"Von hinten, weit, in der Türkei!"

Presseschau28. Oktober 2011, 10:27
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Die europäischen Kulturzeitschriften beschäftigen sich mit 50 Jahren türkische Gastarbeiter, der Euro-Krise und verunsicherten Arbeitnehmern.

"Anpassen oder abhauen!"
Am 31. Oktober jährt sich das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei zum 50. Mal. Es machte den Weg frei für den massiven Strom von Gastarbeitern aus der Türkei, die das deutsche Wirtschaftswunder nachhaltig mitermöglichten. In der türkischen Zeitschrift Varlik beschreibt der Schriftsteller und Übersetzer Yüksel Pazarkaya, dass die ersten Ankommenden, meist junge Männer, relativ positiv empfangen wurden: "Wie in dem Faust-Zitat waren es fremde Leute, von 'hinten, weit, in der Türkei'". Jedenfalls waren sie "'die anderen', und, wie der Titel eines Aufmachers in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 1982 -- 'Fremde und Allzufremde' -- illustriert, konnten sie schnell auch 'zu fremd' werden, besonders in Zeiten ökonomischer Stagnation."

Negative Erfahrungen während verschiedener wirtschaftlicher Krisen - vor allem die Ölkrise von 1973 - bilden einen wichtigen Hintergrund für das aktuelle feindliche Klima; aber die Jahre der deutschen Wiedervereinigung waren genauso ausschlaggebend: Politische und wirtschaftliche Aufmerksamkeit wandten sich Ostdeutschland zu, und die Koexistenz von Deutschen und Türken wurde vergessen. "Rassistische Gruppen nutzten diese Zeit neuer Freiheiten: Städte wie Mölln, Solingen, Hoyerswerda und Rostock wurden zu Zentren rassistischer Aktivität. Die junge Generation, geboren, aufgewachsen und institutionell geprägt in Deutschland, bekamen zu spüren, dass sie nicht als Teil der Gesellschaft akzeptiert wurden. Sie begannen, sich nach neuen Identitäten umzuschauen, nachdem ihre deutsche Identität nicht anerkannt wurde." Deutschland leidet noch immer unter den Konsequenzen dieser Exklusion in den 1990ern, schreibt Pazarkaya. Vor allem das Fehlen angemessener Bildung hat zu einem unsichtbaren Bruch in der Gesellschaft geführt, und jetzt lautet der Kampfruf: "Anpassen oder abhauen!"

Nordische Vormünder

Die schwedische Zeitschrift Arena fragt in einem Schwerpunkt: "Zerbröckelt das Konstrukt EU ?" - Ja, meint der Schriftsteller und Kolumnist Björn Elmbrandt, und sagt das Scheitern des Euro voraus. Ausgelöst werde dieses Scheitern von einer "populistischen Revolte einer europäischen Form der Tea Party Bewegung, bestehend aus gut situierten Deutschen, Niederländern und Finnen, die nicht Willens sind, für die verschuldeten Staaten zu zahlen. Aber genauso von der Tatsache, dass die Griechen, Iren und Portugiesen nicht akzeptieren werden, von ihren herablassenden Vormündern aus dem Norden in eine Zwangsjacke der Armut gesteckt zu werden." Die EU hat eine Rolle jenseits des Euro zu spielen, schreibt Elmbrandt: Die Aufmerksamkeit müsse weg von der Frage, wie die gemeinsame Währung gerettet werden kann; und stattdessen müssten Ideen präsentiert werden, wie ein wirklich soziales Europa aussehen könnte. Wir brauchen "einen Marshall-Plan für Griechenland, Irland und Portugal. Alles ist billiger als die aktuelle europäische Geldverschwendung."

Verunsicherte Arbeitnehmer

In der französischen Zeitschrift Esprit unterhalten sich Jean-Paul Bouchet und Patrick Pierron vom französischen Gewerkschaftsverband CFDT anlässlich neuerlicher Berichte von Suiziden bei France Telecom und Renault über das Dilemma der Arbeitnehmer: 
"Angesichts ihrer eigenen Probleme steht jeder Arbeitnehmer allein da, hilflos, ohne jede Glaubwürdigkeit. Sie fühlen, dass sie den Halt verlieren, dass sie nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdienen; jeder hat Zweifel am Wert der Arbeit die er tut. In vielen Fällen hat erzwungene Mobilität die Arbeitnehmer isoliert: es gelingt ihnen nicht mehr, ihre Familie und ihr Berufsleben zu vereinbaren. Sie verstehen die Veränderungen, die im Unternehmen vorgehen, nicht mehr; sie wissen nicht mehr, wo sie in der Produktionskette stehen."

In der vollständigen Eurozine Review, finden Sie eine Rundschau der aktuellen Ausgaben von neun europäischen Kulturmagazinen in englischer Sprache.

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  • In der vollständigen Eurozine Review, finden Sie eine Rundschau der aktuellen Ausgaben von neun europäischen Kulturmagazinen in englischer Sprache.
    foto: eurozine

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