Rentnerjugend auf Maturareise

27. Oktober 2011, 17:20
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Lou Reed und Metallica haben gemeinsam Frank Wedekinds "Lulu"-Stoff vertont. Ein bizarres Machwerk unvereinbarer Positionen zwischen Autorenrock und dumpfem Heavy Metal

Wien - Die Absicht ist klar. Lou Reed will aufgrund seines fortgeschrittenen Alters noch einmal beweisen, dass er nicht von gestern ist. Immerhin hatte der störrische wie unleidliche Großmeister des sonnenabgewandten Rock 'n' Roll die letzten Jahre damit verbracht, bei ihrem ursprünglichen Erscheinen verhöhnte Meilensteine seiner Solokarriere nach The Velvet Underground in den musealen Kanon der Rockmusik zu bugsieren.

Das ist angesichts der live und streng humorlos neu eingespielten Arbeiten Berlin von 1973 (Berlin, Mauer, Drogen, Selbstmord) und Metal Machine Music von 1975 (Lärm, Krach, Drogen, Zumutung) möglicherweise verdienstvoll. Als Kurator seiner selbst vermittelte der New Yorker Dunkelmann allerdings doch die Gewissheit, die künstlerisch besten Jahre hinter sich zu haben.

Am Checkpoint Charlie posieren heute längst Thees aus Fresenhagen und der Joe aus Wimpassing in Originaluniformen als ostdeutsche Kettenhunde für fotografierende US-Backpacker, um sich ihr Studium des Nachtlebens in Mitte finanzieren zu können. Und das einst richtungsweisende menschen- und musikfeindliche Krachmanifest Metal Machine Music, entstanden mit chemischen Hilfsmitteln und Größenwahn auf Feedbackgitarren, wird längst über eine minutiös nacherarbeitete Orchesterpartitur bei sogenannten Avantgardefestivals als Klassiker aufgeführt.

Vielleicht ist der zuletzt als Stargast der Viennale 2010 etwas fahrig und tippelschrittig wirkende 69-jährige Reed deshalb auf die König-ohne-Land-Idee gekommen, sich mit den stramm auf die 50 zugehenden Kindern der kalifornischen Metal-Kaiser Metallica zusammenzutun.

Vermitteln doch Metallica seit auch schon wieder 30 Jahren im Geschäft mit mehr als 120 Millionen weltweit verkauften Platten und zahllosen Stadiontourneen das Gefühl, es handle sich bei dem dringlichen, allerdings musikfernsehverträglichen White-Trash-Geböllere zwischen abgedämpft-gehackten Grundakkorden auf tiefer gestimmten Gitarren und wahnwitzigen Ausflügen in dreschmetallige Achterbahnfahrten in 17/16-gebrochen-durch-die-Wurzel-aus-drei-Rhythmen um exakt jene Sounds, die den Rock 'n' Roll am Leben erhalten. Kurz, Lou Reeds Walk On The Wild Side oder Sweet Jane kann auch der Klassenvorstand auf der Klampfe nachspielen, wenn er am Abschlussabend auf der Schullandwoche zu viel erwischt hat und den kleinen Lausern zeigen möchte, dass er ein wilder Hund ist. Die Beaufsichtigungspflichtigen zeigen ihm dafür ohne Scham das Teufelszeichen von Metallica.

Schwermetall mit Niveau

Basierend auf Frank Wedekinds expressionistischem Lulu-Stoff hat man sich nun nach einem Auftritt in der Rock-'n'-Roll-Hall-of-Fame 2009 dazu entschlossen, die Geschichte eines in den Moloch eines Berlins der Zwischenkriegszeit kommenden Kleinstadtmädchens und seines Aufstiegs und Falls (durch Jack the Ripper) im Rahmen einer Heavy Operette zu bearbeiten. Das ist harter, bildungsbürgerlich abgesicherter Maturastoff. Und das mit dem Album Lulu vorliegende Ergebnis klingt ziemlich bizarr.

Angestrebte Synergieeffekte finden nicht einmal im Ansatz statt. Lou Reed und Metallica waren zwar gemeinsam im Studio, um selten unter sechs Minuten angelegte Songs zu stemmen. Bevor Lulu aber in die Grube fährt, hat man es mit einer von beiden Parteien derart verzweifelt, allerdings unabhängig voneinander betriebenen Klischeeverdichtung zu tun, dass weder Anhänger Lou Reeds noch Metal-Heads daran Gefallen finden werden.

Monotoner, grubentiefer Sprechgesang im mittleren Tempobereich, dekadente, über die Jahre im Musenhain über Textschablonen aus edlen Metaphern geräucherte Texte - und dann holen Metallica den Vorschlaghammer. Hey, du geile Lulu, du, lass rocken! Es ist zum Weinen schlecht. Wie David Bowie einst in Berlin noch mit Mauer sang: "Die Scham fiel auf ihre Seite."  (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)

  • "You want heavy? You get heavy": Lou Reed und seine jungen Freunde von Metallica rocken sich auf dem Album "Lulu" bezüglich ihres gemeinsamen Altersdurchschnitts in die Frührente.
    foto: anton corbijn

    "You want heavy? You get heavy": Lou Reed und seine jungen Freunde von Metallica rocken sich auf dem Album "Lulu" bezüglich ihres gemeinsamen Altersdurchschnitts in die Frührente.

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