Das mobile Interventionsteam SAM 2 versucht am Wiener Praterstern die "Alkoholszene" und Passanten zu einem konfliktfreien Nebeneinander zu bewegen
Ein windiger Donnerstag im Oktober, zehn Uhr Vormittag. Der Bahnhof Praterstern und seine Peripherie präsentieren sich schwach frequentiert. Hannes Schindler, Bereichsleiter der drei mobilen Interventionsteams SAM - eines davon ist das SAM 2 am Praterstern - führt uns um den Gebäudekomplex herum.
Beim Tegetthoff-Denkmal und auf einer Bank vor der Halle halten sich jeweils drei, vier Männer auf, die erst bei genauerer Betrachtung durch abgetragene Kleidung und Bierdosen in ihrer Umgebung auffallen. "Obdachlose Alkoholiker" öffnet sich die Kategorisierungszwang-Schublade. "Das sind nicht ausschließlich Obdachlose und/oder Alkoholiker, sondern oft auch einkommensschwache Personen mit einer kleinen Wohnung, die hier im öffentlichen Raum ihre Freizeit verbringen und dabei auch Alkohol konsumieren", erklärt Hannes Schindler.
"Marginalisierte Personen"
Dennoch, zu stärker frequentierten Zeiten ist es nicht zu übersehen: Am Praterstern dominiert die "Alkoholszene". Orte mit erhöhter
Infrastruktur seien ideal für Menschen mit Suchtproblematik, weil hier permanenter Nachschub der Substanz gewährleistet ist, meint
Schindler. Der Praterstern hat sieben Tage die Woche geöffnet, die
Preise in den Geschäften sind erschwinglich. Es gehe weniger um den
Aufenthalt in beheizten Räumen sondern um Sozialisierung. "Man weiß, man
findet hier Gesellschaft, kennt sich, ist unter Gleichgesinnten", ergänzt Schindler. Wie viele Personen die Szene umfasst, lasse sich nicht genau sagen, "jetzt gerade schätze ich, sind zehn bis fünfzehn sogenannte 'marginaliserte Personen‘ anwesend. Es gibt eine Kerngruppe - ich nenne sie die 'Residents‘ - die praktisch hier ihren Wohnsitz haben, auch wenn sie vielleicht nicht obdachlos sind." Einige davon betreuen die insgesamt neun Mitarbeiter des SAM 2-Teams bereits seit Projektbeginn vor vier Jahren.
Vermittlung und Deeskalation
Sieben Tage die Woche, acht Stunden pro Schicht patroullieren jeweils zwei
SAM 2-Mitarbeiter in knallroter Dienstkleidung am Praterstern und
Umgebung, in der U-Bahn-Anlage bis zu den Durchgangssperren und, in
Krisenfällen, auch in den Hallen der ÖBB. SAM steht für 'Sozial, Sicher,
Aktiv, Mobil'. Bereits die Präsenz der roten Jacken verheißt
Unterstützung für Passanten, Geschäftsleute, Wiener Linien- und
ÖBB-Mitarbeiter und vor allem für die "Szene". Die SAM-Mitarbeiter
definieren sich als Bindeglied zwischen Menschen und jeder kann sich an
sie wenden.
Das Team besteht aus Sozialarbeitern, Soziologen, Psychologen, Mediatoren und
Lebensberatern, davon einige mit Migrationshintergrund. So wie sich am
Praterstern Menschen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen finden -
aus Österreich, Polen, Rumänien oder Ungarn. "Viele, die sich in ihrer
Freizeit hier aufhalten, kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen,
sind traumatisiert oder leiden an psychischen Erkrankungen, die den
Verlust von Geld, Job und Wohnung nach sich ziehen", erzählt Schindler.
Seine Mitarbeiter vermitteln hilfsbedürftige Menschen an zuständige
soziale Einrichtungen und greifen im Fall von Konflikten deeskalierend
ein.
