"Banken werden erstmals zur Verantwortung gezogen"

Interview27. Oktober 2011, 18:19
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Kein Durchbruch, aber ein Lichtblick: Der deutsche Ökonom Max Otte lobt die Fortschritte beim EU-Gipfel

Warum Griechenland dennoch aus der Eurozone austreten sollte, erzählte Max Otte im Interview.

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STANDARD: Bankenrekapitalisierung, ein Schuldenschnitt für Griechenland: Die Eurozone scheint einiges vorangebracht zu haben. Ist der Durchbruch gelungen?

Max Otte: Die Eurozone hat tatsächlich Fortschritte erzielt. Die Vereinbarung nimmt etwas Druck von den Griechen. Ebenso wichtig ist, dass erstmals die Banken mit in die Verantwortung genommen werden. Sie sind ja an der Krise mindestens genauso schuld wie Griechenland selbst, weil sie den ganzen Wahnsinn mit ihren Krediten mitfinanziert haben. Auch die Zwangskapitalisierung der Kreditinstitute ist ein extrem positives Zeichen. Eines lässt sich damit sagen: Bis jetzt war alles, was die EU gemacht hat, ein Spiel auf Zeit, indem die Banken die Politik vor sich hergetrieben haben und die Öffentlichkeit einen Sozialismus für Banken betreiben mussten. Diese Entwicklung wurde erstmals durchbrochen, und das ist ein Lichtblick.

STANDARD: Die griechische Wirtschaft schrumpft rapide, das Staatsdefizit liegt bei acht Prozent. Ist die Gefahr nicht groß, dass der Schuldenschnitt zu klein ist und Europa in fünf Jahren wieder vor den gleichen Problemen steht?

Otte: Ich sehe das noch viel kurzfristiger: Wir werden in drei, vier Jahren wieder vor einem Überschuldungsproblem Griechenlands stehen. Auch wenn sie weiter kräftig kürzen, wird das nicht ausreichen. Längerfristig sehe ich als einzige Lösung für das Land die Rückkehr zur Drachme. Dann müssten die Griechen zwar noch viel stärker sparen als derzeit, sie könnten das aber demokratisch und selbstbestimmt tun und nicht unter einem Brüsseler Diktat. Erst damit wäre ein richtiger Befreiungsschlag für Griechenland möglich.

STANDARD: Der Eurorettungsschirm wird künftig Anleihen von verschuldeten Ländern versichern können. Dadurch sollen die Zinsen, die Italien und Spanien für Kredite bezahlen, sinken. Kann das funktionieren?

Otte: Ja. Italien geht es nicht so schlecht. Das Land hat ein Defizit von 4,4 Prozent, Amerika eines von elf Prozent. Für Investoren wie China wird mit dem Versicherungsmodell eine Alternative geschaffen: Entweder die Chinesen investieren weiter in den maroden und inflationsgefährdeten Dollar, oder sie schlagen doch bei den Euro-Anleihen zu. Auch das Spiel mit den Ratingagenturen könnte offener werden: Bisher ging die ganze Sache zulasten von Europa. Die Ratingagenturen haben ein Land nach dem anderen abgestuft, während die USA unangetastet blieben. Damit könnte Schluss sein.

STANDARD: Steigen die Risiken für die Steuerzahler durch das Versicherungsmodell?

Otte: Ja. Die ursprüngliche Idee war ja, dass der Eurorettungsschirm Staatsanleihen kauft. Damit wären die Risiken begrenzt gewesen: Wenn ein Euroland pleitegeht, hätte der Rettungsschirm wie alle anderen Gläubiger dreißig bis vierzig Prozent seines Investments verloren. Wenn der Schirm aber keine Anleihen kauft, sondern den riskantesten Teil von Anleihen besichert, droht er bei einer Staatspleite all sein Geld ratzfatz zu verlieren.

STANDARD: Wird der Schuldenschnitt für Griechenland auch in anderen Ländern, etwa Irland und Portugal, Begehrlichkeiten wecken?

Otte: Beide Länder stehen besser da und werden ohne Schuldenschnitt durchkommen. Irland sollten wir aus anderen Gründen aus der Eurozone schmeißen: Die machen mit einer Körperschaftssteuer von zwölf Prozent Steuerdumping sondergleichen. Deutschland, mit weniger Pro-Kopf-Einkommen, rettet Irland. Die Slowakei, mit einem nicht einmal halb so hohen Pro-Kopf-Einkommen, tut solidarisch Geld in den Rettungsfonds, um das irische Steuerdumping-Modell zu retten. Das ist doch alles grotesk. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)

MAX OTTE, Investor, Buchautor und Ökonom, lehrte zuletzt an der Wirtschaftshochschule Worms, derzeit unterrichtet er an der Uni Graz. Otte zählt zu den bekanntesten Ökonomen Deutschlands.

  • Max Otte: "Bis jetzt war alles, was die EU gemacht hat, ein Spiel auf Zeit."

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