"Wir sind keine Sozialfeuerwehr"

4. November 2011, 10:20
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Das mobile Interventionsteam SAM 2 versucht am Wiener Praterstern die "Alkoholszene" und Passanten zu einem konfliktfreien Nebeneinander zu bewegen

Ein windiger Donnerstag im Oktober, zehn Uhr Vormittag. Der Bahnhof Praterstern und seine Peripherie präsentieren sich schwach frequentiert. Hannes Schindler, Bereichsleiter der drei mobilen Interventionsteams SAM - eines davon ist das SAM 2 am Praterstern - führt uns um den Gebäudekomplex herum.

Beim Tegetthoff-Denkmal und auf einer Bank vor der Halle halten sich jeweils drei, vier Männer auf, die erst bei genauerer Betrachtung durch abgetragene Kleidung und Bierdosen in ihrer Umgebung auffallen. "Obdachlose Alkoholiker" öffnet sich die Kategorisierungszwang-Schublade. "Das sind nicht ausschließlich Obdachlose und/oder Alkoholiker, sondern oft auch einkommensschwache Personen mit einer kleinen Wohnung, die hier im öffentlichen Raum ihre Freizeit verbringen und dabei auch Alkohol konsumieren", erklärt Hannes Schindler.

"Marginalisierte Personen"

Dennoch, zu stärker frequentierten Zeiten ist es nicht zu übersehen: Am Praterstern dominiert die "Alkoholszene". Orte mit erhöhter Infrastruktur seien ideal für Menschen mit Suchtproblematik, weil hier permanenter Nachschub der Substanz gewährleistet ist, meint Schindler. Der Praterstern hat sieben Tage die Woche geöffnet, die Preise in den Geschäften sind erschwinglich. Es gehe weniger um den Aufenthalt in beheizten Räumen sondern um Sozialisierung. "Man weiß, man findet hier Gesellschaft, kennt sich, ist unter Gleichgesinnten", ergänzt Schindler. Wie viele Personen die Szene umfasst, lasse sich nicht genau sagen, "jetzt gerade schätze ich, sind zehn bis fünfzehn sogenannte 'marginaliserte Personen‘ anwesend. Es gibt eine Kerngruppe - ich nenne sie die 'Residents‘ - die praktisch hier ihren Wohnsitz haben, auch wenn sie vielleicht nicht obdachlos sind." Einige davon betreuen die insgesamt neun Mitarbeiter des SAM 2-Teams bereits seit Projektbeginn vor vier Jahren.

Vermittlung und Deeskalation

Sieben Tage die Woche, acht Stunden pro Schicht patroullieren jeweils zwei SAM 2-Mitarbeiter in knallroter Dienstkleidung am Praterstern und Umgebung, in der U-Bahn-Anlage bis zu den Durchgangssperren und, in Krisenfällen, auch in den Hallen der ÖBB. SAM steht für 'Sozial, Sicher, Aktiv, Mobil'. Bereits die Präsenz der roten Jacken verheißt Unterstützung für Passanten, Geschäftsleute, Wiener Linien- und ÖBB-Mitarbeiter und vor allem für die "Szene". Die SAM-Mitarbeiter definieren sich als Bindeglied zwischen Menschen und jeder kann sich an sie wenden.

Das Team besteht aus Sozialarbeitern, Soziologen, Psychologen, Mediatoren und Lebensberatern, davon einige mit Migrationshintergrund. So wie sich am Praterstern Menschen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen finden - aus Österreich, Polen, Rumänien oder Ungarn. "Viele, die sich in ihrer Freizeit hier aufhalten, kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, sind traumatisiert oder leiden an psychischen Erkrankungen, die den Verlust von Geld, Job und Wohnung nach sich ziehen", erzählt Schindler. Seine Mitarbeiter vermitteln hilfsbedürftige Menschen an zuständige soziale Einrichtungen und greifen im Fall von Konflikten deeskalierend ein.

"Ein Miteinander wäre zu viel verlangt"

Eine Gruppe alkoholisierter Klienten ruft mit hohem Lärmpegel den Missmut der Geschäftsleute und Passanten hervor. Zwei SAM 2-Mitarbeiter mischen sich ein: "Ihr seid so laut, die Leute beschweren sich." "Geh schleichts euch, wir machen, was wir wollen." Man sucht das Gespräch, dann kommt eine Frage, die immer wieder gestellt wird: "Was könnt ihr überhaupt für uns machen?" Jemandem ein Pflaster zu geben, oder zu einem neuen Pass zu verhelfen, sind die kleinen Dinge mit oft großer Wirkung. "Keine Frage: Es gibt Probleme am Praterstern", sagt Hannes Schindler. Es gehe auch gar nicht darum, Menschen in Schutz zu nehmen, sondern um ein Nebeneinander im öffentlichen Raum. "Ein Miteinander wäre zu viel verlangt."

