Jugend & Alkohol

"Das Komasaufen ist nicht neu"

Interview | Sophie Niedenzu, 31. Oktober 2011, 10:55
  • Artikelbild
    foto: apa/helmut fohringer

    "Eine Gesellschaft ohne Alkohol ist nicht denkbar, aber Alkohol ist zum Leben nicht notwendig."

  • Artikelbild
    foto: nestor kapusta

    Nestor Kapusta ist inidividualpsychologischer Analytiker an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie in Wien. Er pomovierte zum Thema „Substanzmissbrauch bei Jugendlichen", forscht aktuell zum Thema Epidemiologie von Substanzabhängigkeiten und ist seit 2006 Lehrbeauftragter an der Medizinischen Universität Wien.

Als Jugendlicher kann man sich dem sozialen Druck zum Alkoholgenuss schwer entziehen, weiß der Psychiater Nestor Kapusta

Erste Erfahrungen mit Alkoholmissbrauch machen Jugendliche mittlerweile wesentlich früher, größer wird er deswegen aber nicht. Warum Grenzen ausgelotet werden müssen und welche Rolle dabei das familiäre Umfeld spielt, erklärt der Wiener Psychiater Nestor Kapusta. 

derStandard.at: Ihre Befragung zu Alkoholkonsum unter Jugendlichen hat ergeben, dass 35 Prozent der Burschen und 21 Prozent der Mädchen mehrmals pro Woche Alkohol trinken. Wie erklärt sich der Unterschied?

Kapusta: Alkoholkonsum zählt zu den verbotenen Dingen für Jugendliche. Das sich-über-Normen-hinwegsetzen ist ein männliches Rollenbild, das in der Kultur immer noch vorherrscht, wenngleich Veränderungen erkennbar sind. Mittlerweile rauchen etwa gleich viele Frauen wie Männer. Das könnte eine gesellschaftliche Entwicklung sein, dass die Emanzipation der Frau auch gesundheitliche Nachteile mit sich bringt. Es gibt aber auch biologische Unterschiede: junge Männer sind in der Pubertät durch die verstärkte Testosteronproduktion impulsiver und aggressiver. Und Aggressivität und Impulsivität sind Risikofaktoren für Alkoholmissbrauch.

derStandard.at: Warum greifen gerade Jugendliche besonders stark zum Alkohol?

Kapusta: Während der Pubertät, wenn die Hormone nach der Latenzphase wieder eine Rolle spielen, vergleichen sich Jugendliche mit anderen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Identität: Bin ich so wie die anderen, bin ich anders, wie soll ich sein? Das macht Angst und birgt viel Unsicherheit. Die Erfahrungen mit Alkohol gehören zum Leben eines Jugendlichen dazu, um Erwachsenenrollen zu lernen. Eine Gesellschaft ohne Alkohol ist nicht denkbar, aber Alkohol ist zum Leben nicht notwendig. Dadurch, dass in unserer Gesellschaft getrunken wird, werden Jugendliche unweigerlich damit konfrontiert - es ist wie mit dem Radfahren. Es gibt einen sozialen Druck zum Alkoholgenuss, dem man sich als Jugendlicher schwer entziehen kann, weil die Identität noch nicht so stark ausgeprägt ist.

derStandard.at: Was heißt das für die Eltern?

Kapusta: Die Eltern sind sehr gefordert, den Jugendlichen zu vermitteln, wie sie mit den Schwierigkeiten umgehen können. Wenn das elterliche Umfeld nicht in der Lage ist, diese Schwierigkeiten der Jugendlichen zu transformieren, dann suchen Jugendliche bei anderen Personen Halt und lernen eben von anderen, wie sie sich zurechtfinden können.

derStandard.at: Welche Rolle spielt dabei die Schule?

Kapusta: Lehrer thematisieren Sucht nicht zu wenig, können aber nur theoretische Grundlagen vermitteln. Eine sinnvolle Aufklärung darüber, wie Jugendliche mit ihren Problemen umgehen können, braucht intensive zwischenmenschliche Kontakte. Ein Lehrer kann nicht 30 Schüler emotional erziehen. Es würden viele gerne den Schulen die Schuld geben, da muss man aber die Lehrer im Dorf lassen. Die Verantwortung bleibt bei den Bezugspersonen.

derstandard.at: Würde eine Legalisierung von Alkohol etwas ändern?

