Zuckende Klangwelten

27. Oktober 2011, 17:35
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Dem Komponisten, Organisten, Elektronikspezialisten und Improvisator Wolfgang Mitterer ist beim Festival Wien modern ein Schwerpunkt gewidmet

Ein Gespräch über die Lust am Stil- und Genrewechsel.

Wien - Schön so eine Personale - wie sie Wien modern Wolfgang Mitterer widmet. Allerdings verneint der Universalist, dass damit schon alle Aspekte, die ihn als Musiker ausmachen, abgedeckt wären. "Da müsste zumindest noch der Jazzaspekt dabei sein." Das soll jetzt aber keinesfalls arrogant klingen. Was von ihm auf dem Programm steht, empfindet Mitterer in der vorbereitenden Bewältigung vielmehr als veritable Herausforderung.

Mitterer ist ja jener Komponist, dessen raetselhaft die Tonkünstler spielen und dessen Comic-Opera Baron Münchhausen aufgeführt wird. Er ist jener Künstler, der bei seinen eigenen Liedern, gesungen von Georg Nigl, als Klavierbegleiter zu hören sein wird. Er ist auch jener Elektronikperformer, der im Semperdepot in Aktion tritt. Und er ist schließlich jener Organist, den man solo belauschen können wird, bei einem Abend im Konzerthaus, der klingen wird wie der Film "Nosferatu, aber ohne Film".

Spezielles Training

Mitterer empfindet all seine Aktivitäten als Einheit ("Das ist alles mein Kakao, es kommen verwandte Dinge heraus."), alle Bereiche würden einander bedingen. Allerdings provozieren sie mitunter interessante Methoden: "Wenn man kilometerlange Partituren schreibt, muss man den Körper wieder auf Vordermann bringen, damit er 70 Minuten an der Orgel durchhält. Ich bin viel auf Reisen, kann im Moment nicht viel am Instrument arbeiten, also praktiziere ich täglich 40 Minuten so eine Art Free Dancing. Ich lege mir zappelige Musik auf und lockere die Muskeln trainierend auf. Wenn man sich konzentriert, kann man schon nach drei Minuten schwitzen. Gut Orgel zu spielen ist ja sehr körperlich."

Wenn man mit einer intensiven Phase am Instrument beginnt, sei so ein Training im Vorfeld jedenfalls sehr hilfreich." Dieser Wechsel der Disziplinen sei aber "auch für den Kopf sehr gut. Frei improvisieren zum Beispiel ist wie ein Abladen musikalischer Ideen. Improvisation ist die Nahrung für den Komponisten." Die Schnittstelle für alles "ist aber die Elektronik, sie ist für mich die einzige Möglichkeit, den Dingen ein neues Gewand anzulegen."

Wer Mitterer einmal bei einer seiner elektronisch orientierten Soloperformances erlebt hat, versteht, was er meint: Mit untrügerischem Sinn für Dramaturgie entwirft Mitterer dynamisch zuckende, raffinierte Klangwelten, die eine ganz spezifische Sogwirkung entfalten.

Und sie vermitteln etwas Ungebändigtes, das es ganz logisch erscheinen lässt, dass Mitterer trotz fundierter Ausbildung "nie nur einen klassischen Organisten und Professor aus mir machen wollte." Nach Studien in Graz, Wien (Komposition bei Heinrich Gattermeyer) ging er 1983 ein Jahr lang ans Studio für Elektroakustische Musik in Stockholm und ließ sich dann nach und nach auf das freie Spiel der Stil- und Genrekräfte ein. Und erfolgreich.

"Seit 1990 habe ich nie mehr versucht, Jobs zu bekommen, sie sind zu mir gekommen. Alles, was ich tue, ist ein Abbild der Veranstalter, die bei mir angerufen haben." Also ein total etablierter Künstler? "Na ja, die Szene ist doch recht klein. Für Wien modern etwa bin ich sicher in den nächsten Jahren kein Thema." Außerdem, etabliert oder nicht - man steht bei jedem nächsten Projekt doch wieder vor dem Originalitätsproblem.

Klar sei dabei, dass einem "ständig Musik im Kopf herumrennt, das geht gar nicht anders. Eine Belastung ist das aber nicht, eher ein fließender freier Zustand. Belastend ist eher der E-Mail-Verkehr, der haut einen raus." Wobei: Da gibt es eine Mitterer-CD mit Music for Checking E-Mails (col legno). Inspiration ist zur Not überall. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)

Wien modern: 28. 10. bis 25. 11.

 

  • Universalmusiker Wolfgang Mitterer: "Elektronik ist für mich die einzige Möglichkeit, den Dingen ein neues Gewand anzulegen."
    foto: standard / corn

    Universalmusiker Wolfgang Mitterer: "Elektronik ist für mich die einzige Möglichkeit, den Dingen ein neues Gewand anzulegen."

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