mehr in den Tiefschlaf, Schlafmediziner haben für diesen Vorgang eine dreiteilige Skala etabliert. Der Tiefschlaf wird durch eine REM-Phase unterbrochen. REM steht für "Rapid Eye Movement" , weil sich unter den geschlossenen Lidern die Augäpfel bewegen. In der REM-Phase verarbeitet man Tageserlebnisse, "da ist man gelähmt, damit man nicht tut, was man träumt, und sich verletzen kann" , erklärt Högl. Generell durchläuft der Mensch während einer Nacht rund dreimal bis fünfmal diesen Wechsel aus Non-REM- und REM-Phasen, jeder Zyklus dauert durchschnittlich 90 Minuten, gegen Ende der Nacht nehmen die Tiefschlafphasen ab.

Alarm im System

Sauerstoffmangel, wie er beispielsweise durch Schnarchen entsteht, ist einer der häufigsten Gründe für Schlafstörungen, da sie den Körper davon abhalten, in den erholsamen Tiefschlaf zu fallen. Jörg Duftner hört es nicht nur im Video eindeutig, sondern sieht auch in den Kurven aus dem Schlaflabor, was bei der sogenannte Apnoe, wie die Atemaussetzer im Fachbegriff heißen, im Körper passiert. Registriert das Gehirn Sauerstoffmangel, wird automatisch eine Weckreaktion aktiviert. Der Blutdruck schnellt rapide in die Höhe, das Herz beginnt zu rasen, und all das bewirkt, dass die Atmung wieder einsetzt. Die Kehrseite dieser Überlebensfunktion:Die für die Erholung so wichtige Tiefschlafphase wird dadurch verhindert, und mit der Zeit schädigen die Alarmfunktionen des Körpers Herz und Gefäße, das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt damit an.

Rund vier Prozent der über 40-Jährigen sind von Schlaf-Atemstörungen betroffen, weiß der Lungenfacharzt und vermutet, dass die Dunkelziffer derer, die durch Schnarchen auf diese Weise ins Burnout geraten, noch wesentlich höher liegen könnte. "Es gibt zu wenig Bewusstsein für dieses Krankheitsbild" , ist er überzeugt und wünscht sich eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit, zum Beispiel auch mit den Hausärzten, um den Einfluss von Schlafstörungen auf unterschiedliche Erkrankungsbilder zu identifizieren und frühzeitig behandeln zu können. Auch Narkolepsie, ein neurologisches Krankheitsbild mit Einschlafattacken untertags, würde oft erst nach Jahren diagnostiziert, so Högl.

Maßnahmenspektrum

So vielfältig die Schlafstörungen, so breit auch das Spektrum der Therapien (siehe auch Artikel unten). "Bei Schlaflosigkeit hat die Verbesserung des Schlafumfel-des oft eine große Wirkung" , sagt Schlafmedizinerin Högl und weiß, dass viele Menschen ganz einfach nicht dunkel genug schlafen und dadurch die Melatonin-Ausschüttung unterdrückt wird. Auch Verhaltenstherapien seien bei Schlafstörungen auf lange Sicht überaus sinnvoll, sagt sie.

Auch das Restless-Legs-Syndrom, ein periodisches Wippen des Beins, kann die nächtlichen Erholungsphasen massiv beeinflussen, weiß Högl, das sei aber gut behandelbar, "wichtig ist außerdem, dass der Eisenspiegel im Blut hoch genug ist" .

Im Helios-Schlaflabor in Bad Dürrnberg bei Salzburg jedenfalls ist der zu Untersuchende endlich eingeschlafen. Leise Schnarchgeräusche erklingen, auf den Bildschirmen zacken sich die Kurven. Sie sehen aus wie eine Treppe, die bergab führt, immer tiefer in die Entspannung. Plötzlich ein lauter Schnarcher, der Atem setzt aus, wie wild zacken sich die Kurven auf dem Monitor, der Körper schnellt auf, dreht sich zur Seite, ist wieder ruhig, das Treppab in den Tiefschlaf beginnt von neuem. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 31.10/1.11.2011)

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