"Ein Miteinander wäre zu viel verlangt"
Eine Gruppe alkoholisierter Klienten ruft mit hohem Lärmpegel den
Missmut der Geschäftsleute und Passanten hervor. Zwei SAM
2-Mitarbeiter mischen sich ein: "Ihr seid so laut, die Leute
beschweren sich." "Geh schleichts euch, wir machen, was wir wollen." Man
sucht das Gespräch, dann kommt eine Frage, die immer wieder gestellt
wird: "Was könnt ihr überhaupt für uns machen?" Jemandem ein Pflaster zu
geben, oder zu einem neuen Pass zu verhelfen, sind die kleinen Dinge
mit oft großer Wirkung. "Keine Frage: Es gibt Probleme am Praterstern",
sagt Hannes Schindler. Es gehe auch gar nicht darum, Menschen in Schutz
zu nehmen, sondern um ein Nebeneinander im öffentlichen Raum. "Ein
Miteinander wäre zu viel verlangt."
Konfliktpotenzial
150.000 Menschen täglich passieren im Schnitt den Bahnhof
Praterstern. "Alle mit unterschiedlichen Bedürfnissen", sagt der SAM-Bereichsleiter. Allein diese Tatsache indiziere bereits ein Konfliktpotenzial.
Sicherheit im öffentlichen Raum sei ein subjektives Empfinden und es
gelte zu bedenken: So wie eine Gruppe Alkoholisierter ein Gefühl der
Unsicherheit hervorrufen könne, könne das auch eine Gruppe uniformierter
Polizisten.
Der Praterstern gilt als vergleichsweise sicherer Ort in Wien, aber
"natürlich ist Gewalt ein Thema", meint Schindler. "Körperliche
Übergriffe kommen milieubedingt vor, weil die Hemmschwelle von
Alkoholkranken eine andere ist." Konflikte finden vor allem innerhalb
der eigenen Gruppe sowie zwischen den verschiedenen Gruppen statt. "So
gut wie gar nicht gegenüber Passanten und auch nicht gegenüber den SAM
2-Mitarbeitern", betont er.
Bei Passanten und Geschäftsleuten kommt dennoch ein Gefühl der
Unsicherheit auf, wenn sie Zeugen einer Auseinandersetzung werden. "Wenn
es in einem Bierzelt zu einer Rauferei kommt, kräht kein Hahn danach.
Wenn das im öffentlichen Raum passiert, dann ist es in den
Boulevardmedien und der Praterstern ist plötzlich 'gefährlich‘",
kritisiert der SAM-Bereichsleiter den medialen Einfluss auf das
Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.
"Darf das sein?"
Es geht aber nicht nur um die Angst vor tätlichen Übergriffen. "Da
liegt jemand besoffen am Boden, das darf doch nicht sein", lautet eine
der Standardbeschwerden, mit denen sich die SAM 2-Mitarbeiter konfrontiert
sehen. "Darf das sein?" fragt Schindler, und antwortet: "Das darf sein,
denn eine Großstadt bildet unterschiedlichste soziale Bilder ab." Ein
Ziel ist, Verständnis für Menschen zu erwirken. Menschen, die nicht in
das neue architektonische Stadtbild des Pratersterngebäudes passen. Das
funktioniert nur, indem man bei sämtlichen Betroffenen ansetzt.
Die Hilfeleistung für die Klienten beruht auf Freiwilligkeit. Doch
oft ist die erste Reaktion auf die SAM 2-Mitarbeiter seitens der "Szene"
Ablehnung, vor allem wegen der knallroten Dienstkleidung. Einerseits
signalisiert diese zwar Hilfe, andererseits wird sie als Uniform
empfunden. "Hier gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein", sagt Schindler.
"Wir suchen so lange das Gespräch, bis Vertrauen aufgebaut ist."
Regeln aushandeln
Manchmal schläft einer ein, manchmal übergibt sich einer, manchmal
beginnen zwei handgreiflich zu werden. Werden die Regeln zur Nutzung des
öffentlichen Raumes nicht eingehalten, kann die Polizei einschreiten.