Konfliktpotenzial

150.000 Menschen täglich passieren im Schnitt den Bahnhof Praterstern. "Alle mit unterschiedlichen Bedürfnissen", sagt der SAM-Bereichsleiter. Allein diese Tatsache indiziere bereits ein Konfliktpotenzial. Sicherheit im öffentlichen Raum sei ein subjektives Empfinden und es gelte zu bedenken: So wie eine Gruppe Alkoholisierter ein Gefühl der Unsicherheit hervorrufen könne, könne das auch eine Gruppe uniformierter Polizisten.

Der Praterstern gilt als vergleichsweise sicherer Ort in Wien, aber "natürlich ist Gewalt ein Thema", meint Schindler. "Körperliche Übergriffe kommen milieubedingt vor, weil die Hemmschwelle von Alkoholkranken eine andere ist." Konflikte finden vor allem innerhalb der eigenen Gruppe sowie zwischen den verschiedenen Gruppen statt. "So gut wie gar nicht gegenüber Passanten und auch nicht gegenüber den SAM 2-Mitarbeitern", betont er.

Bei Passanten und Geschäftsleuten kommt dennoch ein Gefühl der Unsicherheit auf, wenn sie Zeugen einer Auseinandersetzung werden. "Wenn es in einem Bierzelt zu einer Rauferei kommt, kräht kein Hahn danach. Wenn das im öffentlichen Raum passiert, dann ist es in den Boulevardmedien und der Praterstern ist plötzlich 'gefährlich‘", kritisiert der SAM-Bereichsleiter den medialen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.

"Darf das sein?"

Es geht aber nicht nur um die Angst vor tätlichen Übergriffen. "Da liegt jemand besoffen am Boden, das darf doch nicht sein", lautet eine der Standardbeschwerden, mit denen sich die SAM 2-Mitarbeiter konfrontiert sehen. "Darf das sein?" fragt Schindler, und antwortet: "Das darf sein, denn eine Großstadt bildet unterschiedlichste soziale Bilder ab." Ein Ziel ist, Verständnis für Menschen zu erwirken. Menschen, die nicht in das neue architektonische Stadtbild des Pratersterngebäudes passen. Das funktioniert nur, indem man bei sämtlichen Betroffenen ansetzt.

Die Hilfeleistung für die Klienten beruht auf Freiwilligkeit. Doch oft ist die erste Reaktion auf die SAM 2-Mitarbeiter seitens der "Szene" Ablehnung, vor allem wegen der knallroten Dienstkleidung. Einerseits signalisiert diese zwar Hilfe, andererseits wird sie als Uniform empfunden. "Hier gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein", sagt Schindler. "Wir suchen so lange das Gespräch, bis Vertrauen aufgebaut ist."

Regeln aushandeln

Manchmal schläft einer ein, manchmal übergibt sich einer, manchmal beginnen zwei handgreiflich zu werden. Werden die Regeln zur Nutzung des öffentlichen Raumes nicht eingehalten, kann die Polizei einschreiten. Schindler führt allerdings folgendes Beispiel vor Augen: "Wenn ein Raucher, beim Durchqueren des Praterstern-Gebäudes seinen Tschikstummel auf den Boden wirft, kann es zu Sanktionen durch die Polizei kommen. Aber wie oft passiert das? So gut wie nie, denn permanent strafen ist nicht das Ziel." Vielmehr gelte es, Regeln auszuhandeln, die auf gegenseitigem Verständnis beruhten. Daran anknüpfend könne so etwas wie Zivilcourage entstehen. Schindler: "Meine KollegInnen kompensieren oft das, was an Zivilcourage fehlt." Sie mischen sich ein und versuchen zu deeskalieren, bevor es zu tätlichen Übergriffen kommt. Ist es bereits dazu gekommen, wird die Polizei informiert, denn "Selbstschutz geht immer vor Fremdschutz".

Erfolg ist etwas anderes als "Clean" zu sein

SAM 2 definiert sich als eine sehr niederschwellige Einrichtung. Im Zentrum steht den Klienten beim Überleben zu helfen Oft handelt es sich um Menschen, die Ansprüche an das Sozialsystem haben, diese aber nicht mehr nutzen wollen. "Wir versuchen, sie behutsam wieder an ihre Ansprüche heranzuführen", erzählt Schindler. Jemand, der jahrelang auf der Straße gelebt hat, kann im besten Fall dazu bewegt werden, in einem Obdachlosenheim zu übernachten, oder einer notwendigen Operation zuzustimmen. Solche vermeintlich kleinen Schritte definiert man bei SAM 2 als Erfolge - ebenso die geglückte Zusammenarbeit mit anderen sozialen Einrichtungen, den Geschäftsleuten am Praterstern, der Polizei, den Wiener Linien oder den ÖBB.

Erfolg ist jedenfalls etwas anderes als die Klienten "clean" zu sehen und der größte Erfolg ist, wenn sich ein Mitglied der "Szene" letztendlich in einem stabilen sozialen Gefüge wiederfindet. "Aber das ist Knochenarbeit. Nachhaltig zu helfen ist schwierig, weil Alkoholkranke oft nicht zuverlässig sein können, gerade was die Vereinbarung von Terminen betrifft."