Kapusta: Eine Aufhebung von Restriktion ist nicht zielführend. Genauso wenig wie ein stärkeres Verbot Verbesserungen zur Folge hätte. Die legalen Grenzen werden von Jugendlichen ohnehin regelmäßig überschritten. Außerdem kommen immer neue Substanzen auf den Markt, wie etwa synthetische Amphetamine, die in einem halblegalen Bereich konsumiert werden. Wenn die eine Substanz vom Markt verschwindet, dann kommt eine neue. Mit Restriktionspolitik alleine kann man längerfristig keine Suchtprävention machen.

deStandard.at: Was passiert, wenn Eltern Alkohol komplett verbieten?

Kapusta: Verbieten bringt wahrscheinlich nichts, weil die Suche der Jugendlichen zu sich selbst das Ausloten der Grenzen inkludiert. Das gehört wie sexuelle Erfahrungen zur Persönlichkeitsbildung. Ein Verbot der Eltern beinhaltet, dass man nicht mehr weiter darüber spricht. Erwachsene sollten aber gute Argumente bringen, warum ein moderater und seltener Alkoholkonsum gut ist und ständig mit ihren Kindern sprechen.

derStandard.at: Welche Folgen hat der Alkoholkonsum in der Pubertät?

Kapusta: In der Pubertät müssen Jugendliche ihr Verhalten verstehen, neu überdenken und neue Verhaltensweisen lernen. Sie müssen mit starken Gefühlen umgehen, das geht mit der Gehirnreifung einher. Wenn in dieser vulnerablen Zeit falsche Verhaltensweisen erlernt werden, dann fixiert sich das besonders, weil das Gehirn in der Zeit sehr lernbereit ist und viele Neuronen produziert. Diese werden durch Alkohol gehemmt. Neues psychosoziales Verhalten kann nicht erlernt werden, wenn die Zellen, die zum Erlernen von neuem Verhalten notwendig werden, sich nicht entwickeln können.

derstandard.at: Ist der Alkoholkonsum unter Jugendlichen in den letzten Jahren gestiegen?

Kapusta: Nein, der Missbrauch ist nicht höher als früher. Wir beobachten Trends bei psychoaktiven Substanzen, die verdeutlichen, dass alle psychoaktiven Substanzen zunehmend früher konsumiert werden. Einige Substanzen werden tatsächlich häufiger konsumiert, das sind aber nur vorübergehende Trends. Das "Komasaufen" etwa wurde kürzlich diskutiert, ist aber nicht neu. Auch einige unserer Eltern haben sich früher mit Alkohol intoxitiert. Es wird nur heute medial stärker diskutiert und bekommt mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Das animiert Jugendliche wieder, diesem Trend nachzugehen.

derStandard.at: Warum trinken Jugendliche immer früher?

Kapusta: Einerseits findet die psychosexuelle Entwicklung immer früher statt. Die sexuelle und damit die emotionale Reifung durch die Hormone beginnt früher, die Periode setzt bei Mädchen mittlerweile mit 11 Jahren ein. Das führt zur früheren biologisch bedingten Vulnerabilität. Andererseits gibt es auch soziale Ursachen. Es entsteht der Eindruck, als würden Bezugspersonen weniger Zeit für die Erziehung und Begleitung ihrer Jugendlichen haben, die daher entsprechend früher emotionale Schwierigkeiten entwickeln. Es gibt einen zunehmenden Bedarf an Kinder- und Jugendpsychiatern, weil Eltern zunehmend mit den emotionalen Störungen der Jugendlichen überfordert sind.

derStandard.at: Mehr Zeit bedeutet also eine höhere Qualität der Erziehung?

Kapusta: Es geht letztlich um die Beziehungsqualität, die nicht nur von der reinen Zeit, die man mit den Kindern verbringt, abhängt. Das Familienklima ist wichtig, in dem Jugendliche lernen, in Beziehungen zu leben und auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, aber auch, dass auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Sie lernen im familiären Umfeld, dass es Regeln und Grenzen gibt. Einzelkinder erleben sich anders, etwa auch in der Schulklasse, als Kinder, die mit Geschwistern aufgewachsen sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder fürsorgliche Familienprozesse und Grenzen lernen ist in einer größeren Familie eben größer.

derStandard.at: Wenn also die Anzahl der Kinder in Familien, wie bisher, bei durchschnittlich einem Kind liegt, werden sich die Suchtprobleme bei Jugendlichen in Zukunft erhöhen? 

