"Jeder begegnet einmal im Leben einem Soziopathen"

Interview3. November 2011, 06:15
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Buchautorin Beate Handler über Gewalt in der Familie, fehlende Zivilcourage, Fehler der Medien und das Geheimnis des Nachbarn

Die Psychologin und Psychotherapeutin Beate Handler schreibt in ihrem vierten Buch "Monster von Nebenan. Wie gut kennen Sie Ihren Nachbarn?" über "die dunkle Seite" in den Menschen. Sie bezeichnet die Kindheit als Schlüssel zur Psyche und widmet sich psychischen Erkrankungen und Auffälligkeiten. Dabei beschreibt sie unter anderem die Merkmale, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten von dissoziale Persönlichkeitsstörungen, Stalking oder Narzissmus.

derStandard.at: Frau Handler, wie gut kennen Sie Ihren Nachbarn?

Beate Handler: Die jetzigen Nachbarn kenne ich nicht sehr gut aber sie sind auch gerade erst eingezogen. Die vorigen Nachbarn haben das Kapitel "Gibt es das Böse?" im Buch sehr bereichert. Begonnen hat es damit, dass um sieben Uhr abends meine Bekannten unabsichtlich bei den Nachbarn geklingelt haben. Daraufhin ist mein Nachbar aus der Wohnung gekommen und hat mich sehr derb beschimpft. Sie haben mich auch nie gegrüßt und im Aufzug immer böse geschaut. Mit ihren Kindern haben sie nie nett gesprochen. Und eines Tages hatte ich im neuen Auto zwei Dellen, die wahrscheinlich von ihrer Autotür stammten. Sie sind aber, nachdem ich das Buch fertig geschrieben hatte, zum Glück ausgezogen.

derStandard.at: Was hat Sie bewogen über das Thema "Abgründe des Menschen" ein Buch zu schreiben?

Handler: Ich habe während meiner Arbeit als Psychotherapeutin sehr häufig mit den Opfern, nicht mit den Tätern zu tun. Mit Personen, denen der Partner oder die Eltern zugesetzt haben. Diese Leute leiden oft darunter und entwickeln auch Persönlichkeitsstörungen oder psychische Erkrankungen. Ich wollte mit dem Buch einen Blick hinter die Kulissen gewähren.

Aber das Buch soll keine Angst machen, sondern dazu auffordern, die rosa Brille abzunehmen und zu bedenken, dass es jeden treffen kann. Oder dass es auch im nahen Umfeld Betroffene gibt, die traumatische Erlebnisse hatten. Meistens durch Verbrecher, die völlig zurechnungsfähig sind.

derStandard.at: Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die Reaktion von Menschen im Täterumfeld – nach Verbrechen werden diese oft in den Zeitungen so zitiert: "Dass das passiert, hat niemand wissen können. Ich habe nichts geahnt." Warum hört man diese Sätze immer wieder und wie kann man das ändern?

Handler: Jede und jeder könnte es im Kleinen ändern, indem sie oder er mehr Zivilcourage zeigt. Man muss nicht immer gleich helfen, Unterstützung anbieten oder die Polizei rufen, aber man sollte wachsam sein und dann Schritt für Schritt schauen, was man tun kann. Man kann sich etwa bei Familien, bei denen der Verdacht besteht, dass Personen körperlich misshandelt werden, genauer erkundigen oder beim Jugendamt anrufen. Ich gebe zu, dass das eine extreme Gratwanderung ist. Aber alleine die Wachsamkeit kann schon wichtig sein.

derStandard.at: Auch die Medien kommen in Ihrem Buch schlecht weg. Welche Konsequenzen haben Bezeichnung wie "Psycho-Mörder" oder "Irrer Killer"?

Handler: Massive Diskriminierung von Menschen, die Opfer sind. Schon alleine durch die Wortwahl "Psycho" werden jene Menschen, die psychologische Hilfe in Anspruch nehmen oder psychisch erkrankt sind, diskriminiert. Und die meisten Täter sind in der Regel nicht psychisch krank sondern zurechnungsfähig. Geistig abnorme Rechtsbrecher sind eher selten. Solche Schlagwörter sind vielleicht publikumsgeil und werbewirksam aber sonst nichts.

derStandard.at: Sie behaupten auch, dass Probleme in der Kindheit ausschlaggebend für Ereignisse im Erwachsenenalter sind. Ist immer ein Vorfall in der Kindheit zu suchen, wenn jemand zum Gewalttäter wird?

Handler: Der Serienmörder Jeffrey Dahmer etwa hatte einen Bruder, der im Prinzip gleich erzogen sein worden müsste wie er selbst. Der Bruder war aber völlig unauffällig. Alleine an der Kindheit kann es also nicht liegen. Ich sehe es an den Opfern von elterlicher Gewalt, die ich in meiner Praxis habe. Wenn jemand Ressourcen hat, sich selbst reflektieren kann und Eigenverantwortung übernimmt, dann können solche Menschen trotz schrecklicher Kindheit ein normales Leben führen. Zwar mit vielen Problemen und großer Qual, aber es geht. Der Rückschluss, dass Serienmörder in ihrer Kindheit Probleme hatten, ist schon zulässig.

derStandard.at: Sie halten vor allem Soziopathen für sehr gefährlich, weil sie angepasst und nebenan leben.