Schindler führt allerdings folgendes Beispiel vor Augen: "Wenn ein Raucher,
beim Durchqueren des Praterstern-Gebäudes seinen Tschikstummel auf
den Boden wirft, kann es zu Sanktionen durch die Polizei kommen. Aber wie
oft passiert das? So gut wie nie, denn permanent strafen ist nicht das
Ziel." Vielmehr gelte es, Regeln auszuhandeln, die auf gegenseitigem
Verständnis beruhten. Daran anknüpfend könne so etwas wie Zivilcourage
entstehen. Schindler: "Meine KollegInnen kompensieren oft das, was an
Zivilcourage fehlt." Sie mischen sich ein und versuchen zu deeskalieren,
bevor es zu tätlichen Übergriffen kommt. Ist es bereits dazu gekommen,
wird die Polizei informiert, denn "Selbstschutz geht immer vor
Fremdschutz".
Erfolg ist etwas anderes als "Clean" zu sein
SAM 2 definiert sich als eine sehr niederschwellige Einrichtung. Im
Zentrum steht den Klienten beim Überleben zu helfen Oft handelt es sich
um Menschen, die Ansprüche an das Sozialsystem haben, diese aber nicht
mehr nutzen wollen. "Wir versuchen, sie behutsam wieder an ihre
Ansprüche heranzuführen", erzählt Schindler. Jemand, der jahrelang auf
der Straße gelebt hat, kann im besten Fall dazu bewegt werden, in einem
Obdachlosenheim zu übernachten, oder einer notwendigen Operation
zuzustimmen. Solche vermeintlich kleinen Schritte definiert man bei SAM 2
als Erfolge - ebenso die geglückte Zusammenarbeit mit anderen sozialen
Einrichtungen, den Geschäftsleuten am Praterstern, der Polizei, den
Wiener Linien oder den ÖBB.
Erfolg ist jedenfalls etwas anderes als die Klienten "clean" zu
sehen und der größte Erfolg ist,
wenn sich ein Mitglied der "Szene" letztendlich in einem stabilen
sozialen Gefüge wiederfindet. "Aber das ist Knochenarbeit. Nachhaltig zu
helfen ist schwierig, weil Alkoholkranke oft nicht zuverlässig sein
können, gerade was die Vereinbarung von Terminen betrifft."
"Wir sind keine Sozialfeuerwehr"
Zuweilen kommt es auch vor, dass SAM den Beschwerdeführern selbst Hilfestellung leistet: So fühlt sich ein Anrainer von den Alkoholkranken gestört, die er jeden Tag von seinem Fenster aus sehen kann. Es stellt sich heraus, dass er selbst aus prekären sozialen Verhältnissen kommt, einsam ist und Angst vor einem ähnlichen Schicksal hat. Auch hinter abschätzigen Aussagen, die das SAM 2-Team regelmäßig zu hören bekommt, steht weniger die Angst vor Übergriffen, sondern vor der eigenen Hilf- und Machtlosigkeit.
Im Gespräch versucht man Verständnis zu wecken. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Als "großartig" bezeichnet es Schindler, wenn man sich mit Geschäftsleuten arrangieren könne. "Diese haben aufgrund ihres Standpunktes zumeist das Interesse: 'Tuts den da weg!‘ Aber so funktioniert das nicht. Wir sind keine Sozialfeuerwehr."
Auch das Thema Toleranz sieht der SAM-Bereichsleiter kritisch: "Wir alle müssen mit einer potenziellen Suchtproblematik zurecht kommen. Wie können wir uns anmaßen, jemanden, der das nicht kann, zu 'tolerieren'? Wenn wir selbst im Öl sind, führen wir uns auch auf, aber halt auf Partys und in Lokalen und nicht im öffentlichen Raum. Weil wir es uns leisten können, in einem geschützten Raum betrunken zu sein. Wer sich das nicht leisten kann, nutzt den öffentlichen Raum dafür." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 04.11.2011)
Das SAM 2-Team am Praterstern besteht aus neun Personen und ist täglich
verfügbar. Die MitarbeiterInnen sind unter der Telefonnummer
0676/ 33 0 33 13 oder per e-Mail über sam2@vws.or.at erreichbar.