Kapusta: Mitunter, Ja. Abhängigkeitsprobleme haben viel mit Bindungsproblemen zu tun. In einer schnelllebigen Gesellschaft wird immer mehr Mobilität gefordert. Das heißt zugleich, dass Beziehungen und Bindungen zugunsten von Karriere oder intellektueller Entwicklung aufgegeben werden. Der Verlust von sozialem Denken ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es wäre wichtig, dass nicht nur Kinder erleben können, dass sie Bedürfnisse nach Bindung und Beziehung haben und diese ausleben dürfen, sondern auch Eltern sich bewusst werden, dass sie diese Grundbedürfnisse ebenso haben. (derStandard.at, 31.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 253
1 2 3 4 5 6
brennender luster
00
26.12.2011, 10:23
alkohol

man sollte nicht vergessen,das der alkohol eine legalisierte droge ist bzw bier zu den grundnahrungsmitteln zählt,gut zu beobachten in den supermärkten.

silvia herz
00
4.11.2011, 21:31

...der alkohol ist hier wohl ein guter sündenbock wenns um die jugendlichen-debatte geht. genauso wie die "jungen wilden" ihre grenzen ausloten wollen suchen auch die "alten schwarzseher" und weltuntergangsdramatiker nach einer grenze - nämlich nach der grenze ihrer eigenen ratlosigkeit.
http://www.babylog.at/2011/stor... oerderung/

pago1
11
2.11.2011, 12:33
solang jeder zweite arzt

ein alkohol oder medikamentenproblem hat wird sich da auch nichts ändern

Lectrice
16
2.11.2011, 16:45

Geh bitte, diese komatösen Besäufnisse waren unter gewissen Leuten am Land früher gang und gäbe und auch dass sich jedes Wochenende irgendwer mit mehr o. weniger schlimmen Folgen um einen Baum gewickelt hat - DAS ist wirklich nichts Neues, das Getöse darum ist neu.

maxe berber
13
2.11.2011, 11:14
ich halte es für kompletten unfug

weil in den vergangen jahren ist viel unterm teppich gekehrt worden. da durfte es das dorf nie und nimmer erfahren das der sohn oder die tochter sturzbetrunken in den sträuchern gelegen haben und anschließend geistesabwesend ins bett getorkeld sind.
nur erzählen wir heute unseren kindern wie stocksolide es zu unserer sturm-und drangzeit es zuging. meine kinder wissen von mir solche dinge und saufen genauso viel oder wenig wie ich damals.

Heavy Horse Bear
31
2.11.2011, 07:34
Verzweiflung

Dass ein Großteil der Kinder und Jugendlichen schlicht und einfach keine Zukunft hat, wurde nicht einmal angesprochen...

hcl3
00
3.11.2011, 09:48

aus verzweifulung wird net komagesoffen

meine drei kinder sind nicht bei der maturareise mit-
freiwillig von sich aus -weil ihnen graust
der gruppendruck =
bsoffen rumficken-

Salz Burger
00
8.11.2011, 20:47

Kann ich verstehen. Mein Sohn wollte auch statt dem Dauerbesäufnis lieber eine sinnvolle Maturareise. Hat sich in der Klasse aber nicht durchgesetzt.

meinrad
00
5.11.2011, 15:51
cool, da haben deine kinder später was zum erzählen!

"horchts zu liebe enkerln, ich erzähl euch jetzt, wie ich es vermieden hab, nach zwei flaschen wein am strand mit zwei mädels rumzumachen, und stattdessen zuhause kreuzworträtsel gelöst hab!"

