106 Milliarden Euro gesucht

27. Oktober 2011, 21:16
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Die Banken wollen nicht mehr Kapital aufnehmen, sondern über den Verkauf von Anteilen und Wertpapieren schrumpfen

Das europäische Bankensystem muss sich nach dem EU-Gipfel auf Kapitalsuche begeben. Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) verlangt von 70 der größten Geldinstitute in der Eurozone, dass sie ihr hartes Eigenkapital (Tier One) deutlich stärken.

Die EBA hat errechnet, dass Europas Banken ihr Kapital um 106,4 Milliarden Euro stärken müssen (siehe Grafik), um eine Kernkapitalquote von neun Prozent zu erreichen, mehr als etwa das neue Eigenkapitalregelwerk Basel III vorsieht, das in den kommenden Jahren umgesetzt wird. Banken, die besonders viele im Wert gesunkene Staatsanleihen in den Büchern haben, müssen de facto mehr als neun Prozent vorhalten, weil auch Puffer für Staatsanleihenverluste verlangt werden. Dabei klafft das größte Kapitalloch (30 Milliarden Euro) in Griechenland. Premierminister Georgios Papandreou kündigte an, dass einige Banken verstaatlicht werden könnten, wenn sie nach der Abschreibung von Staatsanleihen auf Kapital aus öffentlicher Hand angewiesen sind.

Die Kapitalberechnung durch die EBA sieht eine Bewertung von Staatsanleihenportfolios zu Marktpreisen vor. Damit wurden auch die jüngsten Kurseinbrüche bei spanischen und italienischen Staatsanleihen in die Untersuchung miteinbezogen. Es sind daher italienische und spanische Banken, die laut EBA den höchsten Kapitalbedarf nach Griechenland haben, zusammen mehr als 40 Milliarden Euro.

Italiens Banken müssen demnach 17,8 Milliarden Euro frisches Kapital aufnehmen. UniCredit, Mutter der Bank Austria, benötigt 4,4 Milliarden Euro, um die neue Vorgabe erfüllen zu können.

In Spanien sind insgesamt gar 26 Milliarden Euro zur Bankenrekapitalisierung nötig. Analysten kritisieren, dass die spanischen Sparkassen, die nach dem Immobilienboom vor der Krise besonders viele faule Kredite in den Büchern haben, nicht berücksichtigt wurden.

Keine Kapitalaufnahme nötig

Die Geldinstitute versuchten ihre Aktionäre aber zu beruhigen. Man werde nicht über den Staat oder den EFSF Geld aufnehmen müssen, tönte es unisono aus Mailand, Frankfurt, Paris oder Madrid. Stattdessen werde man das Kapital über den Verkauf von Anteilen und weniger Kreditvergabe freimachen. So betonte Frankreichs Finanzminister François Baroin, dass die französischen Banken ihre Kapitalposition bis zur Frist im Juni 2012 mithilfe von einbehaltenen Gewinnen und der Kürzung von Boni stärken könnten, Unterstützung vom Staat bräuchten sie nicht. Dabei waren es die französischen Banken, die vonseiten der Kapitalmärkte und Ratingagenturen über den Sommer unter Druck kamen. Der Bedarf von 8,8 Milliarden Euro verteilt sich auf die drei Großbanken BPCE (3,4 Milliarden), Société Générale (3,3 Milliarden) und BNP Paribas (2,1 Milliarden).

Ebenso bekräftigt Wirtschaftsministerin Elena Salgado, dass Spaniens Banken stark genug seien, um die beschlossene Rekapitalisierung alleine meistern zu können. Staatliche Hilfen seien dazu nicht erforderlich, sagte Salgado am Donnerstag in Madrid.

Analysten erwarten daher in den kommenden Wochen konkrete Ankündigungen der Geldinstitute, die Risikopositionen zurückzufahren, anstatt Kapital aufzunehmen. Die Banken müssen bis Weihnachten einen Plan vorlegen, wie sie genau die Anforderungen erfüllen wollen. Die Aufseher wollen aber verhindern, dass einfach weniger Kredite vergeben werden. Dazu sollen etwa Refinanzierungsgarantien vergeben werden können.

Bankanalysten etwa von Credit Suisse erwarten, dass die meisten Geldinstitute in der Lage sein sollten, den Kapitalbedarf mit einem Aussetzen der Dividende 2011 und 2012 zu decken. So kündigt etwa die teilverstaatlichte deutsche Commerzbank an, dass der Kapitalbedarf laut EBA bei 2,94 Mrd. Euro liegt. Finanzchef Eric Strutz bekräftigte, dass die Bank versuchen werde, die geforderte Kapitalquote anders als mit Kapitalerhöhungen zu erreichen.

Die 106 Milliarden Euro, die von den europäischen Banken nun verlangt werden, könnte aber noch sinken. Einerseits wurde etwa der Kapitalbedarf von Griechenland und Portugal bereits in den bestehenden Rettungsprogrammen festgehalten. Zum anderen wird die EBA im November (mit den Bankkennzahlen per Ende September) den endgültigen Kapitalbedarf errechnen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)

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    grafik: der standard
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