Ein leidenschaftliches Plädoyer für den Euro aus US-amerikanischer Perspektive - von Roger Cohen
Jean Monet, der Architekt der Europäischen Union der Nachkriegszeit, hat einmal geschrieben: "Nichts geht ohne Menschen, aber nichts ist bleibend ohne Institutionen." Wenn die Menschheit versagt, retten die besten Institutionen sie vor dem Abgrund. So gesehen kann der Aufbau der EU wie auch die Verfassung der USA als ein kreativer Schöpfungsakt betrachtet werden.
Eine Einheit zu lieben ist schwer, zumal das Ding nicht greifbar ist, aber ich liebe die farblosen Brüsseler Institutionen, die meiner Generation den Frieden gebracht haben, der unseren Vorfahren verwehrt war - all den jungen Männern, deren Namen in Granit eingemeißelt sind in melancholischen Gedenkstätten quer durch Europa. Es ist der Erfolg der Europäischen Union, dass Frieden nun als selbstverständlich angesehen wird von der halben Milliarde seiner Einwohner. Niemand bleibt heute noch bei den Gedenkstätten stehen. In Tagen wie diesen überkommt es mich, laut zu schreien: "Erinnert euch!" - Aber das ist eine überzogene Forderung in Zeiten, wo die Menschen von Frankreich nach Deutschland pendeln und weiter nach Polen, ohne an einer Grenze anhalten zu müssen - quer über die alten Schlachtfelder.
Dennoch verspüre ich eine aufkeimende Wahrnehmung für den Ernst der europäischen Krise und der eher politischen als finanziellen Gefahr, die von ihr ausgeht: in den Parallelen, die zwischen Danzig 1939 und Athen 2011 gezogen werden können.
"Kapitalismus bedeutet Krise" , prangt von einem Transparent der Occupy-Bewegung um die St.-Pauls-Kathedrale in London. So ist es. Nachzulesen bei Joseph Schumpeter: "Wirtschaftlicher Fortschritt in einer kapitalistischen Gesellschaft bedeutet Aufruhr." Jetzt kommt es darauf an, die Menschen davon zu überzeugen, dass eine Krise mehr kreatives Potenzial hat als destruktives. - Die Europäische Union wurde für eine Situation wie diese geschaffen. Ihre Bestimmung liegt darin, Garant dafür zu sein, dass das Schlimmste verhindert wird: Nicht dafür, den Europäern postmoderne Seligkeit zu bescheren, sondern sie vor der Hölle zu bewahren, die 1914 vor fast einem Jahrhundert begann und kein Ende fand, bis der Kontinent 1945 in Trümmern lag.
In diesem Sinne: Rekapitalisiert die Banken. Vergrößert den Rettungsfonds. Tut, was immer notwendig ist. Deutschland, einst von der EU vor dem Ruin bewahrt, muss die Rettung des Euro anführen, oder es riskiert den Verlust der Stabilität, die ihm so überaus viel bedeutet.
Die besten Institutionen sind immer auch selbstkorrigierende Mechanismen. Sie funktionieren wie die "checks and balances" der US-Verfassung. Sie verwandeln Krisen in Chancen. Zur rechten Zeit wird die Verteidigung des Euro den Europäern einen föderalen Sprung nach vorne abverlangen. Das wird zu ihrem Vorteil sein, auch wenn sie das jetzt noch nicht abzusehen vermögen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)
Roger Cohen ist Kolumnist der "New York Times", der dieser Beitrag in Kurzfassung entnommen ist.
Übersetzung: Elisabeth Loibl