Salz Burger
00
8.11.2011, 20:50

Ich glaube nicht, dass irgendwelche Enkerl diese alten Geschichten interessieren. Ich war früher auch nur äußerst ungern bei diesen Zwangsbesäufnissen im Ort dabei. Nicht immer ließ es sich verhindern. Noch heute habe ich mit diesen routinemäßigen Feierlichkeiten zu runden Geburtstagen von Bekannten und Geschäftsfreunden keine Freude. Gehe natürlich hin, wenn es wichtig ist, aber selber mache ich zu solchen Ereignissen lieber einen Urlaub mit meiner Frau.

meinrad
00
9.11.2011, 01:21
also mich ham die unseriöseren gschichtln von eltern und großeltern schon interessiert

die tollen urlaubserinnerungen, wie schön ned der strand und wie blau ned der himmel war, waren dagegen eigentlich eher fad.

mika33
02
4.11.2011, 15:28
Da haben die Kinder aber was versäumt ...

Lectrice
01
2.11.2011, 16:46

Geh bitte - vor 30/40 Jahren hatte man sehr viel Zukunft und in gewissen Kreisen wurde auch bis zum Abwinken gesoffen - vor allem am WE.

keywords
00
2.11.2011, 12:36

darum gehts auch nicht.

sondern, wie sie mit diesen problemen umgehen.
wenn die eltern trinken/nicht zuhören/probleme nicht ernst nehmen, wird das auf andere jugendliche ausgelagert bzw getrunken.

AlBundyFan
 
03
2.11.2011, 11:19
stimmt

viele kinder in afrika, asien oder lateinamerika haben keine zukunft.

bei uns lebst selbst als dauerarbeitsloser besser als 99% der weltweiten menschen.

Erstversuch
00
3.11.2011, 09:17
Korrigiere!

Viele Kinder in Afrika haben nicht das was wir Wohlstandsverwahrlosten in A für eine ZUkunft halten.

Mimir
11
1.11.2011, 19:30

Hab das Gefühl, dass die Zuschütterei sogar etwas abgenommen hat. Zu meinen Zeiten, vor 10 bis 15 Jahren sind die Leut, mich eingeschlossen, noch häufiger blunzenfett herumgekugelt.
Wenn ich heute, was nicht häufig vorkommt, auf ein derartiges "Festl" am Land gehe, stell ich das nicht mehr fest.
Diese Deppenaquarien-Hallenparties....was hätten wir dort sonst machen sollen.

mika33
00
4.11.2011, 15:30
Stimmt absolut, genau die gleiche Erfahrung habe ich auch ...

Vor ca.10 Jahren wurde mehr "gesoffen" ...

Lectrice
02
2.11.2011, 16:47

Früher war alles besser - sogar die Zukunft ;-).

der feuerrote frederik
10
1.11.2011, 17:12
Das Portrait-Foto ist unheimlich!

schaut aus wie aus dem comic...
oder ist die brille mit photoshop reingebastelt?
oder habe ich eien halloweenbedingte wahrnehmungsstörung?

Lord Jim
08
1.11.2011, 18:13

nein, nein, es handelt sich um einen psychoanalytiker, Ihre tiefsten ängste ans tageslicht zu bringen gehört zu seinem täglich brot.

Gallo Way
01
2.11.2011, 12:06

Genau! Die ganze Projektion hat sich halt auch äußerlich niedergeschlagen :D

Heinz Anderle
 
11
1.11.2011, 16:53
Nachdem inzwischen Rettungseinsatz und Ausnüchterung...

... selbst bezahlt werden müssen, dürfte sich das Problem innerfamiliär leichter ausdiskutieren lassen, z. B. mit Taschengeldregreß, und damit eine lehrreiche Erfahrung bewirken.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

TheWasteLand
01
2.11.2011, 11:29

Meine These ist ja, dass die eigentlich Ursache für diese Einsätze das Handy ist; wo man sich früher ein paar Stunden entleibt hat, bevor man schließlich den Rausch ausschlafen konnte, ist heute sofort jemand mit einem Telefon zur Stelle, um kostspielige Hilfe anzufordern ;-)

Taschenkalender
21
1.11.2011, 12:12
für mich liest sich das ungefähr so..

blabla..Fremdworte damit es gscheiter klingt..blabla..die selben Fremdworte..blabla..

es ist wie mit dem Radfahren

blabla..Fremdworte..

Nein, der Missbrauch ist nicht höher als früher..
Einige Substanzen werden tatsächlich häufiger konsumiert..

echt tolle Qualität..super!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 253
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.