Handler: Grundsätzlich heißt der psychologisch richtige Ausdruck "dissoziale Persönlichkeiten". Das Spektrum von dissozial geht von halbwegs harmlos bis zu verbrecherisch. Die, die sich in der Gesellschaft bewegen und noch nicht in einem Gefängnis sitzen, findet man nicht, weil sie häufig sehr intelligent und hochmanipulativ sind. Man würde jemanden, der soziopathisch ist, in der ersten Zeit nicht erkennen.

Im Zusammenleben und auch am Arbeitsplatz erkennt man diese Mensch aber sicher. Die Unterscheidung für einen Laien zwischen dissozial und sehr ausgeprägt narzisstisch ist aber oft nicht möglich. Der Unterschied wäre, dass der Soziopath keine Hemmung hat, jemanden Gewalt anzutun oder zu töten. Der Narzisst ist eher darauf aus, dass er selbst im Mittelpunkt steht – er ist mehr auf sich bezogen. Der Soziopath dagegen ist darauf programmiert, andere zu manipulieren, um ein Ziel zu erreichen.

derStandard.at: Auch wenn die Unterscheidung für einen Laien schwierig ist, woran erkennt man einen Soziopathen?

Handler: Soziopathen sind unfähig, sich in andere hineinzufühlen. Der Narzisst kann sich einfühlen, tut es aber selten, weil es ihm nicht wichtig ist. Es wird bei Soziopathen auch angenommen, dass die Gehirnstruktur anders ist als bei gesunden Menschen. Sie können zwar gewisse Dinge nachvollziehen, aber emotional kein Mitgefühl empfinden – und das merkt man. Es heißt, dass jeder Mensch in seinem Leben mindestens einmal einem Soziopathen begegnet.

derStandard.at: Wieso gibt es Ihrer Meinung nach mehr männliche als weibliche SerienmörderInnen?

Handler: Ich zitiere amerikanische Studien von Kriminologen. Die beschreiben, dass bei der Sozialisation von Frauen noch immer die mütterlichen Gefühle gefördert werden. Es wird angenommen, dass das dazu führt, dass die Hemmschwelle bei Gewaltverbrechen höher ist. Der Mann, auch wenn es trivial klingt, wird als Kämpfer und Jäger erzogen und darf somit seine Aggressionen rauslassen. Dadurch sinkt die Hemmschwelle.

derStandard.at: Bei körperlichem Missbrauch aber halten sich laut Ihrem Buch die Zahlen von Frauen und Männer die Waage.

Handler: Ich glaube, dass bei Frauen einfach die Dunkelziffer von missbrauchenden Personen höher ist. Natürlich gibt es auch Frauen, die sexuellen und körperlichen Missbrauch begehen, beziehungsweise gewalttätige Mütter. Das sehe ich jeden Tag in meiner Praxis. Frauen sind aber eher hinter den Türen gewalttätig und deshalb liest man nicht so oft von weiblichen Täterinnen. Auch in Beziehungskonflikten ist es so, dass Frauen ihrem Partner gegenüber körperlich aggressiv sind. Aber dadurch, dass die Körperkraft nicht so groß ist, sind die Verletzungen nicht so schwer.

derStandard.at: Wie misstrauisch darf ich meinem Nachbarn gegenüber sein?

Handler: Nicht sehr. Ich meine, wenn man Kinder schreien hört, dann kann man kurz anklopfen und eventuell seine Hilfe anbieten. Man sieht dann schon an den Reaktionen, ob alles in Ordnung ist. Ich würde auch die Kinder beobachten. Notfalls kann man auch die Polizei anrufen und sagen, dass bei den Nachbarn ein extremer Lärm ist. Ich signalisiere damit, dass mir etwas aufgefallen ist. Und sollte nichts Schlimmes passiert sein, dann bin ich eben nur eine nervige Nachbarin. (derStandard.at, 28.10.2011)

Beate Handler ist Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Arbeitspsychologin und Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). 

"Monster von Nebenan. Wie gut kennen Sie Ihren Nachbarn?", Beate Handler, Goldegg Verlag, 2011

  • Beate Handler ist Klinische Psychologin und Autorin des Buches.
    foto: zvg/handler

    Beate Handler ist Klinische Psychologin und Autorin des Buches.

  • " Das Buch soll keine Angst machen, sondern soll dazu auffordern, die 
rosa Brille abzunehmen und zu bedenken, dass es jeden treffen kann."
    foto: goldegg verlag

    " Das Buch soll keine Angst machen, sondern soll dazu auffordern, die rosa Brille abzunehmen und zu bedenken, dass es jeden treffen kann."

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