Gelassen auf Gozo

Das Leben auf Gozo ist weitaus gemächlicher als auf der dreimal so großen Nachbarinsel Malta

Der Hauptplatz der gozitanischen Hauptstadt Victoria ist zwar sehr überschaubar, bietet jedoch alles, was man von einem solchen erwartet: die obligatorische Kirche, schöne Häuserfassaden, ein uriges Restaurant und ein paar Greißlereien, die Olivenöle, Weine und Käsesorten von der 31.000 Einwohner beherbergenden Insel anbieten. In Victoria lebt fast ein Drittel der Bevölkerung Gozos, und trotzdem kann man hier finden, wonach man auf der Nachbarinsel Malta lange suchen muss: Ruhe. Diese wird nur von ein paar älteren Inselbewohnern unterbrochen, die zur Siesta ihren Gitarren ein paar sanfte Klänge entlocken. Selbst die obligatorische Gruppe biertrinkender Touristen aus England, die zur Inselgruppe Malta gehört wie das Malteserkreuz, wirkt an diesem sonnigen Oktobernachmittag geradezu besonnen.

Mehr als eine Million Touristen machen jährlich auf Malta Ferien - auf Gozo bleiben sie jedoch meist nur für einen Tagesausflug. Die, die wirklich Urlaub machen auf Gozo, sind die Malteser. Sie suchen hier Ruhe und Entspannung. Die Gozitaner können das nur allzu gut nachvollziehen. Für sie ist die größte Insel des Archipels der Republik Malta viel zu chaotisch und hektisch. Spätestens am Abend haben die Gozitaner bereist genug von Malta und wollen wieder zurück in ihre Heimat. Auch wenn beide Inseln nur sechs Kilometer voneinander entfernt liegen, trennen sie doch Welten.

Für unentschlossene Touristen hingegen trennen sie nur weniger als eine halbe Stunde. Mit der Fähre kann man nämlich rund um die Uhr zu spöttisch günstigen Preisen zwischen Gozo und Malta pendeln. Selbst nachts beträgt das längste Fahrtintervall lediglich anderthalb Stunden. Wieso deshalb nicht einmal den Spieß umdrehen und anstatt auf Malta wohnen und tageweise nach Gozo kommen, lieber die umgekehrte Version wählen, die mindestens ebenso reizvoll sein kann?

Von der Zitadelle in Victoria hat man einen Rundblick auf die karge - jedoch im Vergleich zu Malta grünere - Landschaft und kleine Dörfer, die alle aus dem für diese Längengrade typischen Sandsteinen gebaut sind. Die Insel wirkt zeitlos im wahrsten Sinne des Wortes: Oftmals findet das betrachtende Auge wenig Orientierungspunkte, die die Szenerie datieren könnten: Befindet man sich wirklich im Jahre 2011 oder nicht doch zu alttestamentarischen Zeiten? Abgesehen von der Hauptstadt Victoria haben die übrigen Siedlungen auf Gozo nämlich alle dörflichen Charakter. Die Sandsteinhäuser in den Ortschaften, die alle weniger als 2000 Einwohner haben, sind entweder alt oder in altem Stil gebaut - und alle repräsentativ herausgeputzt. Vielleicht stimmt ja das Vorurteil, mit dem sich die Malteser über die gozitanischen Frauen lustig machen: Übertrieben reinlich seien sie, und den ganzen Tag lang mit dem Putzen des eigenen Hauses beschäftigt.

Übrigens sieht man auch auf Gozo in den Ortschaften fast nur Reihenhäuser, obwohl im Grunde Platz im Überfluss vorhanden ist. Diese Bauweise ist nicht etwa der englischen Reihenhausmentalität geschuldet - Malta war von 1800 bis 1964 eine englische Kolonie -, sondern der blutigen Geschichte der Inselgruppe. Malta und seine Nachbarinseln waren so oft Angriffen und Belagerungen ausgesetzt, dass kein Bauer schutzlos allein leben wollte.

Sommer verlängern

Die geografische Lage südlich von Sizilien hat Malta und Gozo einst etliche Belagerungen eingebracht. Heute kommt sie ihr gerade zu dieser Jahreszeit zugute. Denn Malta liegt sogar südlicher als Tunis - und das merkt man auch an den Temperaturen. Der Inselstaat ist die perfekte Destination, um den heimischen Sommer bis in den Winter zu verlängern, denn bis zu Weihnachten kann man hier mit Temperaturen um die zwanzig Grad rechnen.

Sommerliche Temperaturen braucht man auch, um die Unterwasserschönheit der Insel kennenzulernen. Gozo kann man mit seinen neun Tauchschulen getrost als Taucherparadies bezeichnen. Der schönste Strand der Insel liegt an der Nordküste. Ramla Bay zeichnet sich durch seinen rötlich schimmernden Sandstrand aus und die Tatsache, dass er abseits der Sommersaison nur spärlich besucht wird. Auf den westlichen Höhen neben dem Strand befindet sich auch die Höhle der Kalypso. Hier war Odysseus der Sage nach auf seiner letzten Station seiner 20-jährigen Irrfahrt gefangen und musste der Nymphe Kalypso sieben Jahre lang Liebesdienste erweisen. Wenn man die malerische Landschaft der Nordküste Gozos miteinbezieht, hätte Odysseus wohl kaum ein schöneres Gefängnis wählen können. (Fabian Kretschmer/DER STANDARD/Printausgabe/29.10.2011)

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