Kantige Wolken und stöckelnde Prothesen

27. Oktober 2011, 18:05
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Spätestens seit seiner Teilnahme an der Biennale Venedig 2011 zählt Markus Schinwald zu den international meistbeachteten Künstlern seiner Generation. Das Linzer Lentos gewährt einen Werküberblick

Linz - Mit Mischungen aus Vertrautem und Unvertrautem hat Markus Schinwald Erfahrung. Seine Inszenierungen verbreiten eine Aura des Unheimlichen, dessen Geheimnis laut Freud im (Miss-)Verhältnis zwischen Bekanntem und Unbekanntem liegt. Schinwald bastelt mit filmischen, skulpturalen, malerischen und architektonischen Mitteln an einem Zustand zwischen Gerade-nicht-mehr-Balancehalten und Kippen.

Ein psychischer Effekt, für den der 38-jährige Künstler seine Requisiten und Kulissen verrückt, sie verschiebt und modifiziert. Seinen Protagonisten auf der Leinwand verpasst er Prothesen - Stützgerüste für die perfekte Haltung oder Hilfsmittel für die sozial verträgliche Mimik wie folterhafte Bartbinden, bissige Maulkörbe und scharfe Klammern.

Im eleganten Labyrinth, das der Biennale-Venedig-Teilnehmer heuer in den Österreich-Pavillon gesetzt hat, war - bei gleichzeitiger Fußfreiheit - der Horizont ein beschränkter: "Das Hirn ist eng, der Schritt ist frei", stichelte Schinwald im Hinblick auf die nationale Befindlichkeit. Schinwalds architektonische Apparatur, seine Raumprothese zwang jedoch den Blick und damit jeden noch so großen Luftikus zu Boden.

Im Linzer Lentos, das Schinwald eine Überblicksausstellung widmet, gilt es ebenso diesen mal gängelnden, mal weise lenkenden und manchmal gar unterwerfenden Aspekt seiner Raumarchitekturen zu erkennen. Man muss Barrieren überwinden, sich recht knapp an der Wand entlangschieben, um vorkragende Elemente zu passieren, oder über Podeste steigen. Es sind Raumprothesen für die richtige Perspektive zu den Dingen. Schinwald verweist auf alte japanische Architektur, bei der man sich erst verbeugen muss, um eintreten zu können.

Eine wichtige Dimension neben der vordergründig pragmatischen: Denn natürlich rang Schinwald mit der schwierigen Architektur der großen Halle - und siegte; er musste sie für sich passend machen: Mit Wänden von unterschiedlicher Höhe und horizontalen Elementen - schwebenden Decken - schuf er offene Kompartimente. Es sind kleine Bühnen, Laufstege, gerade groß genug für die psychologischen Haltungsetüden, für alltägliche Paraden und sich in unserer Physiognomie spiegelnden Verrenkungen. Nicht nur mit Licht und Schatten, sondern mit verschiedenen Weißtönen schafft Schinwald ein neutrales, aber atmosphärisch perfektes Display: "kantige Wolken".

Seine räumlichen Interventionen sind das eigentlich neue Werk für die Linzer Ausstellung; sie stehlen den Arbeiten seit den späten 1990er-Jahren ein wenig die Schau. Auch bei deren Inszenierung spielt Schinwald mit Vertrautem, durchkreuzt Wahrnehmungsgewohnheiten. Denn allzu leicht ist man versucht, Station für Station abzuschreiten, hat doch Schinwald seine frühen Kleidungsstücke wie im Modesalon auf Schneiderpuppen gehängt - das Jubelhemd für emporgerissene Arme und die elegant am Rücken geschnürten Zwangsjackensakkos. Auch seine eher zum Stolpern gereichenden Schuhe - "auch ein Stöckelschuh ist eine Prothese" - sind wie Skulpturen am Sockel aufgereiht.

Vorspiel mit Marionette

Früher oft über den Modefilter rezipiert, spielt Schinwald jetzt ganz bewusst mit der ungeliebten Einordnung. Seine Dramaturgie stellt sich bereits nach der nächsten Ecke, wenn der architektonische Hürdenlauf beginnt, als bewusste Irreführung heraus. Auch im Vorspiel mit Ali und Korinna sind die aus seinen Filmen bekannten Marionetten keine Grüß-Auguste im Entree. Vielmehr stellen sie sich als Mitspieler in einem Stück vor. Vertrauter und besser sind sie, wenn Schinwald sie wie üblich als Requisiten in seine komplexen Allover-Installationen und Filme einbettet und nicht wie stumme Diener in die Ecke stellt.  (Anne Katrin Feßler  / DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)

Bis 12. 2. Die Performance "A Stage Matrix" (ursprünglich mit Oleg Soulimenko) wird am 15. 12. und 19. 1. mit Linzer Schauspielern aufgeführt.

  • Psychische Zustände erzwingen physische Äquivalente: Tänzer und Schauspieler verkörpern im bürgerlichen Ambiente seelische Grenzzustände (Markus Schinwalds "1st part conditional", 2004)
    foto: vbk, wien 2011

    Psychische Zustände erzwingen physische Äquivalente: Tänzer und Schauspieler verkörpern im bürgerlichen Ambiente seelische Grenzzustände (Markus Schinwalds "1st part conditional", 2004)

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