"Wir sind keine Sozialfeuerwehr"

Zuweilen kommt es auch vor, dass SAM den Beschwerdeführern selbst Hilfestellung leistet: So fühlt sich ein Anrainer von den Alkoholkranken gestört, die er jeden Tag von seinem Fenster aus sehen kann. Es stellt sich heraus, dass er selbst aus prekären sozialen Verhältnissen kommt, einsam ist und Angst vor einem ähnlichen Schicksal hat. Auch hinter abschätzigen Aussagen, die das SAM 2-Team regelmäßig zu hören bekommt, steht weniger die Angst vor Übergriffen, sondern vor der eigenen Hilf- und Machtlosigkeit.

Im Gespräch versucht man Verständnis zu wecken. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Als "großartig" bezeichnet es Schindler, wenn man sich mit Geschäftsleuten arrangieren könne. "Diese haben aufgrund ihres Standpunktes zumeist das Interesse: 'Tuts den da weg!‘ Aber so funktioniert das nicht. Wir sind keine Sozialfeuerwehr."

Auch das Thema Toleranz sieht der SAM-Bereichsleiter kritisch: "Wir alle müssen mit einer potenziellen Suchtproblematik zurecht kommen. Wie können wir uns anmaßen, jemanden, der das nicht kann, zu 'tolerieren'? Wenn wir selbst im Öl sind, führen wir uns auch auf, aber halt auf Partys und in Lokalen und nicht im öffentlichen Raum. Weil wir es uns leisten können, in einem geschützten Raum betrunken zu sein. Wer sich das nicht leisten kann, nutzt den öffentlichen Raum dafür." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 04.11.2011)


Das SAM 2-Team am Praterstern besteht aus neun Personen und ist täglich verfügbar. Die MitarbeiterInnen sind unter der Telefonnummer 0676/ 33 0 33 13 oder per e-Mail über sam2@vws.or.at erreichbar.

  • 150.000 Menschen frequentieren täglich den Bahnhof Praterstern. "Alle mit unterschiedlichen Bedürfnissen"...
    foto:derstandard.at/tinsobin

    150.000 Menschen frequentieren täglich den Bahnhof Praterstern. "Alle mit unterschiedlichen Bedürfnissen"...

  • ... "Allein diese Tatsache indiziert ein Konfliktpotenzial", sagt Hannes Schindler, Brereichsleiter des mobilen Interventionsteams SAM.
    foto:derstandard.at/tinsobin

    ... "Allein diese Tatsache indiziert ein Konfliktpotenzial", sagt Hannes Schindler, Brereichsleiter des mobilen Interventionsteams SAM.

  • Die Kaiserwiese, sonst ein beliebter Aufenthaltsort für die "Szene", ist an diesem kalten Oktobertag menschenleer.
    foto:derstandard.at/tinsobin

    Die Kaiserwiese, sonst ein beliebter Aufenthaltsort für die "Szene", ist an diesem kalten Oktobertag menschenleer.

  • Auf einer Bank vor der Halle halten sich drei, vier Männer auf, 
die erst bei genauerer Betrachtung durch abgetragene Kleidung und 
Bierdosen in ihrer Peripherie auffallen.
    foto: derstandard.at/tinsobin

    Auf einer Bank vor der Halle halten sich drei, vier Männer auf, die erst bei genauerer Betrachtung durch abgetragene Kleidung und Bierdosen in ihrer Peripherie auffallen.

  • Manchmal schläft einer ein, manchmal übergibt sich einer, manchmal 
beginnen zwei handgreiflich zu werden. Zwei SAM 
2-Mitarbeiter mischen sich ein. Folgende Frage
wird immer wieder gestellt : "Was könnt ihr überhaupt für uns machen?"
    foto: sam 2

    Manchmal schläft einer ein, manchmal übergibt sich einer, manchmal beginnen zwei handgreiflich zu werden. Zwei SAM 2-Mitarbeiter mischen sich ein. Folgende Frage wird immer wieder gestellt : "Was könnt ihr überhaupt für uns machen?"

  • Es geht weniger um den Aufenthalt in beheizten Räumen sondern um 
Sozialisierung. Man findet hier Gesellschaft, ist
 unter Gleichgesinnten.
    foto:derstandard.at/tinsobin

    Es geht weniger um den Aufenthalt in beheizten Räumen sondern um Sozialisierung. Man findet hier Gesellschaft, ist unter Gleichgesinnten.

  • "Wenn
 es in einem Bierzelt zu einer Rauferei kommt, kräht kein Hahn danach. 
Wenn das im öffentlichen Raum passiert, dann ist es in den 
Boulevardmedien und der Praterstern ist plötzlich 'gefährlich‘", kritisiert Hannes Schindler.
    foto:derstandard.at/tinsobin

    "Wenn es in einem Bierzelt zu einer Rauferei kommt, kräht kein Hahn danach. Wenn das im öffentlichen Raum passiert, dann ist es in den Boulevardmedien und der Praterstern ist plötzlich 'gefährlich‘", kritisiert Hannes Schindler.

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